Ausgabe 
7.8.1887
 
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zu den

Oherhessischen UMuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 32.

Gießen, den 7. August.

Ein Jichtenbaum steht einsam. Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)

Ich schlief nicht in der Nacht. Als ich an das Fenster ging und in den mondbeschienenen Garten schaute, da sah ich deutlich die Gräfin, wie sie schattenhaft den Weg auf und ab wandelte, der sich an dem mit Gras bewachsenen Hügel herzog. Sie stand zuweilen still, als suche sie in ihrer Erinnerung, dann aber be schleunigte sich wieder ihr Schritt, als wolle sie langen Jahren des Verdrusses und des Grames entrinnen. Welche Erinnerungen drängten sich ihr auf in jener Winternacht? War es nur immer Eis und Schnee, die unversöhnlich Alles unter ihrer starren Decke begruben? Konnte kein armes grünes Reis der Versöhnung, des Vergebens auf der brennenden Felsenwand Wurzel fassen?

Guys hocherhobener Kopf und seine erzürnte Miene ließen mich endlich am andern Tage errathen, daß der Knabe glaubte, er sei verpflichtet, mir gegenüber seinen Nationaldünkel zur Schau zu tragen. Zu meinen Funktionen gehörte es, den jungen Marquis bei seinen Abschiedsbesuchen in und um Pincy zu begleiten, wobei er zu gleicher Zeit die Einladungen zur Eröffnung der Jagd auf Feldhühner und Hasen auf seinem Eigenthum in der Bretagne machte. Diese Besuche nahmen mehrere Tage in Anspruch, da die Güter, zu denen wir fuhren, nicht immer so nahe bei dem Städtchen lagen. Ich sah Gräfin Dutillier gewöhnlich erst Abends bei Tisch, sie sprach fast nichts und schien in tiefe Gedanken verloren. Abends blieb sie bei uns im kleinen Salon und Guy mochte Scheit nach Scheit behaglich ins Kamin legen, es berührte sie nicht, sie nahm nur wie geistesabwesend das weiße Häubchen von dem silberglänzenden Haar und ihr Gesicht färbte sich allmählich durch den Einfluß des Feuers. Guy strengte sich an, Geschichte aus der ersten Republik und dem ersten Kaiserreich zu treiben, indem er mir einen ver stohlenen siegreichen Seitenblick zuwarf, seine Großmutter aber ver stand nicht seine Absicht und die letzten Tage, die er wieder, durch einen starken Schneefall genöthigt, zu Hause verbrachte, boten ihm selbst nicht das Gaudium der fortgesetzten Plänkeleien zwischen der immer siegreichen alten Dame und seinem geschlagenen Prezepteur.

So kam endlich nach sechs langen Wochen unsere Abreise. Guy war schon vorausgegangen, um nachzusehen, daß seine Hunde ordentlich untergebracht wurden, und ich stand vor der Gräfin und reichte ihr die Hand zum Abschied. Ich war schon bis zur Hausthüre ge⸗ gangen, da rief sie mir schnell und hastig zu:Wenn Sie einmal gelegentlich an den Herrn Grafen von R schreiben, so grüßen Sie ihn von einer alten Bekannten vom Schlosse von Meaux. Als ich mich rasch umwendete, ihr meine Bereitwilligkeit aus⸗ zudrücken, fuhr die Thüre des Salons, in der sie gestanden, mit vielem Geräusch zu, und ich sah die Gräfin nicht mehr.

Wir fanden bei unserer Ankunft in Paris Madame de Boisville vor dem Kaminfeuer in ein weiches hellgraues Morgenkleid gehüllt, das, weich mit dunkelrother Seide gefüttert, ihr den Ausdruck des anmuthendsten Behagens gab. Die kleine Spitzencoiffüre mit dunkel⸗ rother Schleife saß kokett auf dem braunen welligen Haar, und ich war etwas erstaunt, als sie uns müde, wie mit Anstrengung die Hände entgegenstreckte. Sie war nicht allein. Auf der andern Seite des Kamins saß Kousin René, wie ich ihn immer hatte nennen hören, der Vicomte René d' Avricourt, Vetter und Nachbar aus der Bretagne, ein Mann von dreißig Jahren ungefähr, der Freund von Mutter und von Sohn.

Sie finden eine arme Kranke, Herr Liäbär, sagte Frau von Boisville, und ließ matt die Hände in den Schooß sinken.Schon über acht Tage plagt mich eine starke Erkältung und ich habe seit her kaum die Kaminecke verlassen; der Kousin hat sich meiner er barmt und mir hier und da ein wenig Gesellschaft geleistet. Aber sehen Sie, Kousin, wie elend Herr Liäbär aussieht; ich versichere Sie, daß ich mir jedes Jahr Vorwürfe mache, einen Menschen der Tortur in Pincy auszusetzen. Meine Mutter ist unerbittlich; sie quält einen Menschen mit ihren beständigen Nadelstichen zu Tode. Es ist wieder einmal überstanden und im nächsten Jahre kann es anders geworden sein.

Ich kam nicht zu Wort, um versichern zu können, daß das Interesse und die Theilnahme, die mir Gräfin Dutillier einflößte, mir einen zweiten Aufenthalt in Pincy wünschenswerth erscheinen ließen, denn Guy stand vorerst sprachlos vor seiner Mutter und öffnete groß die Augen.

Was soll anders geworden sein? fragte er;ich kehre im nächsten Jahr nach Pincy zurück, darauf kannst Du rechnen.

Nun, ich meine nur, mein lieber Guy, Großmama ist eine alte Frau, wer weiß, ob sie im nächsten Jahre noch lebt, ant wortete sie beruhigend.

Die ist jünger wie Du, Dir fehlt fast das ganze Jahr irgend etwas; die Großmama beklagt sich nie, versetzte er in der Art, wie er gewöhnt war, mit seiner Mutter zu sprechen.

Mit Staunen sah ich, daß die Gräfin de Boisville bis in das braune, lockige Haar hinein erröthete; sie mußte doch an die Sprache ihres Sohnes gewöhnt sein. Ihre kleinen Zähne preßten sich einen Augenblick auf die Unterlippe und dann sagte sie mit Anstrengung, indem sie sich in den Lehnstuhl zurückwarf:Dein Vormund ist früher gekommen, als ich ihn erwartete, und er war höchlichst er⸗ zürnt darüber, daß ich Dir erlaubt, wieder in der Kampagne zu jagen. Ich habe seinen Zornesausbruch über mich ergehen lassen; er behauptet, ich vermöchte Deinen Wünschen und Ueberschreitungen

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