Ausgabe 
4.12.1887
 
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387.

Werden Sie mir je vergeben können? fragte sie zaghaft. Ich weiß es nicht, Maria! Mir ist, als ob ich! Ich wollte, ich wäre todt! stieß er rauh und in leidenschaftlicher Klage heraus. Sie wollte weinend seine Hand ergreifen, aber er entzog sie ihr. Genug! Leben Sie wohl, Maria! Möge Sie Ihr Herz richtig leiten. O, Gott! Was soll ich thun? rief sie ganz außer sich. Er verneigte sich stumm und ging, ohne ihren Ruf hören zu wollen. Nie hatte sie ihn so hochgehalten, wie in dieser Minute. Als sie müde und wider ihren Willen mehr als je unzufrieden mit sich, halb schon bereuend, nach ihrem eigenen Zimmer schlich, blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen, ihr Herz hörte auf zu sschlagen und es war ihr, als krampfe es sich unter einer Eisenfaust ziusammen. Aus dem Salon klang fröhliches, helles Lachen von zwei jungen Stimmen zu ihr.

Lornow und Elma! Er konnte so leichten Herzens lachen? 0 Und nun er unterbrach sich und sang in Tone:Sei die Meine, holdes Mädchen! Maria kannte das kleine Lied; sie hatte es öfter von ihm gehört und ihr hatte dann, wie seine Augen ihr sagten, dieser Refrain gegolten. Heute war er an ihre Cousine gerichtet. war heute sein Ton. Sie schauerte zusammen, es wurde ihr eiskalt um's Herz. Konnte Lornow so lachen und Uebermuth treiben, wenn er sie wahrhaft liebte, um sie litt? Mit einem Schlage erkannte sie plötzlich sein Wesen, es fiel ihr wie eine Binde von den Augen.

übermüthigem

Und wie so anders

Am nächsten Tage schon wurden in dem Hause des Grafen die Koffer Helo's und Maria's gepackt.

Graf Bolko weigerte sich, sein Lieblingskind zu sehen, ein Zeichen seines höchsten Zornes, und Helo mußte gegen Mittag unter dem Schutze ihrer einstigen Gouvernante abreisen, ohne die Vergebung ihrer Eltern erlangt zu haben und ohne Abschied von Onno zu nehmen.

Die alte Lautenberg war wie immer am Platze, wenn es bei den Isenreut's zuhelfen gab, d. h. wenn dort etwas vorging, was ihre Neugierde reizte. Lätitia Onno Helo Maria, alle diese Kapitel hatte sie mit Gräfin Paula gestern Abend bis zwölf Uhr in jeder erdenklichen Variante durchgesprochen schließ⸗ lich waren beide Damen zu dem Resultat gekommen, daß Helo unter keinen Umständen verlobt werden konnte, ehe Elma ver⸗ heirathet war, wozu sich gerade jetzt so günstige Chancen boten.

Arco hatte an Graf Bolko geschrieben, er hoffe auf ein baldiges, hocherfreuliches Wiedersehen mit ihm und seiner Familie; das war deutlich genug, und Lornow schien plötzlich so sehr beeifert um Elma! War er doch gestern, als Alle wegen Lätitia's sich auf⸗ regten, mit ihr eine volle Stunde im Park spazieren gegangen!

Die Strenge der Eltern gegen Onno erbitterte die sanfte Helo, und weit entfernt, sich lenksam und nachgiebig wie sonst allezeit zu zeigen, weckte sie ihren Trotz und das Gefühl, daß sie um so

fester und treuer zu dem gekränkten Onno halten müsse. f Sie und Maria hatten unter vielen Thränen Abschied von ein. ander genommen und zwei Stunden später fuhr diese, statt wie Helo nach dem Süden, mit dem Courierzuge der Ostgrenze des Landes zu.

4 Die alte Lautenberg fühlte gegen Maria den gerechten Zorn

einer welterfahrenen, herzenskalten Fran. i ö Ich fürchte, liebe Maria, sagte sie zum Abschiede,Sie haben eine unverzeihliche Narrheit begangen. Jedenfalls hoffe ich, Sie zu

Elma's Hochzeit mit Lornow wiederzusehen. Ei, Sie stutzen? Wußten Sie denn das nicht? Arco hat sozusagen schon um Elma flüͤr seinen Adoptivsohn angehalten und Lornow ist ein liebens⸗

würdiger, aber noch mehr ein kluger Mann! Er wird Karriere machen und Elma neben ihm demnächst als Frau Gesandtin sicher

am Platze sein.

8 Maria war, als tanzten Häuser und Bäume und Alles um ie.

Als sie später allein im Koupe saß, hatte sie volle Zeit, darüber nachzudenken, was ihre Mutter zu den Neuigkeiten sagen würde, welche sie ihr brachte.

Arme Mutter! Arme Mutter!

Wochen waren vergangen.

Baronesse Valerie lag seit Maria's Rückkehr apathisch im Bett. Sie klagte nie, denn wie hätte sie ihre abgöttisch geliebte Maria noch mit einem Vorwurf belasten sollen, die sich ohnehin völlig gedrückt fühlte!

Der Arzt machte seine täglichen Besuche und wiederholte immer von Neuem:Wenn die gnädige Frau nur einmal ihre Energie zusammenraffen möchte zu einem Wollen! Wenn doch nur ein äußerer Anstoß käme!

Aber ach, nun sie von den neuen Schicksalsschlägen ganz dar⸗ nieder lag, nun kam kein Anstoß befreiender, ermunternder Art!

Das Unglück hängt über uns, wir sollen kein Glück haben! das war ihr Gedanke und wie ein von den Stürmen zerschlagenes Wrack ließ sie sich treiben, den Tod nicht wünschend, nicht fürchtend, in dumpfer Lethargie stumm und stumpf daliegend.

Maria war in Verzweiflung, aber auch sie ging stumm durch das Schloß, saß meist an der Mutter Bette und zwang sich nur zu einer momentanen, erlogenen Heiterkeit in des Vaters Gegen wart, denn er mochte keine verstimmte Gesichter und larmoyante Mienen sehen.

Ich habe Dir keinen Vorworf gemacht, liebes Kind, Du hast ganz nach eigenem Ermessen gehandelt, nun sei aber auch mit Dir zufrieden! hatte er gleich im Anfang einmal zu Maria gesagt und er forderte ja auch von ihr nur, was er selbst leistete; sie durfte sich nicht beklagen.

Im Uebrigen ging das Leben ganz so fort, wie es vor Maria's Rückkehr gewesen; die Herren tranken viel und amüsirten sich so gut sie konnten; der Baron fand immer neue Hülfsmittel sich zu zerstreuen und Below schmachtete jetzt Maria an, nachdem die Baronin den Blicken ihrer Hausgenossen unsichtbar geworden.

Maria wagte nicht, sich Rechenschaft zu geben über das, was in diesen letzten Winterwochen in der Einsamkeit von Gißra in ihr vorging.

Von Totzenbach hatte sie seit ihrer Trennung nicht wieder ge hört; Onno schrieb, er sei aus der Residenz verschwunden, von einem Bruch zwischen ihm und Maria werde geflüstert, aber da die Verlobung keine öffentliche gewesen, so sei auch dieses plötzliche Ende derselben vielleicht weniger getadelt als willkommen.

Onno selbst schien in der niedergeschlagensten Stimmung und voll bitterem Trotz. Seine Versetzung in ein Infanterie-Regiment war beschlossene Sache, seit er den Zuschuß der Tante Lätitia nicht mehr erhielt. Dieselbe war so weit von ihrem Schlaganfall ge⸗ nesen, daß sie ihn durch ihren Rechtsbeistand hatte fragen lassen können, ob er sich ihrem Willen, die Verlobung mit Helo auf zugeben, ohne Vorbehalt unterwerfen wolle oder nicht.

Für ihn konnte es nur eine Antwort geben und Lätitia machte noch an demselben Tage ein neues Testament, worin sie ihn ent⸗ erbte und all ihr Hab' und Gut einer Stistung für Afrika erforschung zuwandte. Eine Abschrift dieses Testaments ließ sie ihm zugehen, und damit waren zwischen ihnen alle Beziehungen abgebrochen; aber wie er von der ihm zufällig begegnenden Meipeter erfahren, ging es Lätitia übel genug. Mit gelähmten Gliedern, geistig indeß ganz in der alten Verfassung, verbitterte sie sich immer mehr und wurde ihrer Umgebung eine kaum zu ertragende Tyrannin.

Zwischen Helo und ihm war dann eine Beide tief erschütternde Korrespondenz geführt worden; er gab sie frei, sie flehte ihn an, ihr treu zu bleiben und schwur mit der ganzen Festigkeit ungeprüfter Herzen, alles Leid mit ihm tragen zu wollen, was ihre Liebe über sie Beide gebracht. g

Graf Bolko hatte auch jetzt wieder, trotz der tiefen Verstimmung gegen Onno, mit gewohnter NMoblesse sich dessen allerdings von der Noth gebotenen Entschlüssen widersetzt und seine Hülfe statt der Lätitias angeboten, ohne Bedingungen daran zu knüpfen.

Aber Onno wollte nicht mehr aufArmengeld gesetzt sein; wie er bitter an Maria schrieb.

Ich quittirte am liebsten gänzlich, aber wovon soll ich leben,