Ausgabe 
6.11.1887
 
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Der Herr Baron brachte einen ganzen Koffer voll mit, und hatten mit Herrn Ephraim viele Konferenzen.

Und wenn es nun so gewesen wäre, Herr Revisor, wo mag jetzt nach fünfzehn Jahren jenes Papier sein?

In Ehrstein ist es nicht geblieben, Herr Lieutenant; ich habe damals Tag und Nacht danach gesucht; der Herr Baron ver⸗ sprachen mir tausend Thaler, wenn ich es fände, und ich wollte gern heirathen! Meine Frau und ich waren schon an elf Jahre verlobt und ich kriegte graue Haare in meinen Bart, sodaß ich dachte, es sei hohe Zeit, jetzt Hochzeit zu machen.

Nun, Sie fanden es also nicht! Kam Ihnen damals nicht der Gedanke, daß die Urkunde verschickt sein könnte?

Ja, aber ich dachte nicht an Berlin, weil ich selbst dort die Sachen ordnete.

An jene Geldgeschäfte mit Ephraim dachten Sie nicht?

Nein, und ich glaube auch, Herr Ephraim hätte sofort eine solche Entdeckung gemacht, denn er ist ein ordentlicher Geschäftsmann; ihm kann in seine Papiere nichts Ungehöriges sich einschmuggeln, er hätte, wenn er es fand, dem Herrn Baron das Papier sogleich

Also Sie meinen?

In dem Hohenthal'schen Archiv!

Und wenn Sie Recht hätten?

So wird der Prozeß von Neuem angestrengt und gewonnen!

Aber dazu gehört Geld, Herr Revisor, und Sie wissen

Onno erröthete. Noch nie waren ihm seine Verhältnisse so beschämend erschienen, als in dieser Aufregung, in welche ihn die verschiedenartigsten Gedanken versetzten. Mentink kannte seiner Eltern früheres überaus großartiges, sorgloses Leben, wußte aber augen⸗ scheinlich nicht, wie tief sie herabgekommen waren. Dazu wogte plötzlich eine Hoffnung in ihm auf, die er selbst Wahnwitz nannte, und dann fiel ihm wieder ein, daß er Helo an seine Armuth gefesselt.

Das Geld wäre wohl da! sagte der alte Mann inzwischen und begann von seinem eignen Leben zu reden. Anfangs wollte Onno ihn ungeduldig unterbrechen, dann rissen ihn die eigenen Gedanken fort und nun schloß der Revisor mit der Erzählung von einer Erbschaft, die er ganz unerwartet vor mehreren Jahren gethan:

Das Geld liegt da, ich habe nicht einmal die Zinsen alle ge⸗ braucht und wir gönnten uns doch, was uns gut dünkte. Jetzt! Was soll ich alter Mann damit thun? Kinder haben wir nicht, nicht einmal nahe Verwandte; das Geld könnte der Herr Lieutenant von Hooglander natürlich zu üblichem Zins, natürlich! es ist ja ganz einerlei, wer es herleiht; Sie würden nichts dagegen haben, gnädiger Herr! Es wäre so gut angelegt.

Onno hatte ihn betroffen und sehr ablehnend angesehen. Die bedrückte Verlegenheit des alten Herrn, der ihm dies lebhafte Interesse entgegenbrachte, rührte ihn aber und er sagte nur obenhin:

Sie sind sehr gütig! Ich würde niemals daran denken, werther Herr! Nehmen Sie meine Offenheit nicht übel. Und am Ende, wir haben ja das corpus delicti noch gar nicht. Und etzt lachte er sogar heiter auf über den Eifer des liebenswürdigen alten Mannes; aber sein Lachen war so freundlich und voll Wärme, daß der Revisor keine Kränkung darin sah.

Würden Sie gestatten, daß ich auf eigene Hand suche, Herr Lieutenant? fragte dieser, und als Onno zögerte, setzte er traurig hinzu:Ich weiß meine Zeit auf keine Weise hinzubringen, lesen mag ich nicht, denn ich kann die Gedanken nicht festhalten, sie gehen immer nach meiner armen Frau. Und dabei sah er so bittend aus, und die altmodischen Locken, die er von seinen dünnen weißen Haaren gedreht hatte, gaben ihm ein so ehrwürdiges Ansehn.

Ich kann am Ende nichts dagegen haben, meinte Onno von Hooglander gutmüthig.

Aber sein Vater hätte eine Vollmacht ausstellen müssen, doch der befand sich unter Kuratel. Und das dem alten Mentink zu sagen, vermochte Onno nicht über sich.

Lassen Sie mich Ihre Mittheilungen überlegen, entschied er, indem er an Onkel Bolko dachte, der hier allein eine Vollmacht ertheilen konnte.

als er fort war, dachte Onno weiter an Onkel Bolko und seine jüngste Tochter.

Es war ein quälender Widerstreit in ihm und die Unruhe und Aufregung machten ihm Kopfweh; trotz aller Vernunftgründe sehnte 4 er sich nach Helo ganz unaussprechlich. Er hatte sich tausendmal

Der Revisor Mentink fühlte, daß er nun gehen müsse, und

gefragt, wie das gestern so plötzlich gekommen;. ach, es war nicht b gestern gekommen, es war gewesen, er wußte nicht seit wann, und meinte jetzt, daß er Helo unbewußt seit Jahren geliebt. g

(Fortsetzung folgt.) 1

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Noch nicht verloren.

Novelle von Hermann Birkenfeld.

(Gortsetung.) 9

Krohne empfand tiefes Mitleid mit ihm, obwohl Saalfeld seine Achtung nie in hohem Grade genossen hatte. Seine Tochter kannte N Vater, mit dem er in seiner Erbschaftsangelegenheit zu verhandeln hatte, stand, wie er wußte, allgemein in wohlverdientem Ansehn. Er war deshalb um so heftiger entrüstet über den Bubenstreich des Leutnants. Aber zugleich graute ihm vor der Gefahr, in welcher vielleicht die Landräthin und Adele schwebten. Jetzt verstand er 1 Waldemars Worte vollkommen. 1 Es ist reine Wahrheit, was Sie mir erzählen, Herr Saalfeld? Dieser zuckte ergrimmt die Achseln. Glauben Sie, ich liefe hier im Regen herum, um Märchen 1

zu dichten? 5 Die Beiden waren vor der Brauerei angekommen. Der Wucherer achtete kaum auf den Abschiedsgruß des jungen Mannes. Herr Du meines Lebens, wie sehen Sie ous! rief Gertrud Schmiedecke, als ihr Herr in die offene Hausthür trat.Und schon so früh zurück? Wir hatten Sie erst zu Abend erwartet. Und zu Fuß. Der gute Anzug ist doch nun rein verdorben. Will nur geschwind ein bischen Feuer in den Ofen legen, damit Sie sich wenigstens nicht erkälten. Kopfschüttelnd eilte die gute Seele in's Wohnzimmer.Und das Alles um diese hochmüthige Bagage! Früher guckte uns das nicht an. Nur die Gerta.... Aber nun! Und das schöne Geld! Rahdebrok hat längst gewittert, wo es hin wandert.

Darin hatte Jungfer Schmiedecke allerdings Recht; für Rahdebrok gehörte ja auch nicht viel Scharfsinn dazu, es zu errathen. Dennoch hatte er, wenn auch brummend, geschwiegen. Das Geld, welches aus seinem Schranke in die Tasche desHerrn Sausewind wanderte, war ja nicht sein Eigenthum, und ein paar tausend Mark konnte das Geschäft schon einmal entbehren. Als er aber am Morgen nach Gertruds Monologe so ganz beiläufig befragt wurde, ob er in Zeit von drei oder vier Tagen wohl sechs- bis achttausend Thaler an; schaffen könnte, schnellte er doch von seinem Drehschemel herunter, als habe ihn eine Tarantel gestochen. a Sechs achttausend Thaler! Herr Alfred, das das ist eine große Summe zum zum Wegwerfen! Herr Alfred aber behielt wunderbarer- und ganz ausnahmsweise die denkbar solideste Gemüthsruhe, nur daß ein Bischen Empfindlichkeit in seiner Entgegnung durchklang: Ich beabsichtigte das Geld nicht wegzuwerfen, auf die beste Art zu verwenden. Was der nur unterbester Art verstand! begann sich gelinde zu sträuben. g Die Landräthin Heußner, fuhr Krohne gelassen fort so hatte ihn Rahdebrok noch nie reden hörenbraucht das Geld dringend. Und eine Bitte habe ich an Sie: Sie müssen es nach Schön- holz schaffen. 14 Als wenn wir's schon hätten! dachte der Alte.Um nächstee Woche wieder mit ein paar tausend hinauszuwandern? knurrte er aber statt dessen.Wenn wir so fortwirthschaften, so können wirf ja wohl in ein paar Monaten das letzte Faß Bier verkaufen.* Wir werden nicht so fortwirthschaften. Ich habe allerdings die kleineren Beträge letzthin 4 Kleinere Beträge! seufzte Rahdebrok. In seinen Büchern standen sie mit recht netten, runden Ziffern. 1 Die kleineren Beträge habe ich allerdings zu ähnlichen Zwecken 4 verwandt, das heißt, an Waldemar Heußner ausgeliehen. 1 Summe aber, um die es sich hier handelt, ist vorauesichtlich die letzte, durch welche Heußners unterstützt werden müssen. Der Doktor brachte die Worte zuletzt doch nur mit gelindem Wider streben heraus; sich näher zu erklären, hätte er nicht über sich ver⸗ mocht.Wollen Sie mir den Gefallen thun, Rahdebrok? Ich mag

er wenig, besser erinnerte er sich der lebhaften Frida Ringwitz. Ihr

Rahdebrok, sondern 1 Rahdebroks Haar