Ausgabe 
4.12.1887
 
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was thun? Zu betteln schäme ich mich und arbeiten kann ich nicht, bei Euch in Gißra leben und Gnadenbrot essen, das kann ich auch nicht.

Er hatte Maria trotzdem mit keinem Wort getadelt, als sie Totzenbach aufgegeben.Du bist ehrlich gewesen, das ist die Hauptsache; Du hast Dich nicht dem schnöden Mammon ver⸗ kauft; ich kann Dir nur sagen: Du stehst in meinen Augen um so höher, so schrieb er damals, und in einem späteren Briefe sagte er:Die Lautenberg sprach davon, daß man Dir einen Stiftsplatz aus wirken wolle, damit Du wenigstens ein Nadelgeld bezögest.

Ja, hatte sie denn auch Recht gethan?

Das Rechtthun giebt Befriedigung, ihr aber war elend zu Muthe; sie hatte den rechten Weg gehen wollen, so mühselig hatte sie ihn sich nicht vorgestellt.

Denn seltsam! Sie, welche Totzenbach zurückgewiesen, sie dachte jetzt Tag und Nacht nur an ihn und wie er so würdig und männ lich in jener Stunde die bittere Wahrheit hingenommen.

Wahrheit? Ja, hatte sie Lornow denn wirklich so sehr geliebt?

Das war eine Frage, an der sie sich fast krank grübelte, und sie wußte nun schon längst, daß Selbsttäuschung, geschmeichelte Eitel. keit sie beherrscht, daß Lornow's schmiegsames, sympathisches Wesen, seine elegante Eischeinung sie bestochen hatten und daß sie ihn zu hoch, viel zu hoch, Totzenbach zu niedrig geschätzt. Woher ihr diese Erkenntniß kam? Und kam sie ihr wirklich erst jetzt? Hatte nickt eben der von Lätitia und Tante Paula geweckte Widerspruch viel dazu beigetragen, sie für den ärmeren Verehrer günstiger zu stimmen? Zog nicht ihre eigene Armuth ihre Sympathie auf Lornow's Seite?

Diese Betrachtungen ließen sie jetzt nie in sich zur Ruhe kommen und nur eins stand ihr ganz fest, Totzenbach hatte sie mehr, weit mehr geliebt als Lornow, von dem ihr ebenso wenig seit ihrer Abreise ein Lebenszeichen zugekommen war.

Wie sie jetzt klarer sah, erschien ihr der Groll, den sie bei jenem Zusammentreffen im Freien gegen Lornow in sich gefühlt, nichts anderes als die laute mahnende Stimme ihres guten Geistes.

O, daß sie zu spät, ach für ewig zu spät erkannte, was sie in Totzenbach's Liebe besessen! Um ihrer selbst willen litt sie bei diesem Gedanken kaum so sehr als um seinetwillen; sie mußte eben ihre Buße tragen, aber daß sie ihn so gekränkt, ihm so schneidendes Unrecht gethan!

Es machte kaum noch Eindruck auf sie, daß sie in diesen Tagen die offizielle Verlobungsanzeige von Lornow und Elma erhielt. Tante Paula schrieb:Er hat sie so lange schon geliebt. Maria lachte. Sie ging einige Zeit darauf im Park spazieren, die ersten Schneeglöckchen und Crocus, Maaßliebchen und Leberblümchen er⸗ blühten im Strahl der Frühlingssonne, der Gärtner und seine Burschen arbeiteten emsig und von der Wiese her erscholl ein lautes fröhliches Hurrah von Knabenstimmen. Der Baron ließ die Dorf jugend exerziren er und seine beiden Freunde waren mit vollem Eifer bei der Sache.

Maria aber schritt in tiefem Herzweh zwischen den Bouquets umher. Ueberall begann es zu grünen und zu treiben. Eine Geringfügigkeit eine Magnolia, die über und über voll noch dichtgeschlossener Knospen saß, erinnerte sie an Ehrstein, und von da war wieder der Gedanke an Totzenbach der nächste.

Ich Unselige! Liebe ich ihn denn? schoß es ihr plötzlich durch den Sinn. Mit beiden Händen fuhr sie wie verwildert nach den Schläfen und starrte vor sich in's Leere. Ja, ja, da war wieder sein Bild, wie er so ernst und traurig sagte:So leben Sie denn wohl, Munia, ich danke Ihnen, daß sie mir die biltere Wahrheit nicht vorenthalten haben!

Was kam denn nun über sie, daß sie jetzt erst den Werth dieses Mannes erkannte? War es, weil Lornow siesitzen ließ?

Nein! Sie hatte sich nur geschämt, daß sie auf ihn gehört, Trauer oder Schmerz fühlte sie nicht um ihn, nur die Demüthigung, daß er glauben konnte, sie habe, um ihm entgegen zu kommen, mit Totzenbach gebrochen.

Und nun fiel die Reue sie an. Wo sie ging und stand, bei Nacht und bei Tage, immer klang ihr das schrecklicheZu spät! in die Ohren und immer mehr sehnte sie sich nach dem Manne, den sie verschmäht. Sie las seine Briefe wieder und wieder, sie stellte sich sein Bild vor, rief sich seine Schwächen geflissentlich

in's Gedächtniß und weinte heimlich glühende Thraͤnen. Es war ihr, als klinge plötzlich jedes seiner Worte in jener unseligen

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Scene von Neuem durch ihr Herz. Damals weckten dieselben kein

Echo und jetzt in ihrer Verlassenheit, jetzt erst wußte sie, was dieser Mann ihr hätte sein können.

Aus ihrem schmerzlichen Grübeln weckte sie der Diener. Ihr

Vater schickte nach ihr. schon lebhaft entgegen.

Ich komme eken von der Mama, Marie, sie meint, in den Bodenkammern müßten ganze Schränke voll alter Uniformen von mir und Deinem Bruder hängen. Wir haben eine reizende Idee gehabt, Kleine, wir wollen die Jungen uniformiren; geh' doch hinauf und lasse den Gottlieb herunter tragen, was Du an alten Uniformen und Jagdröcken findest. Seit uns die Schrader verlassen hat, muß ich mich an Dich halten.

Der Baron war wie immer von seinerIdee ganz und gar erfüllt und Marie beeilte sich, ohne Weiteres seinen Wunsch zu befriedigen. a

Sie war sehr selten in diese Vorraths- und Rumpelkammern des Schlosses gekommen, nie mit ernsterem Nachdenken über das, was dieselben den Augen boten.

Heute konnte sie nur seufzen über das, was sie dort oben fand. Diese große Mansarde eine Doppelreihe geräumiger Kammern war über und über vollgestopft mit Sachen aller Art, welche meistens nicht durch Abnutzung unbrauchbar geworden, sondern die man einfach beseitigte, um Platz für neue Anschaffungen zu gewinnen.

Und Alles verstaubt und vernachlässigt! Ganze Familieneinrich⸗ tungen hätten sich beschaffen lassen von all' diesen Möbeln und Kunstgegenständen.

Je länger sie sich dort oben umsah, um so mehr erkannte sie, wie unverzeihlich man mit dem Gelde umgegangen sein mußte, als man nur der Mode oder Laune zu Liebe diese einst sehr werthvollen Sachen unbenutzt bei Seite brachte.

Gottlieb war mit ganzen Bergen von Uniformen und Jagd- röcken, sogar auch mit verschiedenen Maskenanzügen und Onno's Pagenkleidern die Treppen hinabgestiegen; der Baron empfing ihn höchst vergnügt und sortirte unter dem Beistand des eiligst herbei⸗ geholten Dorfschneiders den ganzen Vorrath, indem er seinen Freunden in angeregtester Heiterkeit tausend lustige Erlebnisse erzählte, an welche ihn dieses oder jenes Kleidungsstuͤck gemahnte.

Marie wußte, ihr Vater hatte nun tagelang nichts Anderes im Sinne als die Knabenuniformen.

Gottlob! Jedes neue Steckenpferd für ihn war willkommen. Beim Thee kam ihr die Erinnerung an den Inhalt der Dachkammer wieder.Warum habt Ihr die guten Sachen nur nicht verkauft, sie müssen sehr theuer gewesen sein! sagte sie.

Der Baron zuckte die Achseln.

Du lieber Gott, Kind, wenn man sich das ganze Leben hin⸗ durch fragen sollte: Warum?

Dann kamen sie auf Anderes zu sprechen.

Am nächsten Morgen war der Baron von einer neuenIdee erfüllt.

Marie! Ich habe einen wundervollen Gedanken gehabt. Wir werden eine Versteigerung veranstalten; der ganze Plunder, von dem Du sprachst, soll unter den Hammer. Die Städter und all' die Dörfler ringsum werden bieten wie toll, wenn sie von unseren Sachen kaufen können! Dann wird auch oben im Hause Platz und ich lasse mir ein Atelier dort anlegen, ich will wieder malen.

Dies Letztere war nur ein Vorwand, den er für seine Freunde sich zurecht gelegt. Ihn lockte ganz etwas Anderes: das Geld, der Erlös, den er aus der Versteigerung erhoffte. Seine letzten Versuche, sich wie gewöhnlich Geld zu schaffen, waren sämmtlich fehlgeschlagen.

Maria erschrak.

Sie sah den Lärm und die Unruhe für die Mutter mit Schrecken voraus. Aber sie wagte kein Widerstreben.

Der Baron war seit dieserIdee in der besten Stimmung. Da hatte Maria ihn auf eine koͤstliche Manier gebracht, sich Geld zu verschaffen. Ei, ei! Wie viel konnten sie da versteigern, ehe man in dem überfüllten Schloß eine Lücke bemerkte.

Als sie im Schlosse ankam, trat er ihr

Beschäftigt mit ihren Gedanken und Gefühlen und fast immer

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