Ausgabe 
6.2.1887
 
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42 D..

Dummheit! Dummheit! nennen Sie es nur so! Ach, lebens⸗ lang kann ich sie mir nicht vergeben. Wenn ich meiner armen Schwester damit noch genützt hätte, wenn ich ihr noch hätte nützen können! O, es ist zum Rasendwerden!

Ich kann Ihnen jetzt nur Eins dringend empfehlen, Herr Baron: fassen Sie die Geschichte, wie wir vorhin verabredet haben, so ent schlossen und fest an, wie möglich, keine Worte darüber jedes Aufsehen vermieden! Wenn Richers und Co. ihr Geld be kommen, schweigen sie gern! Und dann Urlaub das Weitere findet sich

Ja, ja! Und zunächst zum Onkel Grumbach!

Ein schwerer Gang!

Das weiß Gott!

Und darf ich fragen, warum Ihr Herr Schwager unsichtbar bleibt! Ich meine doch

Manmeint öfter, das hat aber auf meinen Schwager Kyburg keinerlei Einfluß. Der liebe Junge hatte es von jeher in der Gewohnheit, sich für eine Weile zu verziehen, wenn er ein Gewitter heraufbeschworen. Sobald es sich über uns Andere ent laden, war er wieder da und bedauerte uns sehr, daß wir naß geworden, oder wollte sich auch todt lachen, je nach seiner augen blicklichen Stimmung.

Der Justizrath zuckte die Achseln und ging.

Eine ganze Weile starrte der Zurückbleibende in qualvollsten Gedanken ins Leere; dann warf er einen sehnsuchtsvollen Blick auf einen Pistolenkasten, welcher neben ihm auf dem Tische stand.

Ach! da war Rettung aus dieser Noth! Wie magnetisch gezogen blieben seine Augen darauf haften der innere Kampf malte sich in seinen Zügen.

Schon hob er die Hand, da klopfte es, fest, militärisch es war sein Bursche, dessen Schritte auf den Matten des Ganges nicht hörbar gewesen.

Lieutenant von Willwarth prallte zurück wie ein ertappter Ver⸗ brecher. a

Ein erstaunter Blick des Burschen beantwortete diese unwillkürliche Bewegung; der Baron sah es und erregt wie er war, nur bedacht, seinen Schrecken zu maskiren, fuhr er den Mann mit einer an ihm sehr ungewohnten Heftigkeit an:Habe ich Dir nicht gesagt, Du sollst diese Pistolen zum Knauer tragen? Du wirst alle Tage fauler!

Zu Befehl, Herr Lieutenant! noch nie bei seinem lustigen Herrn passirt. gestern in den gefahren sein?

Jetzt will ich mich anziehen, dann gehst Du sofort und bringst die Dinger hin. Sage Knauer, es hätte keine Eile, aber dafür soll er sie gründlich nachsehn, sagte dieser schon ruhiger.

So was war dem Burschen Was mochte denn seit

Eine halbe Stunde später trat der junge Husar aus seinem Hause hoch aufgerichtet, flott, selbstbewußt, vornehm wie ein Prinz.

Das war seine Gewohnheit; er dachte nie im Leben weniger daran, welche Figur er mache, als eben jetzt, und ihm war nie trübseliger zu Muthe als heute.

Der Onkel General wohnte am andern Ende der Stadt, Willwarth schlug sich seitwärts von den belebten Straßen in ein Gewirr kleinerer. Hier brauchte er die Begegnung von Bekannten nicht zu fürchten und zudem hoffte er, im Gehen sich zu sammeln.

Der rasche, sporenklirrende Schritt rief in diesem abgelegenen Quartier zuweilen Neugierige an die blumenbesetzten sauberen Fenster, ein alter Mann stand still und blickte der herrlichen Jugend nach, die so voll frischen, kraftvollen Lebens an ihm vorüber schritt, ein Dienstmädchen mit dem Korb am Arm folgte ihm mit bewundernden Blicken, oder hatte eine angenehme Vision, welche ihm den Schatz Unteroffizier vor die Seele rief.

Dann kam er zu einem sauberen, altmodischen kleinen Platze, um welchen sich eine Reihe hochgiebliger Häuser zog; in der Mitte desselben befand sich ein Brunnen, Alles war reinlich, still und ab geschlossen, eine Welt für sich.

Vor einem dieser Häuser, Willwarth gegenüber, standen einige schwarz gekleidete Männer mit Cylinder-Hüten auf dem Kopfe und schwarzen Handschuhen an.

Die weit geöffnete Hausthür ließ auf der Hausdiele einen schlichten Sarg sichtbar werden, auf dem Lichter brannten und neben

dem der Geistliche eine Rede hielt, welcher einige schwarzgekleidete Frauen zuhörten, während die Männer draußen geblieben waren.

Ein junges Mädchen hatte sich von der andern Seite dem Hause genähert und prallte erschrocken zurück, als es, an den Männern rasch vorüber gleitend, plötzlich dem Sarge gegenüber stand. Es that eine Frage, einer der Männer antwortete und Willwarth sah wie es stutzte, dann lief das junge Mädchen plötzlich zurück, trat in das zweitnächste Haus und kam fast sogleich mit einem sehr hübschen Todtenkranze wieder heraus, als der Husarenoffizier, der bis dahin dies Alles zwar gesehen, aber weiter nicht beachtet hatte, daran vorüberschritt.

Sie stießen beinah zusammen, so eilig war die junge Dame. Ihre Blicke trafen sich. Für die Dauer einer Sekunde sah er in ein ovales, zart gefärbtes Gesichtchen von sympathischem Ausdruck.

Dann war er schon mit einer Entschuldigung ausgewichen und hatte sie vorüber gelassen, ebenso auch die Verkäuferin, welche hinter ihr aus dem Hause trat und ihr folgte. Jetzt war auch ein Leichen. wagen eilig, wie nach einer Verspätung, herangekommen, es gab auf dem Trottoir eine Stockung, denn man trug den schlichten Sarg heraus und auf diesen legte nun das junge Mädchen den Kranz, den einzigen, welcher ihn schmückte.

Ein Gefühl von Neid auf den Todten, der jetzt Ruhe gefunden, überkam den Offizier. f

Unwillkürlich war er stehen geblieben.

Jetzt setzte sich der Leichenwagen in Bewegung, der Pastor und einige Männer folgten.

Die Kranzverkäuferin aber trat zu der jungen Dame. schuldigen Sie, Fräulein das Geld!

Ach ja das Geld! Verzeihen Sie, ich war so erschrocken und so eilig! Und mit den Worten griff sie in die Kleidertasche.

Auf einmal wurde sie blutroth sie suchte hastig in der Tasche, aber offenbar vergeblich.Mein Portemonnaie! Ich, mein Gott, ich habe es nicht! stammelte sie und suchte immer ängstlicher.

Na, da guck mal Einer diese Wohlthätigkeit an! brach die Frau los und sofort kamen ein paar der Leute näher herbei, die neugierig dem Begräbniß zugesehen.

Es ist mir unerklärlich, ich hatte es gewiß, ach, mein Gott! Ich muß es verloren haben.

So? verloren? Na, wer das glaubt!

Baron Willwarth hatte mit Interesse dem Anfang dieses Auf; tritts zugesehen; jetzt stand er so, daß er unbemerkt nicht fort konnte und doch wünschte er, die Verlegenheit des jungen Mädchens durch sein Erscheinen nicht zu erhöhen oder war das nur ein Gedanken. vorwand für sein Bleiben? Der ganze Auftritt spielte sich überdies zu rasch ab, um Zeit zum Nachdenken zu lassen. 5

Die Blumenhändlerin sah ihn inzwischen und in der Meinung, die Beiden gehörten zusammen, wurde sie sofort widerwärtig höflich und sagte zu dem hinter der Käuferin des Kranzes stehenden Offizier entschuldigend und vertraulich:So was kann passiren! Ist ja auch gar nicht schlimm! gar nicht schlimm! Der Herr Lieutenant wird chon

1 Jetzt erst blickte die von den Neugierigen angestarrte junge Dame hinter sich und bemerkte den Offizier.

War ihr Schrecken, ihre Verlegenheit schon groß, so verlor sie bei den Worten der Frau vollständig ihre Ruhe.

Ich bitte Sie, geben Sie mir Jemand mit, dem ich das Geld einhändige; ich wohne Thiergartenstraße No... bat sie erröthend die Frau.

Gestatten Sie mir, mein Fräulein! Ich bitte verfügen Sie

Er reichte dem jungen Mädchen mit respektvollem Gruß sein Portemonnaie.

Es befand sich noch der goldene Inhalt vom letzten Spielabend darin, ihm fiel das ein und damit wieder seine seitdem so schrecklich veränderte Lage.

Ihre Adresse, mein Herr? Mein Vater wird

Sie hatte, während sie dies, sichtlich erleichtert durch seine Dienst⸗ willigkeit, mit einer gewissen, natürlichen Vornehmheit sagte, das Portemonnaie hingenommen, der Frau das Geld gegeben und reichte es ihm jetzt zurück.

Mein Vater wird Ihnen mit großem Dank den Betrag zurück erstatten! Bitte aber an welche Adresse?

Die Unschlüssigkeit, die Erich von Willwarth einen Moment über⸗ kommen, wich vor ihrem Blick.

Er nannte ihr seinen Namen.

Ent⸗

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