Ausgabe 
5.6.1887
 
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und eilten mehr hüpfend als gehend, lachend, die Melodie des Mädchenmarktes zu Richmond trällernd, dem Städtchen zu.

Die Sonne brannte warm genug, aber das kümmerte sie nicht, strich doch ab und zu ein leiser erquickender Windhauch über die reifenden wogenden Kornfelder daher. Tausendfältig schimmerten zwischen ihren gelben Aehren blaue und rothe Blumen hervor, so lockend und lieblich, daß die glückseligen Wanderinnen der Ver⸗ suchung nicht widerstehen konnten, ein zierliches Sträußchen an ihre frohe Brust und ein zweites auf den bebänderten Strohhut zu stecken.

Dann ging's weiter. Von Ermüdung spürten sie nichts. Sehr überrascht sahen sie plötzlich den erst so fernen Kirchthurm jetzt ganz nahe vor ihren Augen liegen, und da war auch schon die holperige Vorstraße erreicht. Jetzt noch wenige Schritte, und der viereckige, durch das Rathhaus ziemlich verbaute Marktplatz zeigte sich ihren entzückten Blicken. Die alterthümliche Bauart der ihn umgebenden Gebäude erhöhte nur den romantischen Eindruck und erinnerte die jungen Mädchen lebhaft an die gestern gesehene Scenerie.

Zu jeder anderen Stunde würde das Erscheinen zweier so reizender, wundersam gekleideter Damen großes Aufsehen erregt haben, aber auch so blieb jeder vereinzelt Daherkommende neugierig stehen und sah dem fröhlichen Paar nach.

Jetzt erfragen wir das Vermiethungs⸗Büreau, flüsterte Henny, energisch auf einen alten Mann zuschreitend und die be⸗ treffende Frage an ihn richtend.

Er sah sie groß und starr an. Endlich brachte er zaudernd hervor:Büreau? Kenne ich nicht! Der alte Brinkmann vermiethet hier die Mädchen und Knechte. Da können Sie kriegen, so viel Lust haben!

Wie schade! sagte Ilda.

Durchaus nicht! Mit dem alten Miethsmann wird die Sache noch spaßhafter, lachte Henny, sich ausgelassen auf dem Absatz drehend.Nur schnell, damit wir keine Zeit verlieren! Er soll uns schon ausfragen. Ich kann sticken, ich kann stricken, trällerte sie und Ilda stimmte nur zu gern in diese lockende Melodie ein.

Nach kurzem Suchen war das bezeichnete Haus erreicht. Da entdeckte Henny's scharfes Auge plötzlich an der Ecke des Markt⸗ platzes das Obstlager einer Hökerin, welche uuter ihrem auf⸗ gespannten Regenschirm sanft entschlummert schien. Welche Massen verführerisch schwarzer und gelber Kirschen lagen dort aufgehaͤuft und dazwischen die schönsten rothbäckigen Sommeräpfel! Es war eine Lust, das anzusehen, und die beiden vom Laufen und von der Hitze durstig gewordenen Mädchen konnten unmöglich dem Ver⸗ langen widerstehen, sich an diesem Labsal zu erquicken.

Weißt Du was? rief die allezeit entschlossene Henny, ihr Bündel auf die Steinstufen werfend.Ich laufe schnell hinüber und kaufe uns eine Düte Kirschen, während Du hier auf mich wartest.

Gesagt, gethan. Die Kleine schoß wie ein Pfeil davon, und Ilda blieb allein. Sie stand mit dem Rücken gegen die plumpe Haus⸗ thür gelehnt und schaute mit glänzenden braunen Augen neugierig auf die in der Mittagssonne wie träumend daliegenden Häuser⸗ reihen. Es war Alles so still um sie her, so traumhaft fremd, daß sie sich wie in ein Märchen versetzt vorkam und mit wonnigem Behagen diesen Eindruck in sich festzuhalten suchte.

Ueber das holperige Pflaster kamen Schritte daher, leichte, sichere, eilfertige Schritte.

Das junge Mädchen schaute auf. Ein hochgewachsener Mann in eleganter Sommerkleidung, eine Kornblume im Knopfloch, kam die rechte Marktseite herauf. Jetzt mußte er an Ilda vorüber. Aber so geschwind, wie sie glaubte, geschah dies nicht.

Denn kaum hatte der Fremde die reizende Erscheinung der Harrenden wahrgenommen, als er sein Marschtempo bedeutend ver⸗ langsamte und dann plötzlich wie geblendet oder überrascht eine Sekunde vor der heiß erröthenden Ilda stehen blieb. Alsdann sich besinnend und einem jähen Jwpulse folgend, vielleicht auch gleich- sam als Entschuldigung einer allzu deutlich zur Schau getragenen Bewunderung, lüftete der Fremde höflich seinen Hut und ent fernte sich.

In diesem Moment hüpfte Henny mit ihren erstandenen Herr⸗ lichkeiten glückselig herbei und wollte sich über dieses erste erlebte Abenteuer vor Lachen ausschütten.Das ist unser Märchenprinz gewesen! Aber nun schnell,, und dann hinein zu dem alten Brinkmann!

Wenige Kirschen genügten, den Durst zu stillen, die Reste schleuderte Henny ohne Weiteres über die Straße; sodann schritten sie Arm in Arm über eine knarrende Stiege hinauf zur Wohnung des Vermiethers und läuteten Sturm.

Der Hausherr, erschreckt von dem heftigen Schall, öffnete selbst die Thür, blieb aber vor Staunen sprachlos stehen, als er sich statt des erwarteten Landstreichers oder Lehrjungen diesem reizenden Mädchenpaar gegenüber sah, dessen rosige Gesichter voll neckischer Heiterkeit ihm entgegen strahlten.

Was was wünschen Sie? fragte er endlich unschlüssig.

Wir wollen uns vermiethen, sagte Henny schnell, ihrer Freundin ermuthigend die Hand drückend.

Gewiß, das wollen wir! bekräftigte die zaghaftere Ilda lächelnd.

Sie? Der Alte starrte die Sprecherinnen ungläubig an. Trotz der einfachen Kleidung repräsentirten sie die erhaltene Er⸗ ziehung so sehr, daß der einfache Mann ganz verwirrt wurde. Bitte, treten Sie ein! sagte er endlich zögernd.

Das war nun erst ein Hauptspaß, sich in dem engen niedrigen Gemach nach Herzenslust umsehen zu dürfen. Da lagen ein paar zerrissene Stiefeln in der Ecke, deren Sohlen jammervoll aus⸗ einanderklafften, und auf dem Tische prangte eine mächtige vor⸗ sündfluthliche Haube, mit grellrothen Schleifen überladen, denn Frau Brinkmann wollte diesen Nachmittag eine Gevatterin besuchen. Ach, was hätte Henny darum gegeben, das Ungeheuer vor dem zersprungenen Spiegel aufprobiren zu können!

In diese erheiternde Vorstellung hinein tönte plötzlich die un⸗ vermuthete und seltsamer Weise nicht vorherbedachte Frage des Ver⸗ miethers:Wie heißen Sie?

Beide Lindenblüthen sahen sich fragend an. Genau wie in der Oper. Die Situation wurde immer reizender. Wie hieß doch der Text zu dieser besonders lustigen Scene?Sprich, wie heißt Du? fragt Lionel, und die Lady, sehr erschreckt, sagt leise:Martha, heiß ich!Na, und Du? fährt Plunkett Nancy an, und sie stottert:Was ich nur sage?Weißt's wohl selbst nicht? Da ruft sie heroisch:Julia!

Henny und Ilda hatten genau dasselbe gedacht und brachen jetzt, statt zu antworten, in ein silberhelles Lachen aus.Ich heiße Martha! rief Henny, und Ilda rief:Ich Julia!

Martha was? fragte der alte Brinkmann ärgerlich, da er seine Person verhöhnt glaubte. 5

Martha Flotow! Julia Flotow! riefen Beide wie aus einem Munde.

Na also! Sie sehen mir aber gar nicht so aus, als ob Sie mit diesen Händen bei der Arbeit zugreifen könnten, sagte er mißtrauisch.

Oh, wir sind auch nur Kammermädchen! fiel Henny mit drolligem Nachdruck ein.Feine Kammerjungfern, ganz feine!

Was leisten Sie also? forschte der Vermiether weiter, dem das einzuleuchten schien.Ihresgleichen spielen freilich immer so eine Art Gnädige mit. Na, nur heraus damit, es sind zwei Stellen hier in der Umgegend vakant. Was haben Sie also gelernt?

Ich kann sticken, ich kann stricken, erwiderte Henny ohne Besinnen.

Frisiren? Plätten? fiel er ein.

Auch und flicken dazu.

Und Sie, mein Fräulein?

Alles das kann ich auch leisten!

Haben Sie schon gedient?

Nein, rief Henny schnell.Wir sehen auch mehr auf gute Behandlung als auf hohes Gehalt. Hier ist ein Thaler für Ihre Bemühungen. Wenn Sie uns gute Stellen verschaffen, erhalten Sie noch mehr.

Sollen Sie haben, sollen Sie bald haben, lächelte der Alte, durch das Geldstück völlig zu Gunsten seiner reizenden Klientinnen eingenommen.Kommen Sie in fünf oder acht Tagen wieder und holen Sie sich Bescheid.

In diesem Augenblick vierte Nachmittagsstunde an.

um Gotteswillen, flüsterte Ilda ihrer triumphirenden Freundin zu,wir müssen fort. Papa kommt sonst früher nach Hause als wir, ach, und erst Deine Mama!

schlug die Thurmuhr eindringlich die

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