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geliebte Mädchen sein nennen zu
Hand, und Jule Paulsen hielt sie lange fest, heimlich triumphirend nach den Fenstern der Nachbarhäuser spähend, ob man auch beob—
achtete, was hier geschähe.
Sie sah der Fortgehenden nach, bis sie in einer Biegung der Straße verschwand, dann ging sie hinein. Auf dem Herde brannte das Feuer noch. Sie warf den Brief hinein, ohne ihn gelesen zu haben; das hätte sie heute nicht thun können. Und sie stocherte mit dem Feuerhaken in den Kohlen, damit das Papier schneller ver— gehen möchte.
Nach einer Weile kam Inge nach Hause. Die Mutter zog sie in die Stube, kaum daß sie ihr Zeit ließ, Hut und Tuch abzulegen. Sie drückte sie nieder auf einen Stuhl beim Fenster; sie wollte die ganze Sache nach und nach vortragen und mit dem Besuch der Frau Möller beginnen, um die Freude der Spannung zu verlängern, aber sie konnte es nicht. Nach den ersten Worten brach die Nach— richt unaufhaltsam hervor, und nun stand Jule Paulsen und wartete, was das Kind sagen würde.
Das Mädchen saß ganz still, es regte sich nicht; nur daß für ein paar Augenblicke die Farbe in ihrem jungen Gesicht hastig kam und ging, und daß die schmalen Finger unruhig mit einer Scheere spielten, die auf dem Fensterbrett lag. Eine große Angst befiel Jule Paulsen. War es möglich, war es denkbar, daß das thörichte Kind nein sagen würde? Es konnte nicht sein, das konnte Gott ihr nicht anthun!
„Inge!“ Das Mädchen schlug die Augen zu ihr auf. Es lag ein Ausdruck darin, den sie noch nie darin gesehen hatte, und den sie nicht verstand.
„Inge, mein Kind, das thust Du Deiner Mutter nicht an, daß Du nein sagst?“
Inge antwortete nicht. Die Wimpern senkten sich wieder über die Augen, und die Finger öffneten und schlossen die Schere hastiger. Es wurde ganz still. Man hörte das Ticktack der alten Uhr, sonst garnichts.
„Sage doch etwas, Inge,“ sagte Jule Paulsen beklommen. Es konnte ja nicht sein, daß ihr Kind das ganze Glücksgebäude um⸗ stieß— aber wenn es nun doch geschah?
„Willst Du ihn nicht?“
„Ja,“ entgegnete Inge aufstehend. Sie wollte etwas davon sagen, daß sie nein und tausendmal nein antworten würde, wenn nur ein einziges Ding auf der Welt anders wäre, aber sie sagte es nicht. Es nützte ja doch nichts. Es war nun einmal alles, wie es war; Peter Ohlsen hatte sie vergessen, und von ihr sollte Keiner sagen, daß sie Jemandem nachtrauerte, der sie aufgab. Und vielleicht war es gut so. Was sie ersehnt hatte in unzähligen Augenblicken, was sie den Freundinnen geneidet hatte, das wurde jetzt alles ihr. Die Mutter hatte wohl Recht, sie paßte nicht für Entbehrungen; sie mußte mit vollen Zügen genießen, wovon sie bis jetzt nur gekostet hatte, und doch!— und doch!
„Du stehst da so ruhig, Inge!“ Jule Paulsen legte dem Kinde den Arm um den Nacken und strich ihr mit der Hand über das weiche Haar.„Nicht wahr, nun bist Du glücklich, mein Kind?“
„Ja, ganz glücklich,“ sagte das Mädchen ruhig, beinahe un⸗ merklich den Kopf bewegend, als wenn die liebkosende Hand ihr weh thäte. a
„Nun wirst Du reich, Inge.“ i 5
„Ja,“ sagte das Mädchen wieder. In ihren Augen bitzte es plötzlich auf, sie warf den Kopf ein wenig zurück und lächelte. Sie lächelte auch, als Johannes Abends kam, um sich das Jawort selbst zu holen, wie seine Mutter es vorher angekündigt hatte. Johannes Möller war grade kein hübscher Mann, aber auch nicht häßlich, und die Herzensgüte leuchtete aus seinen ehrlichen Augen. Jetzt hatte das Glück seinen verklärenden Glanz auf seine unscheinbaren Züge geworfen, und wenn Jule Paulsen überhaupt ein Auge für der⸗ gleichen gehabt hätte, so würde sie die innige Dankbarkeit, das schöne, dürfen, gerührt haben. i
Er hatte dies zierliche Geschöpf mit den sonnigen Augen lieb gehabt— ach, wie viele Jahre schon, mit der ganzen Bedingungs⸗ losigkeit, wie sie guten, aber innerlich einsamen Menschen eigen zu sein pflegt, wenn die Liebe sie einmal überkommt. Aber durch Dahte hin war es ihm immer wie Ueberhebung vorgekommen, e en für sich zu erträumen, bis in der letzten Zeit die lachenden Augen seinen schüchternen so wunderlich verwirrend entgegen kamen. Und nun war sie sein. Er brauchte die schmale, kleine Hand nie mehr
aus der seinen zu lassen für Zeit und Ewigkeit. Er war vollendet glücklich.
Hätte man Inge gefragt, ob sie glücklich wäre, so würde sie genickt und gelacht haben. Sie hatte ein leichtes, hell aufzwitscherndes Lachen, das den stillen Mann entzückte, auch wenn sie garnicht für ihn fröhlich war. Manchmal saß er still in einer dunklen Ecke, wie sonst, wenn Inge daheim bei den Seinen war, und sah glücklich zu ihr hinüber, wie sie sich anmuthig im Kreise des hellen Lichtes bewegte. Er folgte ihr mit dem Blick, wenn sie durch das Zimmer ging, wie man einen Sonnenstrahl verfolgt, der in ein dunkles Gemach fällt, und wenn sich in solchen Augenblicken Jemand die Mühe gegeben hätte, sein Gesicht anzusehen, so würde er erstaunt gewesen sein, wie schön es war.
Aber man war so sehr daran gewöhnt, ihn ruhig in den Schatten zurücktreten zu sehen, daß sich selten Jemand die Mühe nahm, auch Inge nicht. Sie ließ sich seine fast scheuen Zärtlichkeiten, die hundert kleinen zartsinnigen Aufmerksamkeiten, die er, von anderen unbemerkt, für sie hatte, ohne Widerstand gefallen; sie duldete seinen Kuß und seinen Händedruck als etwas Selbstverständliches, das man kei einer Verlobung eben in den Kauf nehmen muß; aber ihn auch nur ein⸗ mal aufzusuchen, aus freien Stücken auch nur einmal ihre Wange an seine zu legen, oder ihm sacht über das Haar zu streichen, der Gedanke lag ihr ganz fern. Es war ja alles in Ordnung so, meinte sie; sie gewährte ihm, was ihm zukam und was ihm Freude machte, und sie nahm dafür, was ihr Freude machte, eine Stellung in der beschränkten Welt der kleinen Stadt und andere gute Dinge dieser Erde. So war das Nehmen und Geben sehr richtig geordnet.
„Mein!“ sagten seine guten, klaren Augen, wenn sie dem schönen Mädchen folgten, und im Herzen stiez ihm ein warmes Dankgefühl auf, so daß es schneller schlug.
„Mein!“ sagte auch ihr Blick, wenn sie an der Seite der Schwiegermutter, die sie in alles selbst einzuführen wünschte, durch das Haus schritt. Um die sanften Lippen legte sich ein triumphirendes Lächeln, und auch ihr Herz klopfte schneller.
„Mein!“— Das Wort hat einen wundersamen Zauber, so lange es noch neu ist. Aber wehe dem, der es einst ausstößt mit Haß und Abscheu und Hoffnungslosigkeit—„mein für alle Zeit, mein unlöslich, mein, und wollte ich fliehen bis an der Welt Ende — mein!“
Einmal während ihrer Brautzeit wachte Inge mitten in der Nacht auf. Die Finsterniß lag um sie, über ihr, und es war ihr auf einmal, als wäre sie ganz allein und verlassen in einer unendlich großen, öden, leeren, kalten Welt. Sie drückte ihr Gesicht in die Kissen und weinte so bittere, schmerzliche Thränen, als sollte ihr Herz brechen. Aber wie ein Kind weinte sie sich allmählich selbst in den Schlaf, und als sie erwachte, schien die Sonne in die Kammer. Johannes hatte Blumen geschickt, und ihre nächtlichen Thränen waren ihr fremd geworden.
Auch hatte sie nicht viel Zeit, nachzudenken. Die Hochzeit wurde möglichst beschleunigt, damit die Uebersiedelung der übrigen Familie nach Hamburg noch vor dem Winter vor sich gehen könnte, und vorher gab es noch unendlich viel zu thun, obgleich die jungen Leute fast die ganze Einrichtung des alten Hauses übernehmen sollten, wie sie jetzt war, so daß nicht viel Neues angeschafft zu werden brauchte. Unruhe genug gab es trotzdem noch vorher, und Jule Paulsen fühlte sich als Brautmutter von einer Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit, welche viele Jahre der Armuth und Entbehrung aufwog.
85 am Hochzeitstage hätte man dreist behaupten können, daß nächst dem Bräutigam die Brautmutter die glücklichste Person in der ganzen Gesellschaft wäre. Er, der Bräutigam, nahm sein Glück hin in der gewohnten, stillen Weise, aber es leuchtete ihm aus den guten Augen; sie, die Brautmutter, konnte nicht Worte genug für das ihrige finden..
Ihre Inge war es ja, ihr angebetetes Kind, das da im weißen schleppenden Atlaskleide und im bräutlichen Kranz und Schleier am Altar stand; ihre Inge, auf die sich Hunderte von Augen bewundernd richteten, denn die kleine Kirche war gedrängt voll von Neugierigen; ihre Inge, um die sich die bunte Gesellschaft schaarte als um ihren Mittelpunkt, auf deren Wohl der erste Toast gebracht, der perlende Sekt getrunken wurde. Daß man sie selbst sehr wenig beachtete, was galt ihr das?


