Ausgabe 
6.11.1887
 
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2354 W.

Zu einer Geschäftsangelegenheit? Und welcher? fragte sie. Man hat mir seitens des Fiskus keine Schwierigkeiten gemacht, die Ehrsteiner Waldungen zu erwerben. Sie arrondiren mir meine Herrschaft Bredelow, es war längst mein Wunsch sie anzukaufen, aber der Minister zeigte sich meinem Gesuch nicht günstig. Jetzt ist sein Nachfolger glücklicherweise anderer Ansicht.

Und das Schlößchen auch? fragte Maria.

Auch das, es liegt ja mitten in dem zu verkaufenden Gebiet! Ursprünglich war es ein Jagdschloß, ich werde es restauriren lassen.

Da bin ich geboren, ich habe dort meine Kindheit verlebt, erst mit elf Jahren verließ ich es! rief sie erregt.

Damals hatte Ihr Papa den Prozeß verloren, nicht wahr, Liebe? tönte die blecherne Stimme der Baronin Lautenberg dazwischen.

Ja, gnädige Frau! Ich erinnere mich noch sehr gut, wie traurig Mama und ich waren, als wir abreisten. Papa war schon voraus, um in Scheveningen Quartier zu bestellen; dort gefiel es den Eltern aber nicht, wir gingen nach Brighton und dann sind wir jahrelang umher gereist und nicht einmal nach Gißra gekommen.

Sie erging sich schweigend in Erinnerungen. Dann aber wurde sie wieder durch die Vorstellung abgelenkt.

Nachher sagte Totzenbach:Es würde mich sehr interessiren, Baronesse, von Ihnen zu hören, wie die Einrichtung des Schlosses war? Es ist immer möglich, daß ich es später länger bewohne.

Sie bemerkte seinen Blick nicht und dachte nicht daran, auf den Ton Acht zu geben, in dem er sprach.

Ich glaube es war sehr hübsch. Mama's Zimmer besonders gefielen mir. Ich durfte, wenn ich wild und unordentlich aus dem Garten herein kam, nicht hinein, denn dort war Alles so hell und rosenfarbig, so feenhaft! Später hatte ich ein Nähkästchen zum Geschenk bekommen, mit einer Ausstattung von Silber auf rosa wattirtem Atlas; wir waren damals schon lange fort von Ehrstein, das Kästchen aber erinnerte mich immer an Mama's Boudoir, und wenn ich es noch heute einmal in die Hände bekomme, steht das liebe alte Ehrstein gleich vor meiner Seele!

Und haben Sie sich je wieder dahin gesehnt, aus Ihrem an⸗ regenden und genußreichen Reiseleben fort? fragte Totzenbach.

O, wohl; aber ich durfte nie davon reden, denn Mama konnte den Verlust nicht verschmerzen!

Da werde ich mir wie im Unrecht gegen Sie vorkommen, wenn ich es kaufe! sagte der Baron.

Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu der Erwerbung, Herr Baron!

Es wird seines schönsten Reizes ermangeln, Baronesse Maria, wenn ich allein dort leben soll, sagte er leise und gepreßt.

Sie erschrak sehr. Weniger die Worte, wie der begleitende Blick und sein Ton sagten ihr, was er wünschte und hoffte.

Daran hatte sie nie gedacht.

Weil aber ihr eigenes Herz nichts dabei empfand, so vergaß sie den Eindruck schnell wieder, denn noch als Totzenbach sprach, begann der fünfte Akt.

Maria weinte; das Spiel ergriff sie auf das Tiefste. Wäre sie die ausgemachteste Koquette gewesen, sie hätte nichts ersinnen können, ihren Verehrer noch mehr zu entflammen.

Es schien sich ganz von selbst zu verstehen, daß Baron Totzenbach bei den Damen blieb, als das Theater beendet war. Er hing ihnen die Mäntel um, und plötzlich stand Lornow neben den Dreien.

Die Augen der alten Dame funkelten vergnügt; jetzt gewann die Geschichte einen noch hoheren Reiz. Sie nahm Lornow's Be. grüßung sehr gnädig auf.

Wie kommen Sie denn hierher? Das Stück ist ja aus, trinken Sie lieber Beide Thee bei mir, hernach lasse ich die Baxonesse nach Haus fahren.

Lornow und Totzenbach hatten Beide gesehen, wie Maria plötzlich erröthete, als der Eistere neben ihnen stand. Lornow jubelte und sein Rival wüthete, denn wo man ihm in stiller Rücksichtnahme seinen Weg von keiner Seite kreuzte, da kam dieser Mensch, dieser Lornow und drängte sich auch hier in Maria's Nähe.

Gleichzeitig batten sie sich mit dankbarem Lächeln verbeugt; das Koupe der Baronin bot den Herren keinen Platz, sie nahmen eine Droschke und fuhren plaudernd und eilig eine Zigarre rauchend hinter den Damen her.

Totzenbachs Hochmuth lehnte sich auf gegen die eifersüchtige

Regung auf Lornow, der ja überhaupt nicht daran denken konnte, ein armes Mädchen zu heirathen. f

Nun, Lornow, fragte er malitiss,wie weit sind Sie mit Ihren Erfolgen bei Fräulein Rüdersberg?

Die junge Dame war die Tochter eines Börsenfürsten, dort hatten sie sich gestern bei einer Soiree getroffen. l

Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme und kann Sie be⸗ ruhigen; meine Prätensionen gehen nicht nach der Seite! er⸗ widerte Lornow, der sehr wohl die Absicht verstand.

Glücklicherweise konnte Baron Totzenbach nicht sehen, wie gut sein Pfeil traf.

Eine heiße Röthe trat in Lornows Gesicht, denn er wußte nur zu wohl, wie thöricht es von ihm war, Maria immer von Neuem zu sehen. Und doch zog es ihn magnetisch zu ihr, doch fand er nirgends Ruhe, als unter dem Glanz ihrer Augen.

Ebenso erkannte er auch Totzenbachs Berechtigung an, als Marias Bewerber aufzutreten.

Und dennoch hätte er in diesem Augenblick am liebsten mit dem Baron auf Tod und Leben ringen mögen um das geliebte Mädchen.

Was gab Totzenbach ein näheres Recht? Sein Reichthum. O, es war schmählich! Aber konnte es anders sein? Was hatte er, der mit seiner Zukunft ganz von seinem Onkel abhing, Maria zu bieten?

Alles das sagte er sich. Aber jeder Blick auf Totzenbach regte seinen eifersüchtigen Trotz mehr auf.

Sie stiegen die Treppe hinan, der Diener empfing sie im Vor- zimmer, dort legten sie ihre Mäntel ab und bereiteten sich, bei der Baronin einzutreten. b

Diese war noch nicht im Salon; Maria allein und sie sah aufgeregt aus. 9

Während sie über das Theaterstück und das Diner bei Lornows f Chef redeten, fühlte der Baron, wie Marias mühsam beherrschte 1 Erregung ihn ansteckte..

Was hatte sie? Waren es seine Andeutungen, welche sie be. schäftigten, oder war es Lornows Nähe?

Er wußte diesen mit der ausgesuchtesten Höflichkeit an die Seite der Hausfrau zu bringen und die Baronin Lautenberg half ihm bereitwillig. ö

Kommen Sie, Herr von Lornow, knarrte ihre Stimme Sie müssen mir anvertrauen, welche eigenthümliche Fensterparaden Sie der Obristin von Grutzow machen? 5

Ach, nebenan wohnt Fräulein Rüdersberg! rief Totzenbach darein, der glücklich zwischen Maria und Lornow saß, den fünften Platz nahm eine Kollegin und Schicksalsgenossin von Fräulein Maipeter ein. f

Wissen Sie denn schon, liebe Maria, daß unser liebenswürdiger Assessor die reichste Dame der Stadt heimführen wird, knarrte die Baronin. 1 Verzeihung, gnädige Frau, ich bin unschuldig an der Fabel, rief Lornow.

Sie erinnern mich an die vom Wolf, der das Lamm gefressen:

Ich bin jetzt krank und esse wenig Und kann es nicht gewesen sein!

Habe ich denn gestern Abend nicht selbst Augen im Kopf gehabt! fuhr sie fort, da Totzenbach lachte und selbst Maria, die nichts von diesem Klatsch glaubte, mitlachte.

Meine Freunde sind offenbar übereingekommen, mich eine gute Partie machen zu lassen! sagte Lornow verdrossen.

Da meinen es Ihre Freunde offenbar gut mit Ihnen, vielleicht besser als Sie selbst. Der zukünftige Graf kann nur ein reiches Mädchen beirathen; eine sogenannte Liebesheirath wäre Ihr Ruin, mon cher! Das unglückliche Wesen ohne Vermögen, welches Sie heimführten, würde eine Last sein, welche Sie nieder- zöge bis zu Boden. Ach, ach, machen Sie mir keine Phrasen, bester Freund. Ich bin alt und habe viel gesehen; besonders oft, daß so ein thörichtes Liebespaar ohne Geld hinterher Zeter schrie nach dem wohlgefüllten Portemonnaie, das als Rettungsgürtel dienen sollte in den Wogen des Lebens. Aber natürlich! Amor hat keine Taschen, er denkt deshalb nicht daran, seine Opfer zu be- rücksichtigen; sie müssen aber zur rechten Zeit selbst Verstand haben.

Gnädigste Frau, ich werde die Lektion auswendig lernen, um Sie, die Spenderin, nie zu vergessen.