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zu den
Ourrhessischen Muchrichten.
Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 5. Juni.
Berger empfand zuerst das unabweisbare Gefühl, ihr nach— zueilen, um sie auch gegen ihren Willen ungefährdet nach Hause zu geleiten, aber der Moment, wo sie mit verächtlicher Abweisung seiner Werbung entflohn, trat ihm ins Gedächtniß und hemmte das Verlangen ebenso schnell, als es entstanden.
Endlich fiel der Vorhang zum letzten Mal. Alle standen mit einer gewissen Befriedigung von den harten Stühlen auf, nur das schöne Lindenblüthenpaar saß noch schwesterlich aneinander gelehnt und machte keinerlei Anstalten sich zu erheben.
Der Baron tippte Henny lachend auf die Schulter. wartest Du noch? Es ist ja Alles zu Ende!“
Ilda erröthete und eilte an die Seite des Geheimrathes, welcher sich mit seiner hageren Rechten fortwährend den Schweiß vom Antlitz wischte.„Unsere bleiche junge Wittwe war am Ende doch die Gescheidteste von Allen!“ seufzte er und ging mit dem Assessor dem Zuge voraus, in welchem sich Bekannte und Unbekannte in dichtem Schwarm durcheinander drängten.
Henny hatte ihre Freundin so lange am Kleide festgehalten und dabei so geschickt manöverirt, daß sie unbelauscht und ungesehen den langen Zug beschlossen. Plötzlich fiel Henny Ilda um den Hals.„Einzige, Geliebte, ich habe eine himmlische Idee! Ach, daß wir nicht zusammen schlafen, ich würde die ganze Nacht davon plaudern! Giebt es wohl etwas Entzückenderes, als die vornehme Lady und die schöne Nancy in dieser Verkleidung zu sehen? So romantisch! So märchenhaft!“
Ilda küßte erregt die glühende Wange der Sprecherin. sind diese Zeiten entschwunden. mehr in ein Dienstmädchen.“
„Warum nicht?“ flüsterte die blonde Kleine mit überzeugendem Enthusiasmus.„Es ist ja auch nur ein Spaß für wenige Stunden gewesen. Das wäre doch keine Hexerei!“
„Du wolltest—2“
„Natürlich, Herzensilda, Engelsilda!“ jubelte Henny.„Wir Beide kleiden uns entsprechend an und gehen in das nahe Städtchen, ein Bündel in der Hand und melden uns—“ a
„Als Bonnen!“ warf Ilda rasch ein, von diesem Vorschla hingerissen.
„Nein, als Kammerkätzchen, Du Einzige!“ rief Henny förmlich jubelnd.„Als Kammerkätzchen gehen wir ins Vermiethungsbureau und— ach, das wird ein Hauptspaß werden!“
„In rothen Röcken? Wir haben keine!“
„Ach was, Kattunkleider thun es auch! Unsere hübschen gestreiften Morgenröcke, weiße Schürzen, ausgeschnittene Schuhe und runder Strohhut— himmlich!“
„Auf was
„Leider Heute verwandelt sich keine Dame
Die Lindenblüthen. Erzählung von Georg Hartwig. (Fortsetzung.)
„Jede nimmt ein buntes Tuch und bindet sich Sachen hinein! Aber wann?“
„Morgen nach Tisch! Die Andern wollen ins Waldhäuschen gehen, wir bitten, zurückbleiben zu dürfen, und sobald die Gesell— schaft fort ist, husch, gehen wir davon!“
„Davon als Kammermädchen. Das Städtchen ist kaum eine Stunde entfernt— es kann Niemand erfahren.“
„Die Andern mögen es nachher wissen,“ flüsterte Henny, heftig ihr lockiges Köpfchen an die Wange der Freundin drückend,„nur Gebhard nicht. Oh, er würde—“
In diesem Augenblick näherte sich der Baron den beiden Nach— züglerinnen und fragte mit unverkennbarem Vorwurf:„Aber, meine Damen, so weit und ganz allein zurückzubleiben!“
„Um Gotteswillen, Ilda,“ zischelte Henny beschwörend,„ver— rathe uns nicht! Ich muß sonst ohne Erbarmen in die Pension gehen!“
„Sei ganz ruhig— Niemand erfährt etwas!“
Gebhard von Valingen reichte nun beiden jungen Mädchen den Arm und führte sie in schnellem Tempo den Harrenden wieder zu.
Am andern Morgen sah man von den jungen Damen wenig. Sie saßen in Ildas lauschigem Gartenzimmer und brachten ihre Garderobe zu der Maskerade in Ordnung. Die Erlaubniß, daheim bleiben zu dürfen, ward ihnen zuletzt, wenn auch ungern, ertheilt, und seelenfroh verabschiedeten sie sich von ihren Angehörigen. Die Heimlichkeit der Sache zu erhöhen, hatten sie beschlossen, über ihre Anzüge den verhüllenden Staubmantel zu werfen, diesen aber außer⸗ halb des Badeortes auf der Landstraße abzulegen und mit ihm das unumgänzlich nothwendige Reisebündel herzustellen.
Zitternd vor Erregung und glückseliger Erwartung setzten Beide endlich vor dem Spiegel den breitrandigen Strohhut auf, und niemals strahlte ein Glas zwei reizendere Gesichter zurück, als die der kühnen kleinen Abenteurerinnen. Ilda freilich konnte hier und da ein leichtes„Wenn“ und„Aber“ nicht unterdrücken, wurde aber jedes Mal durch eine stürmische Umarmung und glühende Gegen— versicherung übertönt und endlich ganz zum Schweigen gebracht.
Seelenvergnügt, ohne im Geringsten an etwaige Folgen dieses eigenthümlichen Vorhabens zu denken, ganz der Lust und unbe— kümmerten Erwartung holder Jugendthorheit hingegeben, überschritten Beide die Schwelle des Lindenhauses und huschten leichtfüßig aus dem Garten auf den Weg hinaus. Zu dieser Stunde, wo Alles ruhte oder ausgeflogen war, gelangten sie unbemerkt auf die Land— straße, und kaum lag der Badeort und mit ihm der letzte Zwang hinter ihnen, so schnürten beide Marthen laut jubelnd ihr Bündel zusammen, hingen es über den Arm, faßten sich bei den Händen


