SBeilage
Ouerhessischen Uuchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 10.
Gießen, den 6. März.
1887.
Zum Nachdenken hatte Erich nicht Zeit. Froysberg nahm ihn beim Arm und führte ihn mit sich. Zunächst in den Pferdestall, wo er ihn bat, die braune Stute„Schönchen“ von ihm als Geschenk an⸗ zunehmen, es solle ihm dies als Gewähr aufrichtiger Versöhnung dienen, versicherte Froysberg.
Nichts hätte Erich unangenehmer berühren können. Aber sein Vetter hatte so ganz und gar kein Verständniß für derartige Empfindungen, daß er in der liebenswürdigsten Weise ihm das Ablehnen des Ge— schenkes völlig unmöglich machte. So blieb er ungern. Der Tag ging hin wie die anderen. Nach Mittag kam der Förster und be⸗ richtete, er habe einen Fuchsbau entdeckt; die ganze Familie sei daheim. Froysberg war wie elektrisirt; auch Erich kam die Jagd gelegen. Die Teckel mußten indeß erst vom Vorwerk geholt werden, wo der Jäger sie dressirte. Welch herrliche Gelegenheit, die Thiere arbeiten zu sehen. Man verabredete, daß man sich gegen Abend im Walde treffen wolle. Die Ausgänge des Baues waren vom Förster ge⸗ schlossen und eine Wache gestellt. Man durfte in Ruhe die kühlere Abendzeit erwarten, um so mehr, als die Hitze fast unerträglich war.
Der Mond stand schon ein Weilchen über dem Horizont, als die beiden Vettern Abends zurückkamen. Sie traten in den Park, sehr vergnügt, sehr animirt von der erfolgreichen Jagd und voll Eifer, die ihnen entgangene Füchsin in den nächsten Tagen aufzuspüren. Froysberg glaubte bestimmt zu wissen, wohin das Thier sich geflüchtet habe. Auf einem vom Monde beschienenen freien Platze suchte er Erich das Terrain an der besagten Stelle zu schildern und zeichnete mit einem Blumenstocke, den er aus einem der nahen Beete zog, die Krümmung des Baches, die Höhe daneben, die Fläche des Kiefern- bestandes auf die Erde.
Da horchte er plötzlich auf. Erichs Frage, was es gebe, blieb ohne Antwort. Ein wilder wüthender Ausdruck trat in sein eben noch so heiteres Gesicht, mit einem raschen Satze sprang er in das sie rings umgebende Boskett.— Ein Schuß— ein Laut, ein Schrei, nicht Stöhnen und doch Beides.— Dann ein Rascheln des Gezweiges wie von einem Fall.——
Erich stand noch und sah verständnißlos auf seines Vetters Thun.
Was macht er? Was fällt ihm ein? Wonach schießt er?
Wie ein Blitz fuhr der Gedanke ihm durch den Kopf, Froysberg habe auf einen Menschen geschossen, dann glaubte er die Füchsin sei erschienen. Die Jagdlust flammte wieder auf und er eilte zum Gebüsch.
Alles still! r
Froysberg. Er wollte es rufen. Es lag hier der Schatten großer Bäume über dem breiten Streifen Gebüsch, dicht daneben auf einer Rasenfläche blendender Mondschein.
„Froysberg!“
Da stolperte er fast über etwas, das auf der Erde lag.— Ein
Erna.
Novelle von L. Haidheim. (Fortsetzung.)
Baumstamm?— Nein, es war weich! Stoffe, menschliche Formen berührte sein Fuß. Ehe er das Alles ausdenken konnte, hatte er erschreckt sich gebückt. Unter seiner Hand fühlte er Lederriemen und die Patrontasche.
„Herr Gott, Froysberg? Bist Du es? Bist Du verletzt? Bist Du verwundet?“ rief er und sah sich rings um, ob da ein Mensch sei.
„Froysberg, mein Junge, sprich doch! Es ist nicht ernstlich?“ rief er nochmals und suchte, das dichte Gebüsch zur Seite schiebend, seinen Vetter aufzuheben.
Schwer wie Blei— stumm— regungslos!„Herr Gott, Mensch! Er ist doch nicht? Froysberg, Froysberg, sage nur eine Sylbe— sprich!—“
Mit der Kraft der äußersten Aufregung hatte er seinen Vetter emporgehoben. Kein Athemzug, kein Herzschlag? Ein unbeschreibliches Entsetzen packte ihn.
„Barmherziger Gott, es war ja unmöglich, er konnte doch nicht todt sein? Und was war denn das? Was hielt denn da die Büchse zurück? Endlich, das Schloß hatte sich förmlich in den Zweigen ver⸗ wickelt. Ohne Zweifel— der Unglückliche hatte den Hahn nicht in Ruhe gesetzt.
Er hielt ihn auf den Armen und schleppte ihn keuchend die paar Schritte aus dem Gesträuch.
Da lag der Körper im hellen Mondschein auf dem Rasen. Aber er war ja ganz warm,— nirgend eine Wunde,— nirgend Blut. — Doch, doch, hier!— Ein ganz schmaler Streifen, ein Tropfen fast nur— unter dem Ohr.
„Froysberg, Mensch, sprich! So wach doch auf!“ Alles still, „Hülfe! Hülfe! Hülfe!“ schrie Erich von Willwarth durch den Park. Wie viele Male mußte er es wiederholen, dies Hülfe, Hülfe.
Dazwischen fühlte er mit Entsetzen das Erkalten der Finger Froysbergs. Bald sprang er auf, um selbst Hülfe zu holen, da sie nicht kam, bald stürzte er wieder zurückkehrend neben dem Unglück⸗ lichen auf die Knie und legte sein Ohr auf dessen Brust. Alles still und stumm.
„Hülfe! Hülfe!“— Endlich Stimmen.
Von allen Seiten kamen sie jetzt: Der Gärtner, die Stall— knechte, Schloßdiener und Mägde.—
Ein lautes Geschrei erhob sich.„Einen Arzt!“
„Ist er denn todt?“ fragte Erich Willwarth den alten Gärtner; 115 fast noch bleicher, als das stille, schmerzlose Antlitz zu seinen
üßen.
Der alte Mann nickte stumm; er hatte schon oft Todte gesehn, Erich von Willwarth noch niemals. a
„Zu Pferde! Zu Pferde! schafft einen Arzt herbei!“


