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„Thaten, lieber Lornow, mit schönen Worten erlangt man keine Belobung von mir.“
„Gut, so bitte ich um die Butterbrode,“ lachte Lornow. Er fühlte die Absicht zu deutlich und sah, daß auch Maria sie erkannte, das machte ihn so heiter, wie er es seiner Natur nach war.
Und nun ließ er Totzenbach mit Maria plaudern, so viel dieser wollte und machte seinerseits der alten Dame den Hof, die klug genug war, ihr Thema nicht weiter zu verfolgen, denn sie sah, was Lornow entging, daß Marias Augen einen melancholischen Ausdruck angenommen hatten.
Sie wußte genau— Maria dachte nach über das, was an Lornow gerichtet war.
„So junge excentrische Mädchen opfern sich lieber, als daß sie sich zu dem Gewicht machen, welches den Geliebten niederzieht,“ dachte sie und war sehr zufrieden mit ihrem heutigen Abend.
Sie stiftete Heirathen und trennte die innigsten Liebesbande in völlig uneigennütziger Weise, nur um konvenable Partien zu Stande zu bringen und Thorheiten zu verhüten.
Hier galt es aufpassen. Totzenbach mußte Maria haben— ohne Frage.
Der Baron strahlte. lassen, daß er sie liebe.
Dies genügte ihm für jetzt; er war nicht der Mann, im Ueber⸗ eifer sein Ziel zu verfehlen.
Es war ihm gelungen, Maria fühlen zu
Der andere Morgen! Wie hat sich die Physiognomie des Er⸗ lebten oder Geschehenen bis dahin verändert!
Gestern Abend fühlte sich Onno von Hooglander, als er von Helo geschieden, als beneidenswerther Sterblicher und im vollen Recht; heute lag über seiner Glückseligkeit ein Schleier, wie aus dichten Nebeln gewoben, er war sich derselben bewußt, aber er sah und empfand nur den Ernst seiner Lage, sagte sich, daß die klugen Leute ihn einen Thoren nennen, daß Onkel Bolko mit tiefer Bitterkeit einen Undankbaren in ihm sehen würde, und daß Tante Lätitia alle Ursache hatte, das Schlimmste von ihm zu denken, ganz abgesehen von der Wuth, in welche sie überhaupt eine Verbindung ihres Neffen mit der verhaßten Verwandten bringen mußte.
Und wenn das Alles nichts war, was seine Liebe zu seiner holden Braut berühren konnte, so blieb Eins bestehen: Er, der seine un⸗ gewisse Lage gut genug kannte, hatte das noch so junge und un⸗ erfahrene Mädchen an sein von Lätitia abhängiges Schicksal gekettet. War das recht? Konnte er als ein gewissenhafter Mann dies ver⸗ antworten?
Gestern schon waren sie Beide ihrer schlechten Aussichten sich ganz klar bewußt gewesen, aber gestern woben die Liebe und das Herzensglück ein Strahlennetz und warfen das goldige Gespinnst über alle bedrohenden Schatten.
„Helo! meine süße, geliebte Helo! Welches Leid habe ich in Dein ohnehin nicht freuden reiches Leben getragen!“ klagte er sich mit tiefem Schmerz an und versank dann doch minutenlang in wonnige Träumereien und fühlte nur, sie liebten sich, und es war Alles so gekommen, fast gegen seinen Willen.
Da war es doch wohl Schicksalsschluß?
Es störte ihn aus seinen Gedanken auf, daß ein alter Mann dicht vor ihm stehen blieb und erfreut rief:„Ach, da treffe ich ja den gnädigen Herrn!“
Er blickte auf und sah in das blasse und verhärmte Gesicht desselben. Der alte Herr trug einen Trauerflor um Hut und Arm und sagte, als er Onno's fragenden Blick bemerkte, erklärend und mit einer Devotion, welche aus seinem vieljährigen Dienst sich ergab und nichts Serviles hatte:
„Revisor Mentink, Herr Lieutenant von Hooglander; meine arme Frau ist todt. Es war damals ein Schlagfluß, sie lebte nur noch vierundzwanzig Stunden nach jenem Spaziergang.“
„Ach, Herr Revisor, Verzeihung, ich war in Gedanken. Die würdige Dame ist gestorben? Das thut mir sehr leid für Sie,“ hatte Onno gesagt und demselben die Hand gegeben.
„Ich war auf dem Wege zu dem Herrn Lieutenant,“ sagte Mentink, nachdem er sich ein paar Thränen abgewischt.
„Zu mir? Und womit kann ich Ihnen dienen, Herr Revisor?“
„Verzeihung, es war in Ihrer eignen Sache, Herr Lieutenant, wegen Ehrstein.“
„Wegen Ehrstein? Aber es gehört uns längst nicht mehr, Herr Revisor, und— Doch bitte, stehen Sie nicht still, soll ich Sie begleiten oder können Sie mit mir kommen?“
Onno sprach zu dem alten Manne freundlich und theilnehmend und dieser sah dankbar aus. Er erklärte, mit dem gnädigen Herrn gehn zu wollen, er habe Zeit, ach leider nur allzu viel Zeit. Und er seufzte schmerzlich.
„Sie wissen, Herr Revisor, daß mein Papa Ehrstein verloren,“ suchte Onno ihn auf sein Anliegen zurückzubringen.
„Ja, ja, ich weiß. Darum grade!“ fuhr der Alte aus seinem Kummer auf.„Ich habe damals schon wochenlang nach der Urkunde gesucht und fest geglaubt, sie sei nur verlegt. Nachher kam mir die Sache aus dem Sinn; ich trat in andere Dienste, und es war ja auch Alles zu spät. Da sah ich neulich die jungen Herrschaften wieder! Sie, gnädiger Herr, haben den Mentink nur wenig ge— sehen, weil Sie damals schon im Kadettenhause waren, aber die gnädige Baronesse, ich erkannte sie auf den ersten Blick, nur daß sie so schön geworden! Und seit nun meine Frau todt ist, und ich immer so allein herumgehe und allein in der Stube sitze,— und die langen Nächte kann ich auch nicht schlafen,— da habe ich wieder an Alles gedacht, und ich will es noch heute beschwören, der Herr Baron, Ihr Vater, hat das Dokument mit mir in der Re⸗ gistratur gesucht, und wir fanden es auch. Das war, als der Prozeß anfing, und zuerst stritten sie ja gar nicht um den ganzen Besitz, sondern nur darüber, ob die herzogliche Regierung die Baume allein oder auch den Grund und Boden, worauf sie standen, Ihrem Herrn Großvater verpfändet habe.“
„Ich weiß von dem Prozeß selbst nur wenig, Herr Revisor, und ich halte ihn für rettungslos verloren, denn mein Vater konnte sein Recht nicht nachweisen,“ unterbrach Onno in heimlicher Un— geduld den alten Mann.
„Das ist es ja grade, Herr Lieutenant, der gnädige Herr Papa waren sorglos und achtlos, ein so lieber Herr sonst. Der gnädige Herr wußten ja, als es zum Schwur kommen sollte, nicht einmal mit Gewißheit mehr, ob wir das betreffende Aktenstück oder irgend ein Anderes gesucht und gefunden. Und wo er es hingethan, das wußte er erst recht nicht. Ich aber denke jetzt Tag und Nacht darüber nach, und da ist mir eingefallen, daß wir damals grade ein Kapital leihen mußten. Wir bekamen es aus dem gräflich Hohenthal'schen Fideikommiß, und es wurde auf Gißra eingetragen. Sehen Sie, ich habe alle meine alten Notizbücher hervorgesucht, Herr von Hooglander, und da steht es— hier,— nein da,— sehen Sie: Reise nach Berlin, Anleihe bei dem gräflich Hohenthal⸗ schen Fideikommiß und hier, einige Seiten weiter, da steht so: Hypothek für gräflich Hohenthal'sches Fideikommiß auf Gißra bestellt; Gerichtskosten ꝛc. ꝛc.“
„Aber was sollte mir das, Herr Revisor— ich weiß von dieser Hypothek durch meinen Onkel—“
„Könnte es nicht möglich sein, daß jene Verkaufsurkunde in den Akten gelegen hätte und wäre mit nach Berlin gewandert?“ fragte der Alte.
„Sie selbst hätten das doch sehen müssen?“
„Ja, freilich, gnädiger Herr, da kommen Sie schon auf des Pudels Kern, mit Erlaubniß zu sagen. Als ich nämlich in Berlin war, kam plötzlich der Herr Baron mir nachgereist. Mir war nur Auftrag auf 20 000 Thaler gegeben;— der Herr Baron aber mochte sich unterdeß anders besonnen haben.— er ließ mich noch einmal so viel fordern und für die zweiten 20 000 Thaler Hypothek auf das Vorwerk Barenburg legen,— das war aber schon belastet und Herr Ephraim, Sie wissen vielleicht Herr Lieutenant?“—
„Ja, ja— ich weiß, Herr Ephraim hat meinem Vater das Leben leicht gemacht, so lange der Krug eben zu Wasser ging!“—
„Ja, so war es!“ nickte der Revisor Mentink ernst, fuhr dann aber fort:„Herr Ephraim und der Herr Baron machten es nun so zurecht, das Herrn Ephraims Hypothek von Barenburg auf den Meierhof in Offenau gelegt wurde, der dann bald darauf unter den Hammer kam.“—
„Hm! ja! Ephraim parzellirte ihn später!“— N
„Richtig— und soll mehr als das Doppelte des Taxwerthes daraus gelöst haben.“—
„Und nun meinen Sie, jene Urkunde sei mit den Papieren, die mein Vater—?“


