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Winkel war ein Grab, und über dem Grabe wuchsen, Schling⸗ pflanzen gleich, trotzige Gedanken. Die Lippen, welche über die gleichgültigsten Dinge so lustig zu plaudern wußten, schwiegen gegen Jedermann und instinktartig am meisten gegen die Mutter, mit ruhiger Beharrlichkeit über die eigensten Angelegenheiten.

Aber etwas Besonderes ging vor, das fühlte Jule Paulsen, und deshalb war sie auch auf ein ungewöhnliches Ereigniß vorbereitet und keineswegs so überrascht, wie sie sich den Anstrich zu geben suchte, als an einem schönen Oktobernachmittag die korpulente Frau Möller in höchsteigener Person die kleine Hafenstraße herunter und gerade auf ihr Haus zukam. Es war eben noch Zeit, eine andere Mütze aufzusetzen und eine reine Schürze vorzubinden, da stand schon die reiche Frau auf dem Hausflur, und die arme knixte und kom⸗ plimentirte den Gast in die beste Stube hinein und auf das schäbige, ehemals schwarze Sopha.

Nein, die Ehre! Die beiden Frauen hatten ehemals auf der Schulbank neben einander gesessen, sie hatten sich auch als ganz junge Mädchen noch Du genannt, aber jetzt hatte Jule Paulsen vor der anderen einen ganz unbegrenzten Respekt. Nichts flößte ihr so unbedingte Hochachtung ein, wie das Geld. Die Freude, die Ehr⸗ erbietung, die sie zur Schau trug, die war echt und nicht gemacht. Und was die Ueberraschung anbetraf, so war sie schlau genug, um zu wissen, daß man sie von ihr erwartete, und demgemäß war Jule Paulsen auf's Aeußerste überrascht. Wo war denn Inge? Warum kam sie nicht, den geehrten und seltenen Gast zu begrüßen!

„Inge! Inge!“ schallte es durch das Haus und den kleinen Hofraum, aber das Mädchen kam nicht.

Vielleicht berührte die reiche Frau die große Unterthänigkeit der anderen angenehm. Sie war gekommen in dem ganzen Pomp ihres Sammtmantels und der echten Feder auf dem Hut, gewappnet mit kühler Zurückhaltung, aber es waren nur wenige Minuten vergangen, so hatte das gutmüthige und etwas herablassende Lächeln, das ihrem runden Gesicht und den kleinen Augen sonst eigen zu sein pflegte, wieder die Herrschaft gewonnen, und sie legte ihre kleine, fette, fein bekleidete Hand auf die grobe, rothe, knochige der anderen und fing an, vorzubringen, was sie hergeführt hatte. Sie hatte es kalt und von oben herab sagen wollen, denn sie hatte diese Botschaft mit einem inneren Widerwillen übernommen, aber unwillkürlich bekamen ihre Worte einen wohlwollenderen Klang, als sie ihnen hatte geben wollen. Es war nun einmal ihre Natur so.

Es war eine lange Rede, welche sie hielt, weitschweifig und um⸗ ständlich, wie es die Manier der guten Dame war. Der kurze Sinn war dieser: Herr Möller sen., der seit einiger Zeit etwas kränkelte, wünschte sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, theils um seine angegriffene Gefundheit zu kräftigen, theils um den Wünschen seiner Frau und Töchter nachzukommen, welche sich nach einem dauernden Aufenthalt in der großen Stadt sehnten.„Der Bildung wegen,“ wie sich Frau Möller ausdrückte,„denn hier sitzen die Madchen im Winkel, wissen von Gott und der Welt nicht Bescheid und können nicht einmal vom Theater mitreden.“ Frau Möller legte sehr viel Werth auf Bildung, vielleicht in dem dunklen Gefühl, daß dieselbe ihr selbst nur in mangelhaftem Grade zu Theil geworden war, so daß selbst der Sammtmantel und die Straußenfeder die Lücken nicht immer zu decken vermochten.

Johannes, ihr Aeltester, sollte das Geschäft übernehmen, und es war bei der Gelegenheit zur Sprache gekommen, daß es wünschens⸗ werth sein möchte, zugleich eine junge Frau mit passender Mitgift in das alte Haus zu führen.

So weit war Frau Möller gekommen. Jule Paulsen saß„wie auf Nadeln.“

„Schneller! Weiter!“ hätte sie gern gerufen, wenn es sich nur einigermaßen geschickt und mit dem Respekt hätte vereinigen lassen. Was interessirten sie die Leiden des Familienvaters, von denen ihr eine genaue Beschreibung nicht erspart wurde, was die Bildung der Mädchen! Sie wußte, was nun kommen würde, aber es ging so langsam, viel zu langsam nach der weitschweifigen Art der anderen. Und sie durfte nicht einmal unruhig die Hände bewegen, sie mußte harmlos und ruhig lauschend da sitzen, bis es der reichen Frau beliebte, zur Hauptfache zu kommen und sie zu überraschen. Weiter! — weiter!

Kling! da ging die Hausthür. Jule Paulsen that, als über— hoͤrte sie es. Mochte der da draußen warten oder wieder fortgehen, ihr galt es gleich.

„Die Thür geht,“ sagte Frau Möller bedächtig. „Es wird Inge sein.“ 3 Da klopfte es.„Ein Brief,“ sagte der Postbote, durch den Spalt der halb geöffneten Stubenthür etwas hineinreichend. Frau Jule nahm es. Sie wurde blaß und roth. Das war wieder so ein Brief mit vielen Poststempeln und ausländischen Marken, wie jener andere, und er war an Inge adressirt, wie jener. Sie steckte ihn hastig in die Tasche; ihre Knie zitterten. Wie, wenn Inge jetzt zu Hause gewesen wäre, was dann; wenn sie diesen Brief erhalten hätte eben in dem Moment, wo die Mutter den Traum ihres Lebens sich verwirklichen sah, so daß sie ihn mit Händen greifen konnte! Etwas wie Dank gegen Gott, der solches Unheil abgewendet, er* wachte in Jule Paulsen, und nicht der Schatten eines Gedankens kam ihr, daß selbst dieser Dank Sünde wäre. 5 Und dann fuhr die reiche Frau fort, in ihrer ruhigen, lang⸗ samen, umständlichen Weise zu erzählen, wie ihr Johannes den Eltern geantwortet habe, daß er kein Mädchen lieb haben und heirathen könnte als Inge Paulsen vom Hafen, wenn sie ihn nur haben wollte. Wie er gern seinen Eltern in allen Dingen zu Willen sein wollte außer in diesem einen, wenn sie ihre Einwilligung verweigerten. Der stille, schüchterne Mensch, der immer in allem nachgab, hatte das alles so fest, so bestimmt und eindringlich gesagt, daß man wohl hatte merken können, es wäre ihm ernst damit. Natürlich hatte es eine große Scene gegeben. Der Vater hatte gescholten, die Mutter hatte geweint— vergebens. Der stille Johannes war bei dem beharrt, was er gesagt hatte, und nach einer Weile hatte die Mutter es nicht über's Herz bringen können, ihrem Lieblingssohn den Herzenswunsch zu versagen. Wieder nach einer Weile hatte auch der Vater sein widerwilliges Ja gegeben, und wenn man die Zwillinge gefragt hätte, so würden sie von Anfang an nichts einzuwenden gehabt haben; aber sie waren nicht gefragt worden. Der schüchterne Johannes aber, der wohl den Muth gehabt hatte, den Eltern entgegen zu treten, er war zu zaghaft gewesen, mit Inge selbst zu sprechen. Und weil B sagen muß, wer A gesagt hat, hatte sich die Mama dem Sohne zu Liebe selbst aufgemacht, und hier war sie nun und fragte, ob Frau Juliane Paulsen ihrem Sohne Johannes ihre Tochter Inge zur Frau geben wollte. 2 Hätte Frau Möller Inge ein Königreich geboten, sie hätte in diesem Augenblick ihre kleine, rundliche Gestalt nicht erhabener auf. richten können. 0 Jule Paulsen hatte sich diesen Moment in Gedanken so unzählig oft ausgemalt, sie hatte sich so oft vorgesprochen, was sie sagen wollte, wenn einmal eine solche Frage an sie gestellt würde, daß man hätte denken sollen, sie hätte einen Schwall von beredten Worten über die erwünschte Brautwerberin ergossen. Aber nichts dergleichen geschah. Nicht ein Wort von allen denen, die sie sich ausgedacht halte, fiel ihr ein. Das, was sie seit einer halben Stunde so un⸗ geduldig von den Lippen der anderen zu lesen gesucht hatte, über- wältigte sie dennoch so, daß sie stumm dasaß. 1 Nun war es gekommen, das Glück— das Glück— das Gluck, 0 um das sie gebetet und gestrebt hatte für ihre Inge. Nun sollte 9 sie sie sehen im Brautkranz und Seidenkleid, nun konnte das Kind den schönen Kopf hoch tragen unter den Leuten. Sie griff in die Tasche nach dem Taschentuch; die Augen waren ihr naß geworden. Aber hastig zog sie die Hand zurück, denn sie hatte etwas Hartes und Glattes berührt, Peter Ohlsen's Brief an Inge, den er in der Bekümmerniß seines Herzens und in der Unruhe über das Aus⸗ bleiben einer Antwort mochte abgesandt haben. Thorheit— sie

wollte nicht mehr daran denken. Dann fand sie auch die Worte wieder, die ihr passend schienen,

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Worte von Ehre und Freude für die alten Tage, von Glück für ihr Kind, und was sie sagte, meinte sie. Die andere hörte sie herab

lassend an. Wenn denn diese Heirath einmal durchaus sein sollte, so war es ja wenigstens gut, wenn Jule Paulsen ihre Stellung richtig auffaßte, meinte sie bei sich. Verkehr brauchte die Familie außer Johannes selbst ja zum Glück später nicht weiter mit 1 haben. Und dann stand sie auf und verließ das Haus um geringes weniger pompös, als sie es betreten hatte, da sie auf neue Schwiegertochter nicht warten wollte. Es war ihr gar eingefallen, daß das Mädchen möglicherweise Nein sagen könnte. Dazu war sie auf ihre Art von der Größe des Gebotenen zu fest überzeugt.

An der Thur gab

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c. die reiche Frau der neuen Verwandten