Ausgabe 
6.2.1887
 
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zu den

Oberhessischen Unchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden

Nr. 6.

1887.

Erna. Novelle von L. Haidheim.

In einem eleganten Chambre garnie der Potsdamer Straße saßen zwei Herren in erregter Unterhaltung sich gegenüber.

Dem Einen, welcher auf der eingelegten Tischplatte einige Papiere vor sich liegen hatte, die er zuweilen ganz mechanisch glättete, ging die Ruhe verloren über den neuen Beweis unerhörten Leichtsinnes, der sich da wieder einmal vor ihm abspielte, dem Andern kamen in dieser Stunde die Folgen seines Thuns über das Haupt, und sein ganzes Gebahren, so vornehm es selbst in dieser Gemüthserschütterung blieb, gab Zeugniß davon, daß ihm erst nach und nach die Trag weite seines Handelns klar wurde.

Erblassend stützte er die Arme auf die Lehne seines Sessels und blickte verwirrt vor sich hin auf das Muster des Smyrnateppichs.

Ist denn also gar nichts mehr zu thun, Herr Justizrath? fragte er endlich nach einem beklommenen Seufzer und fuhr, auf springend, mit wilder Geberde durch sein militärisch geschnittenes, braunes Haar.

Es war das erste Mal an diesem Morgen, daß ihn die Selbst beherrschung verließ; auch nahm er sich sogleich wieder zusammen.

Das hängt von den Beschlüssen Ihrer Familie ab, Herr Baron.

Der junge Mann stöhnte.

Und sehen Sie nirgend einen Weg, die Gläubiger meines Schwagers mit dem zu befriedigen, was ich habe? Doch verzeihen Sie die Thorheit in meiner Frage! Ich bin wie von Sinnen, ganz unfähig, logisch zu denken. Dies Alles kommt so furchtbar schwer, so unerwartet!

Er sah wohl darnach aus, wie er seinen Zustand schilderte: Die breite, kraftvolle Gestalt in sich zusammengesunken, das jugend frische Antlitz entstellt durch Aufregung, Schlaflosigkeit, sorgenvolle

Gedanken. Hat Ihr Herr Schwager Verwandte, die etwa für ihn zahlen würden, was Ihnen mangelt?

Nun, sie sind wohlhabend; aber wer hat heutzutage etwas übrig? Ohnehin hat man verschiedentlich seine Schulden bezahlt von dieser Seite ist nichts zu hoffen.

Dann, fürchte ich, werden Sie, Herr Baron, die Folgen Ihrer Bürgschaft auf sich nehmen müssen, erwiderte der Justizrath Muthner.

Großer Gott! Und meine armen Schwestern? Erich von Willwarth sank auf seinen Sessel zurück, bedeckte das Gesicht mit den Händen und rang mit aller Kraft nach Fassung. Ein Beben ging durch die schlanke Gestalt.

Ich sinne nach, Herr von Willwarth, ob Ihnen nicht auf irgend eine Weise Hilfe werden könnte. Wie steht's mit Ihrem Vetter? 15

Dem Troysberger? Kein Gedanke! Wir stehen nicht gut mit einander.

Er ist sehr reich, Hagestolz, ohne Familie.

Bitte nein! Denken Sie nicht an ihn, wies der Offizier den Vorschlag beinahe schroff zurück.

Und Fräulein von Starrein?

Die Erbtante! Die giebt nie, sondern nimmt nur immer. Die ganze Familie legt seit Jahren vor dem Götzen, den Tante Adelheid in ihrem Kasten streng verwahrt hält, die Erstlinge des Feldes und der Heerden nieder, dazu spenden die jungen Damen ganze Berge von Tisch- und Korbdecken, Rückenkissen und Schlummer⸗ rollen, die Kinder Neujahrswünsche und Geburtstagsgratulationen in kalligraphischer Ausführung, aber noch niemals hörte ich, daß die Tante sich anders revanchirt, anderes gegeben hätte, als Erbschafts-Ver⸗ sprechungen, diese allerdings theilt sie freigebig nach allen Seiten aus.

Wie ein flüchtiger Sonnenstrahl flog durch die düsteren Augen des jungen Offiziers bei diesen Worten ein schelmisches Lächeln und nahm denselben jede Herbheit. Gleich darauf aber trat der ganze Ernst seiner Lage wieder vor ihn hin, so drohend, daß er blaß wurde, sehr blaß.

Wiederum sprang er auf und begann im Zimmer auf- und ab⸗ zugehen.

Auf Tischen, Etageren und Wandbörten lagen und standen Luxus⸗ sachen, Bücher, Photographieen, Rauchutensilien, ein paar Renn⸗ gewinne und was sonst der Liebhaberei eines wohlhabenden Kavallerie⸗ offiziers entspricht, in bunter Menge umher, die Wände waren mit den Bildern von Pferden und Tänzerinnen geschmückt, über dem Schreibtisch hing das lebensgroße Porträt einer reizenden Frau, seiner Mutter, in kostbarem Barokrahmen, zu beiden Seiten Waffentrophäen, geschmackvoll geordnet. Man sah, der Bewohner dieses Raumes hatte Freude an einem traulichen Heim und das Talent, sich ein solches zu schaffen.

Der junge Mann blieb vor dem älteren stehen.Herr Justiz rath, so zeigen Sie mir einen Weg, auf dem ich weiter gehen kann. Ich selbst sehe nur den Abgrund vor mir, hinein kann ich nicht, wegen der Schwestern, aber wie weiter? Wie weiter? Ich begreife nicht, daß mein gesunder Verstand diese letzte Nacht überdauert hat!

Seien Sie versichert, Herr Baron, daß Ihr Fall nur einer von vielen in meiner Praxis mir eine ganz ungewöhnliche Theil nahme einflößt, und daß diese lediglich Ihren persönlichen Eigen⸗ schaften gilt, sagte Muthner, seine Papiere zusammenfassend und zum Abschiede dem Offizier die Hand bietend.

Sein Ton drückte mehr noch als die Worte eine große, achtungs⸗ volle Wärme aus.

Sie waren gestern sehr herb gegen mich, alter Freund!

Das mag sein! Verzeihen Sie es meiner Theilnahme. Ich hatte den Knaben, dem ich als Primaner Arbeitsstunden gab, völlig aus den Augen verloren und finde ihn wieder in einer Lage, welche nur durch ganz unverzeihliche!