Ausgabe 
6.11.1887
 
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zu den

Oberhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Frau und Tochter geladen worden.

Gräfin Paula hatte es noch immer zu verhindern gewußt, mit Maria Besuche zu machen und war heute mehr als je dieser ihrer Klugheit froh, denn Elma bekam selbstverständlich den Assessor von Lornow zum Tischnachbarn, und dieser zeigte sich so animirt, so vergnügt, daß sich in dem Herzen der sorgenden Mutter nach und nach ein wahrer Sonnenschein ausbreitete.

Auch Komtesse Elma gab sich von ihrer liebenswürdigsten Seite, und seltsam berührte es Lornow zu bemerken, daß sie, bewußt oder unbewußt, etwas von Maria's eigenartigem Wesen angenommen, was ihr gar nicht übel stand.

Zu ergründen, ob die Liebe für Maria oder die Schlauheit der jungen Dame dies zu Stande gebracht, war für Lornow ein sehr interessantes Studium; zuletzt wurde es ihm aber doch schwer, seine Heiterkeit zu bewahren, denn Komtesse Elma konnte sich trotz aller ihrer Klugheit nicht versagen, in der gutmüthigsten und harmlosesten Weise Streiflichter auf Maria fallen zu lassen, welche neben der⸗ selben die Tochter eines so auf's Beste geordneten Hauses, wie es das Graf Bolko's war, in der vortheilhaftesten Weise erscheinen ließen.

Denn meinen Sie nicht auch, Herr von Lornow, daß die Er⸗ ziehung und das Beispiel der ersten Jugendjahre dem Menschen sein eigentliches Gepräge geben? fragte sie.

W Wo ich den Beweis vor Augen habe, darf ich doch nicht zweifeln, Komtesse, erwiderte er mit einer Verbeugung.

Sie nahm als Kompliment, was er sagte und pries dann die Tugenden ihrer Eltern, wie nur eine begeisterte Tochter es vermag, und er horchte darauf und beobachtete sie mit einer Aufmerksamkeit, welche ihr so schmeichelhaft erschien, daß sie selbst sich zuletzt mit einigem Vergnügen reden hörte, ohne zu sehen, daß Lornow's Lächeln immer maskenhafter wurde, seine Scherze immer gezwungener.

Unterdeß saß Maria neben Frau von Lautenberg, welche am Morgen, hilfebereit, wie immer, zu Gräfin Paula gesagt hatte: Geben Sie mir Maria mit, dann ist sie für den Abend versorgt, und das Theater liebt sie ja leidenschaftlich.

Gewiß, das war die beste Aushilfe, Gräfin Paula hatte durch⸗ aus nicht Lust, Maria bei ihrer Gönnerin Lätitia mit Totzenbach zusammentreffen zu lassen, andrerseits wurde ihr der intime Verkehr derselben mit Helo auch schon lästig, denn das sonst so arglose Kind begann in letzter Zeit oft sonderbar genau Dingen nach⸗ zufragen, welche mit der strikten Wahrheit nicht vollkommen über⸗ einstimmten, und dazu hatten Helo's Augen jetzt öfter einen be lästigenden Forscherblick.

Maria nahm freudig den ihr gemachten Vorschlag an. Eine

Lornow's Chef gab das Diner, zu welchem Graf Bolko mit N

Gießen, den 6. November.

Eine gute Vartie.

Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung.)

berühmte Tragödin gab die Brunhild Geibel's; sie wünschte schon lange, dieselbe zu sehen.

So fuhr sie also, ehe Helo heimkehrte, mit Baronin Lautenberg zu dieser, und die alte Intrigantin war so liebenswürdig gegen Maria, plauderte heute so fesselnd von dieser großen Gesellschaft, welcher Maria noch fern stand, daß diese erst im Theater zu einem flüchtigen Nachdenken und einer noch flüchtigeren Kritik des Ge⸗ hörten kam.

Dann trat die große Künstlerin auf und Maria war ganz und gar von dem Spiel in Anspruch genommen.

Sie sah nicht, wie von fern Baron von Totzenbach ihre Be gleiterin begrüßte, wie diese ihm mit dem Fächer huldvoll, aber verstohlen winkte, und als im Zwischenakt dann die bekannten Herren die Baronin zu begrüßen kamen, da war es Totzenbach, dem die Auszeichnung zu Theil wurde, neben Maria zu sitzen. Er theilte ihre Begeisterung für die Heroine und hatte ihr nie so gut ge⸗ fallen wie heute, denn zum ersten Male gab er sich in natürlicher Lebhaftigkeit, ganz offen und ohne Reserve.

Als der Vorhang wieder aufging, hatten sich die übrigen Herren, sehend, daß sie Totzenbach nur stören würden, entfernt. Er war ein liebenswürdiger Kamerad, man machte ihm willig Platz und gönnte dem schönen, armen Mädchen die reiche Partie. Der Baron schien so in seine Unterhaltung mit Maria vertieft, daß die Lautenberg Pst! Pst! machte und ihn auf seinen Sessel drückte, als er Miene machte aufzustehen.

Nur keine Störung, bedeutete sie ihn, und er blieb ruhig, wie eine Bildsäule, aber keinen Blick von Maria lassend, die reizend aussah in ihrem schlichten erémefarbenen Seidenkleide, das zu ihrem Teint so vortrefflich paßte. Was ging ihn heute die Tragödin an! Er sah Maria schon als sein trautes Weib und nahm sich vor, sehr gut gegen sie zu sein. Er gelobte sich, sein heftiges Temperament energischer zu zügeln und seine Launenhaftigkeit zu beherrschen, denn er kannte seine Fehler genau; seine Mutter hatte ihm einst erzählt, daß ihr eine alte Verwandte berichtet, die Leute hätten nie anders von den Frauen der Totzenbach gesprochen als: Die arme Baronin! Die arme Baronesse! Stets hatte man dieselben beklagt, denn die Männer waren allezeit ein wildes, rücksichtsloses Geschlecht, und mehrere von ihnen übel genug berufen gewesen als prozeßsüchtige Nachbarn oder als gefürchtete, gewaltthätige Menschen.

Ihm wurde heute seltsam weich zu Muthe. Sein Weib, dieses schöne junge Wesen da vor ihm sollte kein Mensch mit Recht diearme Baronin Totzenbach nennen.

Dann kam der Zwischenakt.

Sie müssen mir in einer Geschäftssache Glück wünschen, Baronesse Maria, wenn Sie so gütig gegen mich sein wollen! sagte er zu ihr.

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