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„Herr Baron, lassen Sie uns den armen gnädigen Herrn herein— tragen!“ mahnte der Verwalter.
Erich von Willwarth war völlig fassungslos. Er schluchzte an des alten Mannes Schulter. stunde noch so voll Leben und Freude, und nun todt! Es konnte ja nicht sein, es war unmöglich. Er erzählte in abgebrochenen, aufgeregten Worten schon zum dritten oder vierten Male, wie dies Alles gewesen, wie es gekommen. Seine Erschütterung nahm mit der Gewißheit von Froysbergs Tode zu.
Inzwischen hatten die Leute eine Bahre und Matratzen geholt; so trug man den Herrn, den man gesund und heiter vor ein paar Stunden sein schönes Schloß verlassen gesehen, in dasselbe zurück.
Ein Haufen von Menschen umgab die Leiche. Von allen Seiten strömten sie herbei. Jeder fragte, jeder wollte Näheres wissen.
Baron von Willwarth war der Einzige, welcher Auskunft geben konnte. Jetzt stand er mit dem Arzt bei der Leiche.
Todt! Völlig todt! Die Kugel war unter dem Ohr herein⸗ gegangen und in's Gehirn gedrungen.
Das Gericht wurde benachrichtigt. Erich ließ den alten Ver⸗ walter schalten, wie derselbe es für gut fand. Gegen Morgen wurde er aufgeschreckt. Er mußte neben der Leiche eingenickt sein. Die Gerichtsherren mit dem Kreisphysikus waren da.
„Birkner!“ Erich stürzte förmlich auf diesen zu. Er bemerkte es kaum, daß derselbe blaß und ernst seine Umarmung nicht er— widerte, sondern an ihm vorüber nach der Leiche sah.
Dann kam der Pastor aus dem Dorfe, dessen Patron Froysberg gewesen.
So begann das Verhör. Man ging in den Garten. Erich mußte alles erklären. Da waren noch die Linien, die Froysberg gezogen— hier lief er in's Gebüsch.
Warum?
Ja, dafür hatte Erich keine Erklärung.„Die Füchsin,“ dachte er jetzt. Es fanden sich keine Spuren eines Thieres, auch nicht die eines Menschen.
Das Gewehr Froysbergs hatte sich entladen, so war schon diese Nacht die Meinung aller gewesen. Dasselbe wurde abermals unter⸗ sucht— ein Lauf war abgeschlossen. An dem blankpolirten Hahn— es war die Büchse— befand sich eine starke Schramme, wie etwas Hartes sie auf feinstem Stahl hervorbringen kann.
Der Hahn war nicht in Ruhe gesetzt worden, in dem ver— wachsenen Buschwerk konnte das Unglück sehr leicht geschehen. Das Blumenstöckchen wurde zerbrochen im Gebüsch entdeckt.
Dann nahm man die Sektion vor. Die Kugel paßte in Froysberg's Gewehr, sie war die seinige.
Das Protokoll wurde geschlossen. Die Frau des Verwalters hatte schon in ihrer Stube ein Frühstück vorbereitet.— Die Herren nahmen es dankbar an, sie waren sehr angegriffen. Erich zog sich auf sein Zimmer zurück. Gleich darauf trat Birkner nach vor— heriger Meldung ein.
Jetzt fiel es Erich doch auf, wie herzlich der alte Junge war. „Du armer Kerl! Na, natürlich, daß Dich dies mitgenommen hat! Und so schnell ist er dahin! Kaum Vierzig und fort— weggeblasen! Aus so einem herrlichen Besitz!“
Zum ersten Mal schoß Erich der Gedanke durch den Kopf, daß er der Erbe sei.
Birkner sah dies, er las in Erich's Gesicht, was in ihm vor— ging.„Ja wahrhaftig! Du bist der Erbe und es sieht Dir ganz ähnlich, mein Junge, daß Dir das erst jetzt einfällt.“
Eine stürmische leidenschaftliche Erregung überwältigte Erich momentan.
Der Erbe! Alles sollte ihm gehören, ihm in seiner Noth, in seinem Elend? Aber dann kam schon wieder das andere Gefühl: 11 der fröhliche, lebenslustige Vetter, hatte deswegen sterben müssen.
„Verzeih, Birkner! Ich, dies Alles— ich muß mich erst fassen—“ brachte er mühsam hervor.— Ein sonderbar schreckliches Gefühl überkam ihn, als müsse er laut aufschreien vor Freude und als sträubten sich seine Haare vor Entsetzen. Er klemmte die Zähne aufeinander und ballte die Hände, um dem krampfhaften Antrieb, zu lachen und zu schreien, Widerstand zu leisten.
„Ja wohl, Du hast Recht, ich kam nur, um Dir zu sagen, daß, wenn Du Hülfe— Rath brauchst—.“
„Ich danke Dir— aber jetzt—.“ Nun brach das Schluchzen
Vor Minuten,— vor einer Viertel-
hervor aus seiner Brust. Er winkte nur noch mit der Hand, ö
Birkner ging mit einem theilnehmenden Blick, und Erich von Willwarth blieb in einer unbeschreiblichen Aufregung zurück. Sollte er Gott danken? Danken für die Rettung, die seines Vetters Tod
ihm brachte?
Nach einer Weile öffnete sich abermals leise seine Thür. Es war der Verwalter mit dem Arzt, welche eintraten. Erich war
schon aufgesprungen.— Wenn auch die Spuren dieser Stunden unverkennbar in seinen Zügen und den feuchten Augen lagen, er hatte doch seine Ruhe wieder. 1
„Gnädiger Herr, wir ängstigen uns um Sie!“ entschuldigte sich
der Verwalter.
„Herr Assessor Birkner veranlaßte mich, Ihr Alleinsein zu stören,“ sagte der Arzt in demselben Sinne.
„Ich gestehe, daß ich mich in der That sehr erregt und er⸗ schüttert fühle. Es ist der erste Todesfall, den ich in meiner nächsten Nähe erlebe,“ sagte Erich.
Der Verwalter ergriff seine Hand.„Der Herr Baron ist nun unser Herr,“ brachte er nur mit Mühe, zitternd, hervor.
So folgte eine aufregende Szene der andern. Es kamen von allen Seiten im Laufe des Tages die Gutsnachbarn, die Freunde und Bekannten..
Der General und Diringer trafen gegen Abend ein, immer wieder mußte Erich erzählen. Dazwischen wurde der Todte auf— gebahrt. Telegraphisch oder brieflich ging die Schreckenskunde nach allen Seiten.
Das Begräbniß Froysberg's war vorüber. Erich von Willwarth hatte die Honneurs des Hauses gemacht und der Eindruck, den Alle von ihm empfangen, war ein sehr günstiger gewesen. Dagegen blieb es aber nach dem Lauf der Welt nicht aus, daß das tragische Ende des so früh Dahingerafften einen Glorienschein um sein An⸗ denken wob, daß seine liebenswürdigen Eigenschaften, das freundliche Gehenlassen, welches er für alle Andern hatte, wenn man ihm nur nicht seine Bahnen kreuzte, erst jetzt zu voller und auch übertriebener Anerkennung gelangte, und daß man gänzlich vergaß, wie oft man über des Lebenden Frren und Fehlen die Achseln gezuckt und herben Tadel ausgesprochen hatte. 5
Es ging Erich ganz ebenso. Seine tiefe Erschütterung ließ hin nur Worte des aufrichtigsten Lobes für seinen Vetter finden und gewann ihm die allgemeine Sympathie.—
Der Einzige, welcher auch jetzt wieder einen peinlichen Mißton in diese Stimmung warf, war Erich's Schwager Kyburg, der, ganz blaß und angegriffen von der schnellen Reise, in der Nacht vor dem Begräbniß auf dem Schlosse anlangte. Die Depesche hatte ihn richtig auf dem Axenstein getroffen. Nach ein paar Stunden des Schlafes war er aber wieder frisch, und nachdem er allen An⸗ forderungen an eine würdevolle Trauer bei dem Begräbniß gerecht geworden, athmete er, sobald man nach demselben im Schlosse wieder anlangte, erleichtert auf und beglückwünschte jetzt Erich lächelnd mit den Worten:„Le roi est mort, vive le roi! Du siehst mein Junge,“ fuhr er dann fort,„wenn Einem das Wasser bis an die Kehle geht, findet sich der rettende Strohhalm!“ Und dabei machte er eine groß⸗ artige Geste, welche auf das stattliche Erbe ringsumher deutete.
Die Umstehenden mochten die Art und Weise Kyburgs vielleicht nicht halb so peinlich empfinden wie Erich, der General und Diringer. Es war sehr natürlich, daß man, meist nur mit einem Händedruck Kyburg's Beispiele folgte, aber auch ebenso begreiflich, daß man dann auf dem Heimwege davon redete, es scheine doch wirklich etwas Wahres daran zu sein, daß der nunmehrige Besitzer der Herrschaft Froysberg am Ruin gestanden habe.
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Die nächsten Tage brachten Erich das heißersehnte Alleinsein. Wie befreit kam er sich vor, als sie alle fort waren. Kyburg mit guter Manier loszuwerden, hatte schwere Mühe gekostet, und als Erich meinte, nun endlich ganz sich selbst zu gehören, da machten sich schon die Ansprüche geltend, welche das Leben stellt. Der Verwalter kam ihm jetzt zunächst mit dem Gutsinventarium.
„Lassen Sie mir noch etwas Zeit, lieber Baum, mir ist, als thäte ich meinem armen Vetter Unrecht, wenn ich nehme, was sein
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„T.


