Das Hexenkind.
Eine Erzählung aus dem Rumänischen Volksleben von Julius Theiß. (Schluß.)
Die ganze Erscheinung des Mädchens, sowie ihr vorheriges Ver⸗ halten am Ufer des Gebirgsbaches war allerdings geeignet, auf die Beobachter eine seltene Wirkung auszuüben.
„
Beim Dirndl.
Der rumänische Führer faßte sich zuerst.
„Herr, es ist ein Hirtenmädchen!“ versuchte er in gebrochenem Deutsch seinem Begleiter zu erklären.
„Nein,“ versetzte jener,„es ist die Gebirgsfee, die uns will— kommen heißt!“
„Mein' Seel', Herr, es giebt keine Gebirgsfeen,“ wandte der Führer ein.
Der Deutsche, denn ein solcher war der Mann mit dem blonden Barte, achtete nicht auf die Entgegnung des Rumänen. Er näherte
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sich dem überraschten Mädchen, das ihn nun lächelnd betrachtete, und
entblößte, von dessen Schönheit überwältigt, unwillkürlich das Haupt. „Wer bist Du, herrliches Geschöpf?“ fragte er die ihn so eigen⸗
thümlich bewegende Erscheinung.
Rachilla schüttelte den Kopf. Sie verstand ihn nicht.
„Der Herr fragt Dich, wer Du bist!“ wandte sich nun der Führer in rumänischer Sprache an das Mädchen.
„Der Frühling!“ gab Rachilla lachend zur Antwort.
Nach einem Gemälde von Hugo Kauffmann.
Der Rumäne blickte verblüfft auf den Deutschen.„Herr, das Mädchen treibt seinen Scherz mit uns! Es nennt sich den Frühling!“
„Frühling?“ wiederholte, von einem plötzlichen Gedanken be⸗ geistert, der Blondbärtige, und seine Augen leuchteten dabei in seltenem Glanze.„Ja, so wahr ich lebe, es ist der Frühling, den ich so lange suchte!“ Und von künstlerischem Eifer beseelt zog er nun hastig sein Skizzenbuch hervor, setzte sich damit auf einen be— moosten Stein und blickte mit ungewöhnlichem Interesse auf Rachilla, die sein Unternehmen völlig unbefangen beobachtete.
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