Ausgabe 
6.3.1887
 
Einzelbild herunterladen

2 75

0 war, sagte Erich und sein Ton sprach zu dem Herzen des alten Mannes.

Der Letztere war schon an der Thür, als er noch einmal um⸗ kehrte.Verzeihung, gnädiger Herr, da ist die Kathrin, sie sagt, daß Sie ihr ein gutes Wort beim seligen gnädigen Herrn hätten einlegen wollen und wenn sie selbst jetzt auch gern bleiben würde, so ist der Fritz da, der sie heirathen will.

Ja, ja, ich verstehe sckon, der Bursch ist des Mädchens Schatz. Es war am letzen Tag. Ich sollte meinen Vetter bitten habe es auch gethan. Froysberg wies mich aber zurück. Sagen Sie, lieber Baum, ist der Fritz ein ordentlicher Mensch?

Ein ganz ordentlicher, tüchtiger Junge, gnädiger Herr.

Indessen, der Fritz muß sich doch vergangen haben?

Der Verwalter machte ein verlegenes Gesicht.Ja, sehen Sie, gnädiger Herr, das war wegen der Kathrin.

So, so! Also es liegt seitens des Burschen nichts Unehrenhaftes vor? Nun so lassen Sie das Mädchen gehen. Ich hörte, der Fritz sei bei Herrn Calander in Dienst getreten, brach Erich hastig ab.

Das ist auch so, aber die Kathrin ist die Tochter von der Amme des gnädigen Fräuleins, die Herrschaften halten viel auf die Kathrin und so hat der Fritz Erlaubniß, sich zu verheirathen. Erich entließ den Verwalter. Zum ersten Mal fiel ihm jetzt ein, daß er Calander zwar bei dem Begräbniß, aber nicht im Schlosse gesehen. Calander war auch nicht gekommen, als die Schreckens⸗ kunde sich verbreitete, während alle andern Nachbarn herbeieilten. Warum? Erich dachte mit peinlicher Unruhe daran, wie freundlich Calander ihm entgegengekommen war und wie schroff er sich da⸗ gegen gezeigt. i

Er warf sich auf's Pferd. Ein stundenlanger Ritt brachte ihn zu dem befreundeten Pastor, wo man ihn in altgewohnter Herzlichkeit empfing.

Er selbst war unterdessen in sich ruhiger und klarer geworden.

Bei den lieben alten Freunden ging ihm das Herz auf und er sprach über Alles, was ihn bewegte und erfüllte. Nur über Erna Calander fiel kein Wort, wie auch der Pastor dieselbe nicht erwähnte.

Nach drei einsamen, stillverlebten Wochen und seine Gemahlin, Theo und Emmy an, um einige Zeit bei Erich auf dem Lande zu verleben. Den schweren Kreppkleidern der Damen entsprach sehr wenig die Stimmung derselben.

Die Generalin fand mit tiefer Rührung Gottes Willen, den keines Menschen Thun zu beugen vermöge, darin, daß Erich nun doch der Erbe des Gutes geworden. Theo, ähnlich denkend, fühlte zumeist nur die stolze Befriedigung über die Stellung, welche Erich als Besitzer der Herrschaft einnahm, und Emmy, in weißen Morgen kleidern, Jetschmuck an Hals und Armen und schwarze Sammet schleifen im blonden Haar, unterdrückte nur mit Mühe das Singen und Trällern, wenn sie durch den Park lief und sich unzählige Bougquets pflückte, oder die schöne Einrichtung des inneren Schlosses bewunderte.

Ab und zu kamen Cäste nach Schloß Froysberg im Ganzen lebte man, wie es die Trauer gebot, sehr still und häuslich.

Es ist unartig von diesen Calanders, daß sie gar keine Notiz von unserer Anwesenheit nehmen, sagte Emmy eines Tages beim Morgenkaffee.

Erich fuhr das Wort wie ein Stich durch's Herz. Wie oft hatte er dasselbe gedacht, um sich jedes Mal zu antworten:Das hast Du selbst verschuldet.

Inzwischen hatte Theo zugestimmt.

Ich war gleich dagegen, daß Du mit Fräulein Calander intime Beziehungen anknüpftest. Aber sie ist ein reizendes Mädchen, begütigte die Generalin. f

Nun, vielleicht ist es nur Mangel an Lebensart, gab Theo nach.

Das Letztere jedenfalls nicht, hatte Erich scharf entgegnet.

So hältst Du es für Absicht für Unart? Das sollte mir für Emmy leid thun, es schmerzt immer, wenn freundliches Ent⸗ gegenkommen zurückgewiesen wird, sagte die Generalin.

Ich fürchte, daß ich selbst die Ursache ihrer Zurückhaltung bin.

Du? Aber sie sprach ja mit sichtlicher Dankbarkeit davon, daß Du ihr, der Unbekannten, einen Dienst geleistet, ich glaube Geld geliehen.

Es that Erich so wohl zu hören, sie habe von ihm gesprochen.

Aber was hast Du denn verschuldet? Es sind über den See herüber die nächsten Nachbarn und ein freundliches Verhältniß mit solchen immer wünschenswerth, fragte nun auch der General.

Eine heiße Röthe trat in Erichs Stirn.

Ich möchte lieber nicht darüber reden, es ist etwas ich glaube, daß ich mich gegen den alten Herrn

Er stockte. Eine große Aufregung malte sich in seinen Zügen.

Vielleicht stehst Du mit Fräulein Calander besser! scherzte der General.

Im Gegentheil! stieß er heraus und trat in die offene Balkonthür.

Die Andern blickten sich ganz betroffen an. Was konnte Erich denn verschuldet haben gegen Menschen, welche er kaum kannte, gegen eine hochgebildete, junge Dame und den ehrenfesten, älteren

errn?

Er selbst ging jetzt eben die Freitreppe hinunter in den Garten; offenbar wollte er nichts weiter hören.

Erich von Willwarth wußte nachher nicht wie es gekommen, daß er dann plötzlich im Kahn saß und mit einer Art wilder Energie hinüber ruderte nach dem jenseitgen Ufer und dem epheubewachsenen Thürmchen. Er konnte schon in ziemlicher Entfernung sehen, es saß Niemand in der offenen Halle, kein hellfarbiges Kattunkleidchen schimmerte durch das Gitter. Er lachte bitter über sich selbst, daß er solch ein Thor war. Und dann kam ihm das Verlangen, sie vom Ufer aus, versteckt durch das Gebüsch, zu erspähen. Vielleicht, ja vielleicht erging sie sich im Garten. i

Wie mochte derselbe aussehen? Wo wohnte sie? Ein brennendes Verlangen überfiel ihn nach einem einzigen Wiedersehen, nach einem Blick in ihre lieben sanften Augen.

Da hörte er Stimmen.

Großer Gott, das war sie! Eine antwortete. 5

Erich von Willwarth schnellte in seinem Kahn in die Höhe und suchte in der Richtung der Stimmen hin einen Blick auf die nächsten Wege des Parks zu gewinnen. Aber vergebens.

Die Stimme Erna's, die er aus Tausenden erkannt hätte, war ganz dicht am Ufer erklungen, jetzt kein Laut mehr! Aber der Mann, der Mann, welcher bei ihr gewesen? Er mußte ihn sehen!

In größter Hast trieb er den Kahn mit ein paar Ruderschlägen ganz dicht an das Ufer.

In einiger Entfernung hörte er ein reizendes Lachen. Sie mußte am Ufer entlang gehen. Ganz dicht unter demselben hin fahrend, tauchte Erich mit Vorsicht seine Ruder ins Wasser, immer horchend auf die redenden Stimmen und bemüht, denselben einen Vorsprung abzugewinnen.

Das gelang ihm aber nicht, denn er mußte eine buschbewachsene Landzunge umfahren.

Jetzt schienen die Stimmen ferner, dann ganz nahe; es war zweifellos ein noch junger Mann, mit dem Erna redete, man hörte es an dem Klang seines Lachens, in das sie jetzt einstimmte.

Wie die Beiden sich amüsirten! Wahrscheinlich nein, gewiß, einer der vielen Anbeter und offenbar kein ungünstig aufgenommener. Wie Erichs Herz klopfte! f

Jetzt hatte der Lauscher die Spitze der Landzunge erreicht und zugleich ertönte ganz nahe wieder Ernas fröhliches, triumphirendes Lachen.

In diesem selben Augenblick kleine Bucht ein hübsches,

frische helle Männerstimme

sah Erich zu seiner Linken eine offenes Boothaus, vor welchem mehrere Kähne angekettet lagen. Ein kleiner fremdartiger Kahn, sehr bunt bemalt und nur Platz für zwei Personen bietend, schoß, von einem kräftigen Ruderschlage getrieben, in den See, und Erna Calander, wieder in einem ihrer hellen einfachen Morgenkleidchen, erblickte ihn, machte ein sehr überraschtes Gesicht und blieb reglos, indessen ihr Begleiter in der That ein junger Herr in modischem Morgenanzuge am Ufer stand und zornig rief:

Das war schändlich, abscheulich! Verrätherei! f

Sie war diesem Begleiter entschlüpft, die Situation bedurfte keiner Erklärung, und wäre aus dem grade nicht geistreich drein⸗ schauenden Gesicht des jungen Mannes zu lesen gewesen, wenn Erich, daran gedacht hätte, ihn zu beobachten, der jetzt nach den andern Kähnen lief, um dann wieder in komischer Wuth zu rufen:Alle Schlüssel haben Sie mitgenommen. Das ist Absicht! Ich bin überflüssig!

1