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Der Führer übersetzte dem Deutschen die Worte des Mädchens. Dieser lächelte und entgegnete:„Vielleicht sind sie es, die meine Schritte hierher gelenkt!“ Dann fertigte er in aller Eile ein zweites Bild von Rachilla an, das er dem entzückten Mädchen überließ. Ueberglücklich versuchte dieses einen Zipfel seines Plaids an die Lippen zu drücken, was der Maler jedoch zu verhindern wußte. Er ergriff ihre beiden Hände, die sie ihm willenlos überließ und sah ihr lange in die dunkeln Augen.„Leb' wohl, Du liebes Mädchen,“ sagte er dann;„mögen die Blumen auf Deinem Haupte nie verwelken, und ihr Duft Dein Dasein verschönern!“ Dann wandte er sich ab und schritt am Ufer des Baches entlang, dem dunkeln Nadelgehölz zu, das sich in der Ferne hinzog. Sein Führer folgte ihm schweigend. Freilich hatte Rachilla nicht verstanden, was der frende Mann zu ihr gesprochen; aber sein inniger Blick verriethen ihr deutlich, daß die Worte aus seinem Herzen kamen. Wie festgewurzelt blieb das Mädchen, die Augen zu Boden gesenkt, stehen. Auf die Stelle waren sie gerichtet, die deutlich die Fußspuren des Wundermannes erkennen ließen. Konnte nicht, wie in seinen Händen, auch in seinen Füßen eine Zauberkraft verborgen liegen und da, wo diese die Erde berührten, farbenprächtige Blumen entsprießen? Und konnten diese Blumen sich dann nicht üppig ausbreiten und das harte Feld— gestein, einem Teppich gleich, überziehen, damit ihr Fuß weich darauf wandele?
Ja, Rachilla, die Kunst dieses Mannes vermochte solches! Und während Du einsam, in den wilden zerklüfteten Bergen, von solchem Glücke träumst, beginnt das Geschick, die Fäden zu weben und Dir den blumengeschmückten Teppich zu bereiten, worauf Deine Füße künftighin wandeln sollten.
Der deutsche Maler und sein Führer gelangten nach einer zwei— stündigen Wanderung in einen Hohlweg, der, wie der Letztere ver⸗ sicherte, in die Ebene führte. An einer scharfen Krümmung dieses Weges bemerkten sie plötzlich einen Menschen, der bei ihrem Anblick stutzte und unschlüssig schien, ob er die Flucht ergreifen oder seinen Weg fortsetzen solle. Der Grund seiner Besorgniß war erklärlich. Es war ein Schmuggler, der ein gewaltiges Bündel, das vielleicht türkischen Tabak enthalten mochte, auf der Schulter trug und die Grenze zu erreichen suchte.
„Sei außer Sorge, Freund,“ beruhigte ihn der Begleiter des Malers.„Wir sind friedliche Leute und denken nicht daran, Dir Uebeles zu thun!“
„Möge Schatten Euch die Stirne kühlen und Eure Reise glücklich enden!“ begrüßte er die Ankömmlinge.
„Dir Dank und gutes Gelingen!“ antwortete der Führer. kommst aus der Ebene? Wie lebt sich's dort noch?“
„Wie soll sich's leben? Krieg bedroht das Land und erschwert uns den Verdienst.“
„He,— Du meinst?“
„Ich meine, daß die Donaufische sich bald am Menschenblute sättigen können. Die Russen stehen schon hinter Galatz und Braila und Abdul Kerim Pascha am bulgarischen Ufer.“
Der deutsche Maler hatte kaum diese Kunde vernommen, als er auch schon seinen Reiseplan änderte. Anstatt der romantischen Karpathenlandschaften sollten nun blutige Scenen die Blätter seines Skizzenbuches aufnehmen.
Mit flüchtigem Gruße trennte man sich von dem Schmuggler und beeilte sich das flache Land zu gewinnen, um so bald als möglich nach Bukarest zu gelangen. Hier, im Hause des ihm befreundeten .. schen Konsuls wurde er längst erwartet; auch konnte er sicher darauf rechnen, daß durch dessen Vermittelung sein Ansuchen bei dem russischen Hauptquartier, den Krieg als Berichterstatter mitmachen zu dürfen, am schnellsten entsprochen werde.
Sein Empfang in dem gastlichen Hause war überaus herzlich; und erwartete er späterhin auch voll Ungeduld das Eintreffen des Dokumentes, das für sein Vorhaben unerläßlich war, so fühlte er sich andrerseits durch das wohlwollende Entgegenkommen der Haus— genossen reichlich entschädigt.
Sowohl des Konsuls Gattin, als auch dessen Tochter bemühten sich, dem lieben Gast den Aufenthalt im Hause so angenehm als möglich zu machen, was um so leichter war, als sich daselbst an gewissen Abenden die hervorragendsten Persönlichkeiten der Bukarester Gesellschaft zusammenfanden.
Wurden auch an solchen Abenden die politischen Zeitverhältnisse mehrfach erörtert, was die Meinungen oft auseinander gehen ließ,
„Du
so wußten die Damen des Hauses stets durch eine feine Wendung dem Gespräche eine andere Richtung zu geben und die hin und wieder erregten Gemüther zu besänftigen
Es war dies auch der Fall an jenem Abende, den der deutsche Maler zum letzten Male in der Gesellschaft zubringen sollte. Die
lang ersehnten Papiere, die ihm gestatteten, die Schrecken des Krieges
in der Nähe kennen zu lernen, hatte er vor wenigen Stunden er— halten und nun beabsichtigte er, am andern Tage nach dem Kriegs— schauplatze abzureisen.
Was war geeigneter als dies Vorkommniß, die Gesellschaft wieder an die Wirren des Tages zu erinnern? Die Tochter des Hauses wußte dem zuvorzukommen.
„Sie wollen morgen abreisen,“ wandte sie sich an den neben ihr sitzenden Künstler, und haben uns noch immer nicht das Abenteuer geschildert, um dessentwillen Ihnen die Karpathenreise unvergeßlich bleiben wird.“
„Was, ein Abenteuer? Vielleicht mit einem Bären?“
Es war ein alter Oberst, der diese Fragen stellte.
„Oder sind Sie gar Räubern in die Hände gefallen?“ fragte ein Anderer.
Der Maler schüttelte lächelnd den Kopf.
„Vielleicht,“ rief lachend ein junges Mädchen, das eben erst die Pension verlassen hatte,„sind Sie einer Fee begegnet?“
„Ganz recht, mein Fräulein, eine Fee war es, die mir meine Exkursion unvergeßlich macht!“
Der Maler sprach diese Worte mit ruhigem Ernste, was seltsam mit seinem vorherigen Lächeln kontrastirte. Wenn etwas geeignet war, die Neugierde der Gesellschaft zu erregen, so war es diese veränderte Stimmung.
„Bitte, bitte, erzählen Sie!“ tönte es ihm von allen Seiten ent— gegen; selbst die Herren waren begierig, dies Abenteuer zu vernehmen.
Der Maler erzählte. Immer wärmer wurde der Ton seiner Rede und steigerte sich schließlich zum Enthusiasmus, als er den Eindruck schilderte, den Rachillas ganzes Wesen auf ihn gemacht hatte.
„Wir müssen das Wunderkind sehen!“ riefen, als der Maler geendet, einige aus der Gesellschaft.„Wo ist Ihr Skizzenbuch?“
Ein Diener wurde beauftragt dasselbe aus der Wohnung des Malers zu holen.
„Bitte, schnell, schnell!“ kicherten einige Damen beim Anblick
des Buches, das der Diener dem Maler eingehändigt hatte;„öffnen Sie, sonst kann sich, uns zum Verdruß, die Gebirgsfee am Ende in ein profanes Hirtenmädchen verwandeln!“
„Urtheilen Sie selbst!“ lächelte nun wieder der Künstler und schlug das Buch auf.
Alles drängte sich um ihn, die besternten Herren und die kichernden
Damen. Auf Alle übte die Gebirgsfee eine überwältigende Wirkung aus. Das Hexenkind hatte sie alle bezaubert.
„Mein Bericht ist noch nicht zu Ende,“ begann nach einem Weilchen der Maler wieder, und seine Züge nahmen einen fast schwermüthigen Ausdruck an.„Es fügte sich seltsam, daß ich gerade heute, nachdem ich auf dem russischen Konsulate meine Angelegenheit geordnet hatte, in der Strada Mogoschoi meinen alten Führer wieder antraf. Dieser erzählte mir nun, daß Rachillas Pflegeeltern, wegen Kränklichkeit des alten Pokaru, kurze Zeit nach unserem Zu⸗ sammentreffen mit dem Mädchen die Stina oben im Gebirge ver— lassen hätten und nach Rimnik gezogen seien. Nipudar, der Be⸗ sitzer der Stina, sei ein harter Mann und ließ die armen Leute darben. Ihr Loos zu erleichtern, habe Rachilla beschlossen, einen Dienst zu suchen.“
„Wissen Sie, bei wem die Pflegeeltern des Mädchens in Rimnik wohnen?“ forschte mit sichtlichen Interesse die Hausfrau.
„Bei dem Schwager Pokarus, Andrei Moldovan,“ antwortete der Deutsche. jedes Kind in Rimnik kenne.“
„Darf ich Sie um die Adresse bitten?“
Der Maler riß eilfertig ein Blatt, das die Adresse enthielt, aus seinem Notizbuche und überreichte es der Gattin des Konsuls.
„Was beabsichtigst Du damit, Mama?“ fragte deren Tochter mit großer Spannung.
Die Konsulin, die gerade Rachillas Bild in der Hand hielt, blickte ein Weilchen stillschweigend auf die Zeichnung.„Ich will das Wunderkind, dessen Züge mir so sympathisch sind, zu uns nehmen!“ sagte sie dann.
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„Mein ehemaliger Führer versicherte mir, daß ihn
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