Ausgabe 
4.9.1887
 
Einzelbild herunterladen

284=.

Es gab Leute in der Kirche, welche fanden, daß die Braut den Kopf ein wenig mehr hätte senken dürfen, aber schön fanden sie alle.

Gleich nach der Hochzeit reiste die Familie Möller ab in ihren neuen Wohnort, und nun hatten die jungen Leute ihr Reich für sich allein. In den ersten Tagen fand Inge unendlich viel zu thun, aber es war angenehme Arbeit. Sie ging treppauf und treppab in dem großen Hause, und es gewährte ihr ein eigenes Behagen, daß sie in diesen Räumen schalten und walten durfte nach Belieben. Und das that sie. Hier mußte ein Tisch und dort ein Sopha, hier ein Schrank und dort ein Sessel anders gerückt werden. Die Bilder an den Wänden wurden anders vertheilt, nicht, weil alle diese Ver änderungen immer ihrem Geschmack mehr entsprochen hätten, sondern nur, weil sie sich ihrer Macht freute. Wo die rothen Möbel gestanden hatten, standen jetzt die grünen, und der Blumentisch änderte wohl sechsmal seinen Platz. Wenn Johannes dann Abends aus dem Geschäft heraufkam, zeigte sie ihm ihr Werk, glücklich wie ein Kind über die neue Puppenstube, und er ließ sie gern gewähren, freute sich über ihre Freude und fand jede Neuerung, die sie traf, vorzüglich.

Als dann endlich alles so stand, daß Inge nicht mehr ändern mochte, kramte sie auf dem Hausboden, in der Rumpelkammer und in den kleinen Wandschränken, welche die Schwiegermutter zum Theil ungeleert gelassen hatte. Es war ein altes Haus, und in seine dicken Wände hinein hatte man nach nun längst vergangener Mode kleine, tiefe Schränke mit Tapetenthüren gebaut, die zur Auf bewahrung solcher Dinge dienten, welche man augenblicklich nicht gebrauchte und doch nicht fortwerfen mochte. Das alles zog Inge nun an's Tageslicht, und es war mancherlei darunter, dessen Vor handensein Johannes ganz vergessen hatte, und über dessen Auftauchen er sich nun freute, anderes, was ihm lustige oder ernsthafte Er innerungen weckte.

So fand er Inge eines Abends mit einer Anzahl alter Medizin⸗ flaschen, die sie aus einem solchen Wandschränkchen hervorgeholt hatte. Da waren halb gefüllte Gläser, deren Inhalt sich bereits zersetzt hatte, Salbentöpfchen mit ranzig gewordener Salbe, denn Mama Möller hatte sich nie entschließen können, irgend etwas einmal für eine Krankheit Verordnetes fortzuwerfen. Es war doch nun ein mal bezahlt, und man konnte nicht wissen, wozu es gut war.

Was soll all' das Zeug? fragte Johannes lachend.Laß das auf den Kehrichthaufen kommen, Inge. Wer weiß, was für Schaden es sonst noch anrichtet.

Ist es nichts mehr werth? fragte sie.

Gar nichts; ich weiß nicht, weshalb Mutter es aufbewahrt hat. Aber mit einer Art von Interesse nahm er doch Glas um Glas in die Hand.Das war die Salbe, die ich gegen meine schlimmen Augen bekam; das sind nun zwölf Jahre her. Das sind die Tropfen, mit denen Annchen's Hals gebeizt wurde, weißt Du noch, als sie damals den Croup-Anfall hatte? Ich bitte Dich, Inge, laß die verdorbenen Sachen fortschaffen.

Was ist dies? fragte die junge Frau, ihm ein Gläschen mit festgeschrobenem Metallstöpsel hinhaltend. Es war mit einer wasser hellen Flüͤssigkeit gefüllt; die Etikette zeigte einen Todtenkopf.

Das? Er sah es sich an;das muß vor allen Dingen un schädlich gemacht werden.

Ist es auch verdorben?

Das nicht, es verdirbt nicht, aber es ist Gift.

Gift? Sie zog die Finger zurück, als könnte die bloße Berührung schaden.Stirbt man davon?

Wenn man das Ganze auf einmal verschluckt, gewiß, obgleich die Lösung wohl nur schwach ist. Es wurde Vater in einer schweren Krankheit verordnet. Dergleichen sollte aber immer sofort weg gegossen werden, wenn man seiner nicht mehr bedarf.

Sie nickte und sah das kleine Glas feindselig an, faßte es dann mit spitzen Fingern und stellte es vorläufig in den halb geleerten Wandschrank zurück, um denselben morgen gründlich auszukehren, oder vielmehr auskehren zu lassen. Denn Inge Möller spürte, so viel Freude ihr auch das eigene Heim machte, keinen Drang in sich, ihre feinen Händchen durch Arbeit irgend einer Art zu verun zieren. Dazu hatte Jule Paulsen ihr schoͤnes Kind nicht gewöhnt, und es war ein Glück, daß die ältere der beiden Mägde zuverlässig und seit vielen Jahren im Hause war, sonst möchte wohl das Haus wesen unter dem Fortgang der Mama Möller arg gelitten haben.

Der alten Magd aber war es ganz recht, daß sich die junge

Frau möglichst wenig in häusliche Angelegenheiten mischte. Nicht, als ob sie das Auge einer Herrin zu scheuen gehabt hätte; aber es würde ihr schwer geworden sein, sich in Neuerungen zu fügen, und so ging alles seinen gewohnten Gang, wie am Schnürchen, und die junge Frau that nicht viel mehr, als daß sie die Schlüssel und die Haushaltungskasse in Verwahrung nahm und allabendlich bestimmte, was am folgenden Mittag auf den Tisch gebracht werden sollte; übrigens eine Arbeit, die auch erst erlernt sein wollte, denn Jule Paulsen's Speisezettel pflegte nicht eben abwechselungsreich zu sein.

(Fortsetzung folgt.)

Die Entenmühle. Eine alte Dorfgeschichte von E. A. (Fortsetzung)

Von dieser ersten Nacht an schien aber eine große Veränderung mit Hämmermäuschen vorgegangen zu sein. Hatte sie bisher ver⸗ sucht, sich Jakob zu nähern, ihm gleichsam das Evangelium der Versöhnung zu künden, so zog sie sich von jetzt an scheu vor jeder Berührung mit ihm zurück. Sie fühlte, daß sie ihn in jener Nacht hatte allzutief in den Heiligenschrein ihres Herzens blicken lassen und sie hatte für dieses Vergeben und Vergessen ihrer jungfräulichen Würde nicht einmal die entschädigende Gewißheit erhalten, ob Jakob die stumme Zeichensprache ihres Herzens verstanden hatte. Der tiefere Sinn von Hämmermäuschens Rede war von ihm nicht auf gefaßt worden. Ihr jetziges Verhalten ließ ihn in ihrer Rede von damals nur eine momentane Sorge um seine leibliche Sicherheit erblicken, und das stumme und doch so beredte Weh des Mädchens ging eben unverstanden an ihm vorüber. Er fing also an, seiner Schwäche sich zu schämen und suchte diese Scharte durch die Maske verdoppelter Gleichgültigkeit auszuwetzen. Nur die einsamen Sternen⸗ augen, diese verschwiegenen Kinder der Nacht, sahen den stillen Kampf, der in der Brust dieses eisernen Charakters tobte. O! wie so treffend sagt der Dichter:

Sie hatten einander so gerne Und keines wollt' es gesteh'n; Sie standen so kalt gegenüber Und wollten vor Lieb' doch vergeh'n!

Mit einer fieberhaften Lust warf sich Jakob in das Treiben seiner lichtscheuen Genossen. Nur bei ihnen war es ihm wohl, nur dort vergaß er den Wurm, der rastlos, ruhelos an seinem Herzen fraß und ihm die Mühle zur Hölle machte. Fahrt folgte auf Fahrt, überall war Jakob voran.

Ein seltenes Glück begleitete die Beiden und immer tiefer lockte Jost mit fast dämonischer Gewalt sein Opfer hinab, mit seltenem Scharfblick dessen Schwäche erspähend und sich unterthan machend.

Unterdessen hatten die Zollwächter irgendwie Lunte gerochen.

Der Verrath schläft nie und unter dem napoleonischen Regiment hatte er, wie später bei dem Neffen, hundert Augen.

Es war den Franzosen wirklich einige Mal geglückt, den Paschern nahe genug auf die Fersen zu kommen, allein die Kaltblütigkeit Jakobs und die unerschöpfliche List Jost's hatten den Verfolgern bis jetzt noch immer die gehoffte Beute entwischen lassen.

Eines Tages hatte Jost in der Mühle Hämmermäuschen gesehen und bald liebte er das Mädchen, so weit dies wenigstens bei einem solchen Charakter möglich ist.

Hämmermäuschen fühlte instinktiv, was in Jost vorging und eine Art von Grauen wollte sie fassen.

Schon bei seinem allerersten Besuch hatte sie in ihm den bösen Geist Jakobs erkannt, der diesen heute oder morgen in den Ab grund des zeitlichen wie des ewigen Verderbens hinabziehen würde.

Der Entenmüller war ein gebrochener Greis; er konnte seinen Sohn nicht retten. Sie allein blieb also übrig. Der Zauber ihrer reinen Liebe war der einzige Talisman, der Jakob aus den Schlingen des Bösen befreien und den verlorenen Sohn in's Vaterhaus zurück bringen konnte. Sie übersah den Schritt, den sie wagen wollte, klar und deutlich; sie erkannte die Größe der Mission, der sie sich unterziehen wollte und ihre Wange erbleichte, aber aus ihrem Auge leuchtete die Opfergluth jener Liebe, die den Tod überdauert und jene vergöttlichende Freudigkeit, mit der vor Jahren der Entenmüller ja auch gelobet:Ich will mich erbarmen, Gott walt's!