Ausgabe 
5.6.1887
 
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Und Gebhard, wisperte Henny erschrocken.Adieu, adieu, Herr Brinkmann. Wir kommen wieder. Leben Sie wohl!

Wir haben es sehr eilig, erläuterte Ilda den regellosen Rück⸗ zug,unsere Verwandten erwarten uns mit dem Wagen auf der Chaussee.

Damit stürmten sie davon, die Treppenstufen mehr hinab springend als gehend, drückten die Bündel fest an sich und eilten wie auf Windesflügeln aus dem Hause und über den Marktplatz, ohne zu bemerken, daß derselbe Fußgänger, welcher Ilda vorhin geprüft hatte, noch auf der nämlichen Seite der Straße hin und her schritt.

Der alte Brinkmann war den jungen Mädchen langsam bis an die Hausthür gefolgt und blickte ihnen neugierig nach, bis sie um die nächste Ecke verschwunden waren. Eben wollte er sich zurück ziehen, als der Fremde hastig auf ihn zuschritt und mit etwas hoch fahrender Herablassung fragte:Können Sie mir sagen, wer das junge braunhaarige Mädchen mit dem blau und weiß gestreiften Kleide war?

Ja wohl; das war ein Kammermädchen, dem ich eine Stellung in einem feinen Hause verschaffen soll, erwiderte der Alte, sein Käppchen ziehend.

Sichtlich sehr enttäuscht, gewissermaßen verdrießlich, wandte sich der Fremde ab.Ein Kammermädchen? murmelte er vor sich hin, den feinen Schnurrbart drehend.Ein Kammermädchen? So, so, ich danke Ihnen! sagte er dann kurz, drehte sich um und entfernte

Das Glück war den beiden Lindenblüthen hold. Sie erreichten Germenau bei guter Zeit, hatten sogar noch Muße genug, ihre Maskerade abzulegen und in die gewohnte Tageskleidung hinein⸗ zuschlüpfen, bevor die Gesellschaft von ihrem Nachmittagsausflug heimkehrte.

Henny schwelgte in Wonne, denn Gebhard von Valingen, als er sie neben Ilda ehrbar unter der Linde sitzen und mit einer Stickerei beschäftigt fand, hatte sie sein liebes verständiges Mädchen genannt und dabei auf die krausen blonden Löckchen geküßt. Ob sie dies Lob verdiente oder nicht, darum kümmerte sich Henny nicht im Geringsten, er hatte sie so genannt, das war die Hauptsache.

Waren Ilda und Henny schon vorher eng befreundet gewesen, jetzt wurden sie geradezu unzertrennlich. Das reizvolle Geheimniß bot ja einen unerschöpflichen Stoff zur Unterhaltung und wob neben⸗ bei ein unzerreißbares Band um die ihrer Missethat sich sehr wohl bewußten Sünderinnen.

III.

An einem sonnigen Morgen erhob sich Erna Steinbach gleich nach dem Frühstück von ihrem Stammplatz am Kaffeetisch und schlug, ohne Jemand zu ihrer Begleitung aufzufordern, den Weg zur Promenade ein. Sie hätte auch einen anderen, stilleren Pfad nach dem Walde wählen können, aber das Drängen und Hoffen ihres Herzens, den geliebten, jetzt so ganz entfremdeten Mann, wenn auch nur flüchtig im Vorübergehen, zu begrüßen, ließ sich nicht länger ersticken. Und wie sie ihn dann erblickte, einsam unter den schattigen Bäumen daherwandelnd, freudlos wie sie, da zuckte ein heißes schmerzliches Verlangen so mächtig durch Erna's Seele, daß ihre Wangen wie in Scharlach getaucht waren.

Hatte Reinhard Berger sie wirklich nicht gesehen? Oder wollte er sie absichtlich übersehen? Er wandte nicht das Haupt zur Seite, als sie rasch an ihm vorbeischritt in das dichte Gebüsch hinein, welches ihre Verwirrung fremden Blicken entzog.

Nun war der Waldessaum erreicht. Roh eingehauene Stufen führten in sein grünes Reich hinauf. Schon von Weitem athmete man Wellen frischen, kühlen Harzgeruches ein, welche den dunkel aufstrebenden Tannen und Fichten entströmten. Fort und fort glitten von den Zweigen der Bäume gelbe Nadeln nieder auf die schmalen verschlungenen Pfade und überzogen sie wie mit einem glatten weichen Firniß. Die Sonne stand schon hoch am wolken⸗ losen Himmel; schräg fielen ihre glitzernden Strahlen gegen die borkigen Stämme und küßten das sammetgrüne Moos, welches sich weit über den Waldboden hinzog. Vogelgezwitscher erfüllte die

Luft und das Summen und Burren vorüberschwirrender Insekten,

sonst regte sich nichts hier lag die Welt wie ausgestorben. Erna Steinbach fühlte sich bald vom Steigen ermüdet. Sie

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setzte sich auf eine primitiv zusammengefügte Bank längs des Weges und lehnte das Haupt gegen eine Tanne.

Wie lange war es denn her, da war sie denselben Weg gegangen in der sinkenden Sonne und Reinhard Berger neben ihr. Damals hatte er ihr zum ersten Mal bittend in's Auge geschaut, als er das Sträußchen reifer Walderdbeeren, welche er auf der Halde droben gepflückt, in ihre Hand gelegt, und damals hatte sie diese Hand auf ihr Herz drücken müssen, um sein überlautes beängstigendes Pochen zu ersticken. Damals hatte es vor Glück so hoch geschlagen wie heute in bitteren Schmerzen.

Es ist klar, ich habe mich in dem Fremden geirrt, flüsterte sie, das edle, bleiche Antlitz dankbar gen Himmel richtend.Diese Demüthigung wenigstens sollte mir erspart bleiben. O, könnte ich meinen tiefverletzten Stolz, den unheilbaren Flecken an meiner Frauenwürde vergessen, könnte leicht und sorglos denken wie Andere, Glücklichere meines Geschlechts! Armer Reinhard, er wollte mich heilen und stieß mir ein Messer in's Herz! Und ich sollte vor ihm erröthen? Vor ihm, der sich seiner makellosen Familie froh und stolz gerühmt? Und wenn ich es über mich vermöchte Sie hielt wie über sich selbst erschrocken inne und schaute umher, ob auch nicht ein Horcher diesen gepreßten Gefühlsausbruch vernommen. Nein, der Wald lag still wie zuvor, nur auf der Tannenspitze dicht über Erna's Haupt saß jetzt ein Buchfink und schmetterte lustig seine Weise durch das grüne Reich.

Und doch hatte sich ihr Ohr nicht getäuscht. Vom Berg herab naheten Schritte, und eine tiefe Männerstimme begann ein lustiges Wanderlied zu singen. Die junge Frau, von ihren Empfindungen durchaus hingenommen, schenkte dem Kommenden keine Aufmerksam⸗ keit. Erst als er an ihrer Bank vorüberging, blickte sie instinktiv flüchtig empor. Da war's, als ob ein elektrischer Schlag durch Erna's Glieder zuckte, so daß sie unwillkürlich die Lippen zu einem matten Hülferuf öffnen mußte.

Er blieb stehen und betrachtete sie gleichgültig. Plötzlich, als ginge ihm eine Offenbarung auf, glitt es unheimlich wechselvoll wie Wetterleuchten und Sonnenschein über sein volles geröthetes Antlitz, er stürzte vorwärts und würde sich neben Erna auf die Bank niedergeworfen haben, wenn sie nicht mit allen Zeichen der Verachtung und des Abscheues ihn von sich abgewehrt hätte.

Wir kennen uns nicht! sagte sie und ihre sonst so weiche Stimme klang hart und mitleidslos.Haben uns nie gekannt!

Er wollte rauh auflachen, aber der Ton erstickte ihm in der Kehle. Eine fremde Macht ließ ihn die Augen vor Erna's reinen Blicken niederschlagen.So, so! murmelte er endlich, seinen Stock tief in das Erdreich bohrend, wie um eine peinliche Verlegenheit zu bekämpfen.Hätte es eigentlich wissen können hattest es damals sehr eilig, von mir loszukommen!

Schweig', rief sie, sich energisch aufrichtend.Diese Geschichten sind für mich todt und Du mit ihnen. Geh'!

So geschwind nun doch nicht, sagte er mit verbissenem Groll. Das Gericht freilich hat Dir den Gefallen gethan, ich aber hätte vielleicht doch noch ein Wort mit Dir zu sprechen.

Sie war blaß wie der Tod geworden.Mit einem Manne, der zwei Jahre

Er riß ihre Hand wild an sich. Dich, Närrin, fuhr er dann gelassener fort,Du bist heute noch die Träumerin wie damals. Derlei Dinge passiren täglich, stündlich, und wer verständig ist, schlägt keinen unnützen Lärm davon.

Und wenn ich, sagte Erna, trotz allen Gegenstrebens unfähig, den jahrelangen Schmerz zu bezwingen,vergeben könnte, was Du Dir selbst mehr als mir zugefügt hast, wenn ich die öffentliche Schmach, welche Du über mein Haupt gebracht hast, Dir verzeihen könnte, das, was Du an meiner nichtsahnenden Jugend verbrochen hast an rohem Spott, an rücksichtsloser Selbstsucht, an herzloser Enttäuschung, an Untreue sie schwieg, ihr Athem stockte vor Bewegungdas vergebe ich Dir nie. Du hast meinen guten Glauben hintergangen, vergiftet, als Du die thörichte, sinnlose Kinder⸗ zuneigung in Haß verwandeltest. Als Deine Lockungen schwiegen, als ich am Ziel meiner thörichten Wünsche angelangt zu sein wähnte, als ich, mit den Meinen zerfallen, Dir ganz allein Schutz und Schirm verdanken wollte, da zeigtest Du mir die ganze Tiefe Deines niedrigen Spekulationsgelüstes.

Es ist nicht wahr, ich habe Dich geliebt! rief er hastig da⸗ zwischen.Und wärest Du nicht immer eine eigensinnige Schwärmerin

Sei still davon, ich warne