Ausgabe 
4.12.1887
 
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zu den

Oberhessischen UMachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 4. Dezember.

Im Hause des Grafen Isenreut hatte vom frühen Morgen an eine allgemeine Verstörtheit geherrscht. Der Herr des Hauses sah ungewöhnlich majestätisch und dazu finster wie eine Gewitter wolke aus. Komtesse Helo und Baronesse Maria weinten, Kom⸗ tesse Elma schien sehr erzürnt auf Beide; Gräfin Paula kehrte von ihrer Morgenfahrt in der übelsten Laune heim, und dann wieder gab es heftige Scenen mit Onno von Hooglander, mit Maria,

mit Helo; die Dienstboten steckten unruhig und voll Neugier

die Köpfe zusammen, horchten, flüsterten und versäumten die täg⸗ lichen Pflichten, worüber dann wieder neue ärgerliche Scenen ent⸗ I standen. Just als wären sie Alle verhext! sagte der Koch, dem man das Frühstück unberührt wieder zurückschickte.

N Und in diese Zustände hinein fiel nun die Nachricht, Fräulein

Lätitia habe ein Schlagfluß getroffen.

Was sie später von der Meipeter erfuhren, war für Graf Bolko ein neuer, bitterer Verdruß, und als dann der Arzt Lätitia's sich gegen Abend dahin vernehmen ließ, daß die alte Dame noch ge⸗

gnaesen könne, war Onnod der Einzige, der sich ehrlich darüber freute.

Soweit es sein Dienst erlaubte, blieb er an ihrem Bette, wo

der Arzt ab und zu ging und günstige Symptome fand.

Onno fand in dieser Nacht, die er in Lätitia's Zimmern ver⸗ brackte, vollauf Zeit, nachzudenken über seine Lage, über alle die scharfen Worte, die Graf Bolko ihm im Zorn entgegen geschleudert, und über die Absicht desselben, ihn und Helo zu trennen, nicht nur, indem er und Gräfin Paula der Verlobung der Beiden ent⸗ schieden ihre Anerkennung versagten, sondern auch in räumlicher Hinsicht, da sie gedroht, Helo sofort in eine Pension zu schicken.

Onno hatte seinem Burschen Befehl gegeben, nicht aus seinem

Zimmer zu weichen und ihm jeden ankommenden Brief zu jeder 0 Stunde bei Tag oder Nacht zu bringen. Aber die er⸗ hofften und sehnlich erwarteten Zeilen von Helo blieben aus. Als er am andern Morgen früh zum Dienst hinaus ritt, sah er auch vergeblich nach ihrem Fenster empor. Sie, die sonst fast niemals verfehlte, ihm von dort den Morgengruß zu winken, er⸗ schien nicht. 5

Der Kopf war ihm ganz wüst und wirr von der so unerquick lich durchwachten Nacht. ö 5

Sie dürfen sich ohne meine Erlaubniß vor der Patientin nicht zeigen, wenn das Bewußtsein ihr wiederkehren sollte, sagte ihm der Arzt, setzte aber zutraulich hinzu:Ich kenne die alte Dame zwar und weiß, daß sie ihren Haß mit Vorliebe gehegt und ge⸗ pflegt hat; aber ich weiß auch, wie ihr verbittertes Herz an Ihnen hängt, und was ich vermag, werde ich mit Freuden zu Gunsten ihrer Liebe thun. Bin auch'mal jung gewesen, Herr

Eine gute Vartie.

Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung.)

von Hooglander, und habe nicht vergessen, wie mir damals um's Herz war!

Onno hatte herzlich des liebenswürdigen Mannes Hand gedrückt. Jetzt galt es den Dienst und davor mußten alle anderen Ge danken einstweilen in den Hintergrund treten.

Maria hatte bei der Nachricht, die Tante Lätitia sei todt, für einige Zeit ihre eigene Lage und die Onno's vergessen.

Müde und abgespannt war sie eben von dort zurückgekehrt, als ihr Verlobter gemeldet wurde und sie sich mit einem Schlage wieder an sich selbst erinnerte.

Eine heiße Angst überkam sie.

Wahrheit! Wahrheit! riefen ihr Herz und ihr Rechtsgefühl. Wahrheit schuldete sie ihrem Verlobten.

Aber dann fiel ihr ein, wie kalt und obenhin Onkel Bolko heute früh das Geständniß ihres inneren Zwiespalts als eine Ab surdidät betrachtet, wie er dann ihreromantischen Launen aber sofort völlig vergessen hatte über der ihn weit tiefer berührenden Liebelei Onno's und Helo's.

Er hatte kaum auf ihre Klage gehört; der Groll auf Onno's Leichtsinn, auf seinenVertrauensbruch war allzu neu. Wie konnte Maria sich einbilden, daß er in dieser Stimmung, noch obendrein sie als die Hehlerin betrachtend, sie mit nachsichtigem Verständniß anhören würde.

Jetzt wartete Totzenbach im kleinen Salon auf sie. Angstvoll krampfte sie die Hände ineinander. Nun der Augenblick da war, schien es ihr unendlich schwer, das auszusprechen, was sie die lange, schlaflose Nacht sich so oft vorgesagt und was ihr da so unwider⸗ leglich richtig erschienen war.

Sie raffte sich mit gewaltsamem Entschluß empor und ging, Totzenbach zu begrüßen. Ob sie sprechen wollte, könnte, darüber war sie noch völlig unklar.

Er hatte ihr am Morgen herrliche Blumen geschickt, jetzt fiel ihr ein, daß das Bouquet unbeachtet in ihrem Zimmer liegen ge blieben war, den ganzen Tag hindurch.

Welcher Anfang unserer Glückszeit, Maria! Tod und wieder Tod! begrüßte er sie ernst.

Sie sagte ihm mit wenig Worten, wie es stand und daß der Arzt noch auf Genesung hoffe.

Er ließ sich Alles erzählen und erfuhr nun auch Onno's und Helo's heimliches Verlöbniß, die Art, wie Graf Bolko dasselbe gestern entdeckt hatte er war nämlich unbemerkt Zeuge gewesen, wie die Beiden sich geküßt sowie die Aufnahme, welche die Mit⸗ theilungen Tante Paula's bei Lätitia gefunden.

Während Maria berichtete, wirbelten ihr die Gedanken an die eigene Situation immer durch den Kopf.