2386. 5
Dann hatte sie geendet und saß, da er schwieg, stumm und unruhigen Herzens neben ihm.
Er hatte sie, schon seit er kam, aufmerksam beobachtet.
„Du hast keine gute Nacht gehabt, ließest Du mir auf meine Frage sagen, und nun einen schlimmen Tag,“ unterbrach er nach einer Weile die Pause zwischen ihnen.
Sie seufzte unwillkürlich tief auf.
Mit einer leichten Wendung brachte er Maria's Gesicht dem Spiegel gegenüber und sagte ernst und mit unterdrückter Aufregung: „Maria— sieh Dein Bild! Ist es das einer glücklichen Braut? Die Leiden der Anderen— ihr Mißgeschick kann Dich betrüben;— aber— es ist ein Blick in Deinen Augen, welcher nicht um der Anderen willen klagt! Er redet von einem unfrohen Herzen,— er verräth Dich!“
Sie senkte den Kopf wie eine Sünderin vor dem Ankläger und sagte nichts. Eine namenlose Furcht überkam sie.
Sein Gesicht wurde plötzlich ganz fahl,— selbst seine Lippen erblichen; ihr scheuer Blick bemerkte es und sie erschrak davor noch mehr..
Sich ungestüm vor seinem Sitze neben ihr erhebend, lehnte er sich gegen die Säule des Spiegels, in dem Maria eben selbst mit kritischem Blick ihr Bild wenig bräutlich hatte finden müssen.
„Auch ich,“ sagte er mit jener Selbstbeherrschung, die ihn kalt scheinen ließ,„habe die Nacht nicht Ruhe finden können, Maria;— glücklich Liebende sollen oft schlaflos sein,— aber die süßen Er⸗ innerungen und Zukunftsträume sind holde Gefährten solcher einsam verwachten Stunden.“
Da sie nicht antwortete, noch widersprach, fuhr er fort:
„Mir war das Herz gestern schwer, als ich Dich verließ;— ich wußte selbst nicht, warum?— Erst die Nacht und das Nach— denken haben mir's klar gemacht. Doch dann kam der Tag mit seinem Sonnenschein.— Ich ritt stundenlang hinaus und schalt mich selbst einen Thoren, die Weisheit meines Herzens hypochondrische Schwarzseherei. Heimkehrend erfuhr ich dann, als ich zu Dir geeilt war und Dich nicht traf, die Erkrankung Deiner Tante.— So verging mir der Tag in Sehnsucht nach Dir und in wachsendem Bangen, denn immer wieder raunte der ruhige Verstand mir zu: Sei auf deiner Hut!— Nun, Maria,“— er schritt ein, zwei Mal rasch und erregt im Salon hin und her,—„nun wohl, Maria, die Sorge frißt an meinem Herzen und die Wahrheit will ihr Recht, fordert Klarheit von mir, zu Dir;— von Dir— zu mir.“
Sie saß in grenzenloser Angst und Aufregung vor ihm,— nur fühlend, daß seine Augen sie nicht verließen. Aber in ihr erhob sich plötzlich der Wunsch, er möchte nicht weiter sprechen, möchte nicht diese Wahrheit fordern.— In demselben Augenblick, wo er auf eine Entscheidung drang, fing ihr an zu grauen vor den Folgen,— denn seine klare vornehme Bestimmtheit, diese Energie kleideten ihn gut, machten tiefen Eindruck auf sie, ohne daß sie es sich eingestand.
Er hatte wieder einen Gang durch das Zimmer gemacht; dann stand er vor ihr still, ergriff ihre Hand und zwang sie, sich empor zu richten und ihn anzusehen, indem er fortfuhr:„Maria, ich bitte Dich, sei wahr gegen mich! Schone mich nicht, denke, Du ständest vor Gott. Willst Du?“
„Ja!“ hauchte sie ganz überwältigt.
„Nun wohl, Maria, Du liebst mich nicht?“ Wie undeutlich, gleichsam erstickt die Frage klang und doch wie gebieterisch.
Liebte sie ihn denn nicht?
Sie schwankte sichtlich. Ihrem stolzen und offenen Wesen war das nicht gemäß.
„Maria, Wahrheit!— Nur ja,— oder nein! Begreifst Du denn nicht, daß ich kein Weib umarmen will, welches mich nicht liebt? Soll ich eine Sklavin an mich ketten, die mit ihrem Herzen — Gott weiß wo, ist?“ loderte er auf.
Sie fühlte plötzlich, als dürfe sie nicht„nein“ sagen;— dies Nein wollte nicht über ihre Lippen.
„Liebtest Du mich, so hättest Du längst an meiner Brust ge— legen! Sage also: Nein! Sprich die Wahrheit!“
„Nein!“ hauchte sie zitternd.
Er schwankte wie unter einem furchtbaren Schlage und sah sie an, als komme ihm diese Antwort doch völlig unerwartet.
Er faßte ihre Hand und zerdrückte sie fast in seiner Aufregung.“
an, Beide waren bleich und fassungslos.
„Vergebung! Vergebung! Ich—! Es ist—!“ Sie be⸗ reute schon. 4 „Maria! Maria! Ist es so liebe, beglückende Briefe!“ 5 Sie nickte mechanisch.„Mir war auch so um's Herz,“ sagte sie leise. 3 „Dir war—? Und dann?— So findest Du Dich in mir getäuscht? So bin ich persönlich dem Bilde unähnlich, daß Du Dir von mir machtest? Aber Du kanntest mich doch!“ 1 Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt und weinte jetzt leidenschaftlich. „Ah! Es ist ein Anderer im Spiel? Bekenne! Sprich Ich will es!“ Und wieder packte er mit wilder Heftigkeit ihre Hände.„S mich an! Wahrheit! Es ist—? Du liebst einen Andern?“ Sie schwieg. 3 „Weib! Wer ist's? Du, die mir gehört? Und er liebt Dich und Ihr seid im Reinen, während Du mir Liebesbriefe schreibst, mir Treue gelobst?“ 5 „Nein! nein! nein!“ Das war Alles, was sie seiner rasen-⸗. den Leidenschaft gegenüber sagen konnte. Und doch suchte er diese Wuth zu bändigen, die sie aus seinen Augen flammen sah und in seiner Stimme beben hörte. 1 „Nein?— Was nein? Wer ist's?“ Sie schwieg wieder. 2 „Ohne Sorge,— ich thue ihm kein Leid!“ rief er höhnisch. „Er liebt Dich also?“ „Ich— ich weiß nicht— ich glaube—!“ 3 „Du weißt nicht,— glaubst?“ a Maria bedeckte in glühender Beschämung ihr Gesicht mit beiden Händen. Jetzt erst erkannte sie die ganze Mißlichkeit ihrer Lage. Unterdeß hatte Totzenbach hochaufathmend sein Erstaunen üben diese Wendung der Bekenntnisse überwunden. Er sah nachdenklich vor sich hin. Endlich fragte er, ihre bebenden Hände jetzt sanfter, aber immerhin strengen Gesichts, festhaltend:„Du hast einen Andern lieb und mir doch gesagt, daß Du mich allein lieben wolltest. Maria, Du hast mich mit Absicht nicht belogen, noch betrogen,— sonst wärest Du jetzt nicht so wahr—; die Erkenntniß ist Dir also erst kürzlich gekommen? Soll ich den Namen des
denn wuhr? Du schriebest mir doch
Glücklichen errathen?“ 1 Die Ader auf seiner Stirn war dick geschwollen, seine Augen
glühten. 2 „O, nur das nicht! Barmherzigkeit, Totzenbach, schonen Sle
mich!“ fuhr sie mit flehenden Mienen empor. l
Sie nennt mich schon„Sie“! sagte er bitter vor sich hin. Dann erhob er sich plötzlich; er war blaß wie der Tod, sein Gesicht starr wie aus Marmor gemeißelt. 1
„Ich danke Dir, Maria, für die Wahrheit! Sie schmerzt sehr, — aber ich habe sie gefordert, Du thatest nur, was Recht war. Und so hieße unser nächstes Wort also: Trennung!“
Er stand mitten im Zimmer still und starrte wie betäubt vor sich hin, leise wiederholend:„Trennung! Trennung!“ 5
„O, mein Gott,“ rief sie weinend,„wollen Sie denn gar nicht hören, daß ich Sie nicht betrogen habe? Ich war ehrlich! Ich wollte Ihnen eine gute Frau werden. Ich glaubte, Sie von Herzen lieben zu können— jeder Brief machte mich Ihnen mehr zu eigen.“ 15
„Und dann kam ich,“ unterbrach er sie bitter,„und der ver- schönernde Schleier, den die Entfernung wob, zerriß— und der Adonis—!“ 5 ö
„Nein, nein! Aber kann ich denn dafür? Ich weiß selbst nicht, wie—?“
„Dein Herz ist mein Richter, Maria. Kein Wort mehr davon sagte er mit stolzerhobenem Kopfe. Alle Erregtheit, alle H keit war besiegt, seine herrschende sichere Weise allein trat jetzt me noch als sonst hervor. g
„Du kannst nicht dafür, Maria! Ich glaube es wohl! ist eben mein Schicksal und ich müßte Dir eigentlich noch da daß Du so ehrlich bist. Verzeihe mir, daß ich es etzt nicht das Erwachen aus meinem kurzen Traum von Glück und Se keit ist allzu bitter.“ 7
Wieder stand er zögernd vor ihr still. Sie blickte ihn
5
2
r
2
r e
2
3
8.
N.


