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6.2.1887
 
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Die Frau neben ihm lachte ihn mit einem fatalen Ausdruck an und ein alter Mann wandte sich mit einem gemurmelten häßlichen Wort ab.

Das junge Mädchen, in dem offnen Blick desselben lag aus der Verlegenheit. 8

Ich danke Ihnen sehr, Herr Baron von Willwarth, recht sehr! wiederholte sie seinen Namen, um ihn sich fest einzuprägen.

Dann fiel ihr ein, daß sie ihm den Auftritt erklären möchte.

Es war meine Bonne, ich wollte sie besuchen! Und nun erst bemerkte sie den Ausdruck in den Mienen der Umstehenden.

Eine glühende Röthe schoß von Neuem in ihre Wangen; sie machte eine kurze Verbeugung und ging mit hastigen, ungleichen Schritten immer schneller, fast laufend, bis sie ihm aus den Augen war. f

Das Weib neben ihm machte eine mißachtende Bemerkung; er warf demselben einen wüthenden Blick zu und verfolgte seinen Weg.

Tief aufseufzend stand er wieder der fürchterlichen Wirklichkeit gegenüber. Was er da eben erlebt, hatte ihn für Minuten der selben entrückt.

Wenn sie mich erschießen wollten, mir wäre gewiß nicht halb so schwer zu Muthe, dachte er und wieder schüttelte er sich vor dem, was in der nächsten Stunde ihm oblag. Dennoch. wich das Mädchen mit dem Kranze nicht aus seiner Phantasie.

Er dachte unbewußt nach über ihre Erscheinung. Der sehr schlichte

dem dies galt, hatte nichts davon bemerkt; jetzt nur die Freude, erlöst zu sein

dunkle Regenmantel an diesem sonnigen Morgen, das einfache Hütchen

Arme Kleine, sie kaufte den Kranz, den sie wohl mit mühsam erspartem Gelde bezahlen wollte. Wie sie roth war, wie erschrocken und wie unbewußt vornehm sie dann sein Geld nahm.Papa wird es mit vielem Dank zurückzahlen. Wer mochte der Vater sein? Gewiß irgend ein Subalternbeamter! Doch nein, dagegen sprach ein Etwas in dem Benehmen, das er sich nicht klar machte. Vielleicht eine kleine Gouvernante? Aber nein, sie hatte die Todte ihre einstige Bonne genannt! Na, das konnte auch eben nur ein jetzt beliebter Ausdruck für Kindermädchen sein. Welch unschuldige, ernste Augen sie hatte! Sie sah gewiß entzückend aus, wenn sie lachte.

Immer stand sie ihm vor der Seele, wie die zierlichen Hände in den netten dunklen Handschuhen sein Geld aus dem Portemonnaie nahmen. Für wie reich mochte das kleine Ding ihn halten! Ach, und wie er da so vor ihr gestanden, war er in allem Glanz seiner Uniform nichts als eine Lüge! Die glänzende Uniform trug er heute zum letzten Male. Und wieder kam alle Qual über ihn. Er liebte den Soldatenstand; er wußte nicht, wie er leben sollte in andern Ver⸗ hältnissen und doch mußte er leben; er mußte, um der Schwestern willen. Wie eine Erlösung war es ihm jetzt, daß er vor dem Hause seines Onkels, des General von Grumbach stand. Derselbe bewohnte die große Beletage. Nun war der gefürchtete Augenblick da; mit ihm war dann auch das Aergste überstanden. Wie ihm das Herz weh that, das war ja ein echt körperlicher Schmerz.

Se. Exellenz zu Haus? fragte er den wohlbekannten Diener.

Ja wohl, Herr Baron, alle im Salon, die Frau Gräfin auch!

Hedwig? Sie war hier? Dann wußten sie schon Alles!

Er schritt über den Korridor. Ein zweiter Diener trat aus dem Vorzimmer ihm entgegen.

Ah! der Herr Baron, sollte gerade jeden Besuch abweisen, aber natürlich, bitte im Salon Ihrer Excellenz!

Mein Onkel auch?

Ja wohl, ja wohl, Herr Baron! und ein neugieriger Blick folgte dem schon Weiterschreitenden.

Erich von Willwarth biß die Zähne zusammen, alles Blut strömte ihm zum Herzen.

Die Thür wurde aufgerissen.

Sein Onkel war es selbst sehr aufgeregt aussehend; das spärliche graue Haar wild durcheinander stehend, im bequemen Haus jaquet, eine mittelgroße, fast jugendlich schlanke Gestalt, zu welcher der weiße Vollbart nicht recht paßte.

Am Tische, in einen Fauteuil geschmiegt, saß seine weinende Frau. Ein schönes junonisches Mädchen ging hastig und in zorniger Aufregung im Zimmer auf und ab. Ein, anderes jüngeres, blond und blauäugig, im blauen Morgenanzuge hielt eine ebenfalls weinende, im Beginn der Dreißig stehende Dame umschlossen und diese Letzere, zwei Jahre älter als er, rief ihm entgegen:Sie wissen es, Erich!

Sie wissen Alles! und dann rang sie die Hände:Großer Gott, meine Schuld, meine Schuld!

Unglücklicher! ist es denn wahr? Hast Du Dich für Albert verbürgt?

Ja, Onkel! Ich kam, es Dir zu sagen. Wir sind Bettler, die Schwestern und ich! Kein Vorwurf, den Du mir machen könntest, kommt denen gleich, die ich mir selbst gemacht habe.

und Du wußtest, daß der Wahnsinnige an der Börse spielte?

Nein, Onkel, er hat mir und Hedwig nicht die Wahrheit ge sagt. Ich gab ihm auf wiederholtes Drängen die Bürgschaft, er und der Agent Blümeler behaupteten, es sei nur eine Form, gar keine Gefahr dabei. Ich wehrte mich, aber

Dann schickte er mich zu Erich! rief die Gräfin. Ich that's in meiner Angst. Albert sagte, er würde seinen Ab⸗ schied nehmen müssen, wenn Erich nicht hülfe! Und es sei ja nur auf einen Monat, er war so sicher, daß er mit einem Schlage Tausende verdienen würde.

Auch mir stellten sie die Sache als durchaus

Ja, ja und Dir war dasNeinsagen unbequem und Du schriebst Deinen Namen unter das verfluchte Papier. Das ist so die Manier. Immer kavalierement zum Teufel!

Schilt nicht, Grumbach, hilf dem armen Jungen! rief seine Frau in zornigem Schmerz.

Ja, helfen! Da ist was zu helfen! lachte der General bitter. Vor der leichenhaften Blässe seines Lieblings er und seine Frau hatten keine Kinder und die Waisen seiner Schwester schon seit deren frühester Jugend erzogen wurde er doch plötzlich milder. Das junge hübsche Gesicht mit dem männlichen offenen Ausdruck sah heute aus wie die Verzweiflung selbst, die stumme, bittere Verzweiflung.

Das Unglück ist geschehen, Erich, stehe ihm wie ein Mann und laß sehen, was man thun kann! Damit reichte er ihm die Hand,Deine Schwestern sind, so lange ich lebe, natürlich versorgt. Auf diesen milderen Ton schien die blonde junge Dame nur gewartet zu haben. Sie flog zu dem Bruder und umarmte ihn.

Erich, lieber armer Erich, ich bin Dir nicht böse, ich mache Dir keinen Vorwurf! ö

Ich danke Dir, Emmy, mein gutes, liebes Schwesterchen! Er rang sich die Worte förmlich ab. Es war so schrecklich, er, der Abgott der Seinigen, der Liebling, der Angestaunte, mußte sich verzeihen lassen!

Dabei flogen seine Blicke nach der dunkelhaarigen Schönheit, die, ihre Hände fest in einander gekrampft, neben dem Blumentische stand und finster auf ihn sah.

Du bist mir sehr böse, Theo, Alle! sagte er beklommen.

Ja, ich bin Dir böse, ich kann nicht gegen meine Natur! In mir ist nur Groll und Bitterkeit auf Euch Beide auf Dich und Albert! Ich sehe die Welt, wie sie ist und nicht mit Emmy's Phantasie! Jetzt vergiebt sie Dir Alles, hat Thränen der Rührung und große, schöne Worte; wenn aber zum ersten Mal unser Geld ausbleibt und sie sich ein Kleid versagen soll, dann beginnt bei ihr das Lamento und wird nicht aufhören. Ich muß vom Herzen haben, was darauf lastet! Du hast an uns gesündigt, Erich! Wir, Deine Schwestern, hatten ein Recht auf den Theil des elterlichen Ver⸗ mögens, der unsere Zinsen abwarf. Wenn Dir dies Geld in die Hände gelegt wurde, so ist es schlimm genug, daß Familienstatute die Söhne in dieser Weise bevorzugen! Doppelt ist dann aber die Ehrenpflicht und ein Mann soll mit dem Verstande handeln, nicht mit der bequemen Gutmüthigkeit, die kavalierement sich und die Andern in's Elend stürzt.

O, laßt mich ausreden, fuhr sie mit flammenden Augen fort, als der General und ihre Schwestern sie unterbrachen.Wer den Muth hat, mit einem Federzuge Schicksal zu spielen, der muß auch den Muth haben, die Wahrheit zu hören. Nun wohl, Erich! Du hast mir den Becher des Glückes vom Munde gerissen, und zertrümmert liegt er vor mir! Sieh her ich bin Diringer's Braut, und mit meinen Zinsen waren wir im Stande zu heirathen, jetzt ist das vorbei!

(Fortsetzung folgt.)

Du hast auch Recht dazu. Ihr