Ausgabe 
6.2.1887
 
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47 De.

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Wenn einer mit der Nachricht in den Salon gestürzt wäre: der russische Heerführer habe Abdul Kerim mit seinem ganzen Heere vernichtet, so hätte diese Mittheilung keine größere Ueberraschung auf die Anwesenden hervorbringen können als dieser Entschluß der Hausfrau.

Den Maler berührte derselbe wohl am innigsten.

Gnädige Frau, sprach er mit bewegter Stimme, der Konsulin mit Wärme die Hand drückend,nie hat meine Kunst bisher einen schönern Erfolg errungen. Nun, da ich des Mädchens Geschick in Ihren Händen weiß, scheide ich viel beruhigter von hinnen!

Er schied, und Rachilla zog später ein, bewundert von Allen, die sie sahen.

Wohl machte das Hirtenmädchen große Augen, als es in die ihm völlig fremde Umgebung gerieth, aber mit erstaunlicher Schnellig⸗ keit wußte es sich in die neuen Verhältnisse zu schicken und die ihm übertragenen Dienstleistungen auszuführen.

Ich glaube, unser Maler hatte Recht, in Rachilla eine Fee zu wittern, scherzte bei Tafel einst der Konsul, als die neue Haus genossin mit ungezwungener Anmuth die Speisen servirte.Aber seht Euch vor, Feen verschwinden oft so schnell, als sie erscheinen, lachte er launig, und mit ihm lachte seine Gattin und seine Tochter, und sie ahnten nicht, wie wahr das Verschwinden sei!

Die für die Russen so unglückliche Schlacht bei Plewna ver⸗ anlaßte weitere Zuzüge von Truppen auf den Kriegsschauplatz. Mit diesen kam auch der russische General, Fürst D.. w, nach Bukarest und nahm im Hause des Konsuls Wohnung. Der ungewöhnliche Aufwand und die zahlreiche Dienerschaft des Fürsten ließen ver⸗ muthen, daß er sehr reich sein müsse. Und das war er in der That. Seine Güter im Innern Rußlands lieferten ihm reiche Erträge, und völlig unabhängig genoß er das Leben in vollen Zügen.

Waren die Frauen schon von der Erscheinung Rachilla's hin⸗ gerissen, so übte sie auf den leicht entzündlichen Krieger eine geradezu fascinirende Wirkung aus.

Gewohnt, seine Entschlüsse rasch auszuführen, erklärte er eines Tages dem Hausherrn, daß er Willens sei, Rachilla zu seiner Gattin zu machen.

Der Konsul zog mit einem eigenthümlichen Lächeln seine goldene Dose, tippte bedeutsam mit dem Mittelfinger auf den Deckel der⸗ selben und präsentirte sie seinem Gaste.

Wär's auch im Stande, raunte er diesem dabei in's Ohr. Aber will Rachilla Ihnen auch nach Rußland folgen?

Sie will! Sie will! nickte jener und nahm eine Priese. Und warum hätte sie jenem Manne nicht folgen sollen, der

allein im Stande war, farbenprächtige Teppiche unter ihre Füße zu wie sie einst geträumet, als der Maler sie verlassen? Dachte

breiten, Das Bild, das er ihr geschenkt,

sie noch an Jenen? Doch wohl! und jener Kranz, den sie sich in's Haar geflochten, sie lagen ver⸗ einigt in ihrem Schranke und der Fürst hatte ihr versprochen, sie dürfe diese Kleinode mit nach Rußland nehmen, und ein goldener Rahmen solle sie dort zieren. Und Rachilla hatte gelächelt und zu ihm gesprochen:Du bist gut! Ich will Dir folgen, weit, so weit Du wünschest!

Sie folgte ihm, wie sie versprochen. Der glückliche Fürst sandte sie nun zuerst nach Paris zu seiner dort lebenden Schwester, wo sie sich einige Zeit unter deren Aufsicht die feineren Sitten der ge bildeten Kreise aneignen sollte.

Rachilla's außergewöhnliche Begabung erleichterte ihre Erziehung in kaum geahnter Weise und mit sichtlicher Befriedigung konnte sie General D... w ein Jahr später im Hause des Konsuls als seine Gattin vorstellen. Dann zog sie mit ihm nach Rußland, vergaß aber nie die treuen Pflegeeltern, die sie stets reichlich bedachte. Bei jeder neuen Sendung faltete Mutter Nutza die Hände und betete: Allgütiger, segne unser Kind! Und Vater Pokaru nickte dann für sich hin und murmelte:Er meint's doch gar zu gut mit uns, der heilige Potru! Und er meinte es gut mit ihnen, denn sie genossen noch lange und reichlich den Dank des Hexenkindes.

Freundlicher Leser, ist dir nicht hin und wieder in den Kunst⸗ handlungen deines deutschen Heimathlandes ein Bild aufgefallen, das ein liebliches Mädchen veranschaulicht, dessen Augen dich gar treu⸗ herzig anschauen und zugleich auch schelmisch zu fragen scheinen: Bin ich nicht hübsch? Und hast du nicht auf dem dunkeln Haare dieses Mädchens einen Kranz zierlicher Alpenblumen bemerkt? Nun

denn, das Original dieses Bildes, unter dem das WörtchenFrüh ling steht, befindet sich in Bukarest im Hause des.. schen Konsuls. Der Künstler, der es geschaffen hat, starb leider vor einigen Jahren in Rom, er hieß Heinrich Junghaus und stammte aus der Provinz Hannover. In dem Mädchen aber mit dem kranzgeschmückten Haupte und den schelmischen Augen findest du das Ebenbild Rachilla's, der Pflegetochter Pokaru's und dessen Ehegenossin Nutza. g

Lose Blätter.

Die Turteltaube im Volksglauben. In der Wetterau hält man die Turteltaube für einen heiligen Vogel, einenHerrgottsvogel. Es heißt: In ein Haus, wo man Turteltauben hält, schlägt kein Blitz ein und wenn diese Vögel sich baden, und mehr als gewöhnlich krähen(ruckausen, girren), so kommt bald Regenwetter. In Schwaben schaffen sich Leute, die mit oft wiederkehrendem Rothlauf behaftet sind, Turteltauben an und behaupten, daß diese die Krankheiten an sich ziehen. Man könne dies ganz deutlich sehen, indem die Füßchen der Täubchen oft scharlachroth würden. Ist ein Kranker im Haus, so kräht nach süddeutschem Aberglauben die Turteltaube nicht mehr, wodurch sie ihre Trauer bekundet. Stirbt aber Jemand im Hause, so trauert sie oft Jahre lang. Wer ein Paar Turteltauben halten will, darf sie nicht kaufen, sondern muß sie sich schenken lassen. Uebrigens bleibt es unverwehrt, ein Gegengeschenk dafür zu machen. Nach deutschböhmischem Volksglauben darf man Turteltauben nicht schlachten, denn sie sindHerrgotts⸗ vögel, die zu vielem Liebeszauber dienen, deren Blut, wie die Schlesier meinen, Sommersprossen vertilgt. Während die Lachtauben in der Stube gehalten die Schwindsucht anziehen und gegen Gicht schützen sollen, ziehen die dem Hause Glück bringenden Turteltauben vorzugsweise Flüsse an sich, wie man in Baiern, Schwaben und der Schweiz glaubt. In Deutsch⸗ böhmen nimmt am Palmsonntag der Hausvater ein soeben erst aus dem Ei geschlüpftes Turteltäubchen und streicht mit ihm allen Hausgenossen das Gesicht, dann bleiben sie angeblich immer geistig und leiblich rein und schön, ohne Flecken, Warzen und Sommersprossen. Sonne, Mond und Wind beißen in einem Volksräthsel der Eifel: die drei Turteltauben.Es kommen drei Tauben um den Kirchthurm herumschnaufen; die eine will, es wäre Tag; die andere will, es wäre Nacht; der dritten ist's gleichviel, ob's Tag oder Nacht.

Th. Bd.

Das Original für die Copie. Lord Clarendon hatte bei Antwerpen ein kleines Landgut gekauft, dessen reizende Lage den Maler Vandervelde so entzückte, daß er es zu malen beschloß. Dem Entschluß folgte die Ausführung. Einige Zeit darauf ging er mit dem Bilde nach London, erhielt jedoch nicht den Preis und brachte es deshalb zur öffentlichen Versteigerung. Bei der⸗ selben war auch Clarendon gegenwärtig.Fünfzig Guineen, waren schon geboten worden, da hallte es durch den Saal:Ich gebe das Original für die Copie. Der Maler fuhr von seinem Sitze auf:Wer wagt mich, Vandervelde, für einen Copisten zu halten? fragte er laut. Der Lord wiederholte ruhig:Ich biete das Original für die Copie. Jetzt verstand der Maler, erklärte, das Gemälde von der Auction zurückzuziehen und befand sich nach Ausfertigung des Tauschvertrages im Bestte eines reizenden Land⸗ sitzes, auf dem er steks einige Sommermonate zuzubringen pflegte.

W. G.

Nadir⸗Schah ließ für seinen Sohn um die Tochter des Großmoguls freien. Dieser verlangte, der Bräutigam solle sieben Ahnen aufweisen.Wie? rief Nadir,hat der Diamant deshalb weniger Glanz, weil er in der Erde gewachsen ist? Doch dem Mogul werde sein Wille. Sagt ihm also, mein Sohn sei der Sohn des Schwertes, der Enkel des Schwertes, der Urenkel des Schwertes, und so fort bis siebenzig Ahnen gewonnen sind, statt der verlangten steben. Sagt ihm ferner, eine solche Ahnenzahl mache stolz und heftig im Streit und läßt nicht zu, daß man eine Beleidigung duldet. So mächtig der Großmogul, wurde kein Einwand mehr gegen den Eidam erhoben.

W. G.

Wieviel der siebenjährige Krieg an Geld und Menschen verzehrt hat, theilt Friedrich der Große in seinen Schriften mit. Preußen verlor 180 000 Soldaken in 16 Schlachten und Belagerungen. Durch die Barbarei der Russen kamen außerdem noch 33 000 Menschen um's Leben. Die Russen selbst büßten in vier großen Schlachten und auf langen Märschen 120 000 Menschen ein. Den Oesterreichern kostete der Krieg 140 000 Mann den Franzosen 200 000, und den Engländern und Verbündeten 160000 Mann. Das Keichsheer büßte 7 500, und das schwedische 28 000 Mann ein. Merk⸗ würdig ist aber die Versicherung Friedrichs II., daß ihm der Krieg nur 125 Millionen gekostet habe, und demungeachtet noch 7 Millionen an die verheerten Provinzen seines Landes nach Beendigung des Krieges zur Unter stützung auszahlen ließ. M.

Unter den Kirchenschätzen der bischöflichen Kathedrale von Arras be⸗ findet sich ein Bischofsstab, der sehr kunstreich emaillirt ist, und auf dessen Spitze, in getriebenem Golde, Gott Vater, auf einem großen Amethist sitzend, vor ihm, vor einem Altar knieend, die heilige Jungfrau, ihr zur Seite ein Lamm mit dem Schwerte in der Brust, aus welcher Blut in einen Kelch 9 abgebildet ist. Dieses mystische Bildwerk ist eine Arbeit Benvenuto Cellini's. M.

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