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Erna Calander deutete inzwischen Erich's Betroffenheit und seine verlegenen Mienen ganz falsch und da er, im ersten Schrecken, er⸗ tappt zu sein, eine Rückbewegung mit seinem Ruder gemacht, so glaubte sie, er wolle ihr ausweichen.
Ihr eben noch so lächelndes, schadenfrohe Schelmerei verrathendes Gesicht nahm blitzschnell einen kalten, fremden Ausdruck an; mit kurzem Gruß erwiderte sie den seinigen, und ein nächster Ruderschlag trieb ihren Kahn zurück nach dem Boothause.
„Nun, kommen Sie nur, Graf Ritberg, ich will barmherzig sein,“ rief sie ihrem Begleiter zu.
Und ohne sich um Erich weiter zu kümmern, nahm sie Jenen in ihren kleinen Nachen auf.
Die Nußschale schwankte hin und her, als jenen unbesonnen hineinsprang.
War sie vor Schrecken plötzlich so bleich geworden?
Erich von Willwarth fühlte sich entrüstet über die Art, wie sie ihm abermals den Rücken gewandt und über die Unvorsichtigkeit ihres Gefährten.
Dann zürnte er sich selbst wieder. Warum sah er sie an wie ein erschrockener Birnendieb? Sie konnte freilich nicht anders glauben, als daß ihm die Begegnung ärgerlich sei. Und welcher abweisende Hochmuth trat plötzlich in das liebe Gesichtchen,— in diese für gewöhnlich so sanften braunen Augen! Sollte er nun weiter fahren, an ihrem kleinen Boot vorüber, oder umkehren?
Und mit diesem Zögern und Ueberlegen hatte er schon die Zeit verpaßt. Die Beiden schwammen in dem winzigen Boot auf den See hinaus, während er hier hinter dem Buschwerk blieb.
Eine schreckliche Angst, das Fahrzeug Ernas könne umschlagen, befiel ihn plötzlich, der Graf verstand sichtlich nichts vom Rudern und die Nußschale schwankte.
Er wußte selbst nicht, was er that, als er, jedes Bedenken außer Augen setzend, so schnell er konnte, hinter den Andern herruderte. Da Erna allein ihr Boot zu führen hatte, gelang es ihm sehr bald, sie einzuholen. Seine Hast, die bestimmte Richtung auf sie zu, mußten sie und ihren Begleiter glauben machen, daß er die Absicht habe, mit ihnen zu reden.
„Was mag der Herr wollen? Wer ist es? Halten Sie einen Augenblick, gnädiges Fräulein, der Herr wünscht etwas zu sagen,“ meinte jetzt auch der Graf Ritberg bestimmt. Und sie legte die Ruder nieder, in der Absicht, ihn herankommen zu lassen.
Ihn aber befiehl nun plötzlich wieder das Gefühl seiner Thorheit, die Erinnerung an ihre mehrfachen Zurückweisungen und statt jetzt anzuhalten und sein Nachsetzen zu erklären, gab er seinem Boot wüthende Stöße und schoß vorüber in toller Hast.—
„Was soll das? Wer ist es denn? Was fällt dem Manne ein?“ fragte der Graf.
Erna Calander sah verlegen und erschrocken aus.—
„Ich weiß nicht. Ich glaube, er dachte, wir seien in Gefahr, als das Boot schwankte,“ stotterte sie.
„Wer ist dieser blöde Ritter?“ lachte Graf Ritberg.
255 ist der Baron Willwarth,“ erwiderte sie leise und zögernd.
„Der—?“
Eine ganze Geschichte lag in dem Wort.
Sie blickte auf.
„Kein Wort von all' dem Gerede dürfen Sie glauben, Herr Graf,“ sagte sie erregt.
„Sie hörten indessen gestern Abend, gnädiges Fräulein—“
„Ja und ich erschrak vor diesen Verdächtigungen und Anklagen, die gleichwohl Niemand aussprechen wollte.“
„Natürlich! Und man wird sich hüten, dergleichen Muthmaßungen als Wahrheit zu geben. Ist der Mann unschuldig—“
„Herr Graf!“ Ein zorniger Vorwurf lag in der Stimme des jungen Mädchens und wieder schwankte der kleine Kahn hin und her, weil sie eine heftige Bewegung machte in der Abwehr dieses Zweifels.—
„Nun wohl, meine Gnädige, so hat er also immer den Schein in bedenklicher Weise gegen sich.“
„Sie hörten aber doch, Herr Graf, daß Papa erklärte, er habe Das Protokoll der Untersuchung gelesen; jeder Zweifel an der Todes— ursache des Herrn von Froysberg sei ausgeschlossen, nur Bosheit und Sensationssucht können derartige Gerüchte in Umlauf setzen und kolportiren,“ versetzte sie.
„Ich bin weit entfernt, den Baron anzuklagen. Im Gegen-
theil, Ihres Herrn Vaters Wort genügt vollkommen. Es ist dann also nur sehr bedauerlich für den Baron, daß die Umstände so unglücklich⸗glücklich zusammentreffen. Sie haben auch gestern Abend mehrfach protestirt, gnädigstes Fräulein, aber die fatalen That⸗ sachen sind leider konstatirt und wenn der eigne Schwager, sei es selbst in der Weinlaune, erklärt, dieser Todesfall sei sehr zu rechter Zeit gekommen, er habe Willwarth's gestrandetes Schiff wieder flott gemacht——“
„Halten Sie ein, Graf, es empört mich, einen Kavalier, wie Sie, diese heimtückischen Verdächtigungen wiederholen zu hören!“
„Ich wiederhole sie Ihnen— einer Ohrenzeugin, nicht den Anderen. Aber Sie müssen doch begreifen, Fräulein Erna, daß Willwarth unter diesen Umständen nicht gerade eine erwünschte Bekanntschaft ist. Und von diesem Punkte ging ja gestern das Gespräch aus. Rochlitz forderte Zehnin und mich auf, mit nach Froysberg zu fahren. Zehnin lehnte ab und während ich ihm zu— stimmte, widersprachen Ihr Herr Vater, Rochlitz und die Anderen. Gleichwohl mußte Ihr Herr Vater zugeben, daß er selbst keinen Umgang mit dem nächsten Nachbar habe und wenn er rücksichtsvoll und edeldenkend genug ist, sich als den Schuldigen in diesem Punkte zu erklären, so erkennt man hier doch die wahren Gründe leicht genug.“
„Ich kann nur wiederholen, Herr Graf, Sie irren. Herr von Willwarth ist es, der uns eine Schroffheit entgegengesetzt hat, welche jeden Verkehr mit uns ausschloß.“ 7
„Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, man erzählt sich eine reizende kleine Geschichte von einem vergessenen Portemonnaie und einem liebenswürdigen Ritter; man weiß ferner, daß Baron Willwarth einer gewissen jungen Dame seine Huldigungen darbrachte.“—
Und damit zeigte Graf Ritberg, klug und überlegen lachend, nach dem Thürmchen am See, an welchem sie in einiger Entfernung vorüber kamen. Sein Blick, sein Ton waren nicht mißzuverstehen. Er war einer jener Herren gewesen, welche damals im Boote an ihr und Erich vorüberfuhren. Erna wurde roth. Man glaubte also, sie habe Willwarths Bewerbung abgewiesen. Man spionirte jeden Umstand aus, der sie betraf und deutete ihn nach Belieben. Und klang nicht aus Graf Ritbergs Ton noch ein Anderes?
War es denn gar nicht möglich, daß ein lediger Mann sich mit ihr beschäftigte, ohne diesen Hintergedanken der Heirath und war sie ausersehen vom Schicksal, jeden Tag sich sagen zu müssen: „Du bist es nicht, die man so umschwärmt.“ Ach, alle Unbefangenheit hätte ihr längst verloren gegangen sein müssen, wenn nicht die un— versiegliche Jugendkraft neue Sprossen aus ihrem Herzen hervor⸗ getrieben.
„Kehren wir jetzt zurück, Herr Graf!“ bat sie mit demselben schroffen Ton, der Erich so verletzt hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Lear des Dorfes. Erzählung von Wilhelm Grothe.
„Adieu! Adieu! Morgen wieder lustig!“ Noch ein Händedruck, dann wandte sich Jeder, um den Heimweg in der Nacht anzutreten. „Morgen Abend nicht zu spät.“
„Was ist das?“ rief Kurd Blenke und deutete nach dem nahe— gelegenen Walde, über den sich am Himmel eine helle Röthe ergoß. „Das ist Feuer.“
„Das muß Peter Goritz' Gehöft jenseits des Sees sein,“ be— merkte Karl Walter.
„Rasch zum Küster, wir wollen die Schlüssel zum Thurm holen! — Wir müssen Sturm läuten.“
„Ich hole die Pferde aus der Brauerei!“ ließ sich der junge Inspektor und Braumeister Gebhard Knaus vernehmen.„Meine Füchse sind schneller, als der lahme Schimmel. Zieht inzwischen die Spritze aus dem Häuschen.“ Er eilte davon.
Bald ertönte die Glocke, während die Spritze ebenfalls von den Nachtschwärmern aus dem Schuppen geholt und in Bereitschaft gesetzt wurde. Bald war auch Gebhard Knaus mit den Pferden aus der Brauerei zur Stelle.
„Nun werden die Philister vielleicht ein Einsehen bekommen, daß es nicht gut ist, mit den Hühnern zu Nest zu kriechen,“ sagte
er.„Faßt an; wir dürfen keine Zeit verlieren.“ 1


