Oberhessischen
zu den
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Gießen, den 4.
Huchrichten.
„September. ee
Inge folgte ihr nicht. Sie saß still auf der Bank und sah in das goldene Abendroth hinein, das sich weit über das schimmernde Gewölk am Himmel ergoß, so wie das Abendroth eben nur an der Meeresküste ist. Sie schloß und öffnete ein paarmal die Augen schnell, und um die weichen Lippen legte sich ein Zug von Pein. Es war ja nicht wahr, was die Mutter von den Seeleuten sagte, es gab ja unter ihnen eben so viele treue und ehrliche, wie überall, sie wußte es ganz bestimmt; aber sonderbar war es doch, daß Peter Ohlsen nun schon monatelang nichts mehr von sich hatte hören lassen.
Und wieder blickte sie in den Abendschein hinein, der langsam verglomm.
Spät, als Inge schon schlief, stand Jule Paulsen in der Küche am Feuerheerd. Bei dem flackernden Schein der trüben, kleinen Küchenlampe erbrach sie den Brief, der für Inge gekommen war, und las ihn. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, wo auch für Frau Jule solche weitgereisten Briefe mit ausländischen Marken gekommen waren, und sie hatte dieselben damals mit Thränen und mit Herzklopfen gelesen. Weit, weit lagen jene Tage nun zurück, und doch überkam es sie wunderlich, als sie nun die einfachen, guten Worte von Liebe und Treue las, die so lange hatten reisen müssen, um zu einem anderen Herzen zu sprechen, und die dies Herz nie vernehmen sollte. Sie zögerte. Durfte sie auch thun, was sie thun wollte? Würde das Kind sie nicht eines Tages anklagen? Das Kind, das so viele Jahre hindurch allein ihre Gedanken ausgefüllt hatte, für das sie gestrebt hatte und gesorgt, ja gehungert, in ihrer eitlen, thörichten Weise.
Aber dann blickte sie umher in dem kümmerlichen Raum, der sie umgab. Sie sah die ärmlich getünchten Wände, die trüben kleinen Fenster, das grobe Geschirr, überall nur das Nothwendige, und dies Nothwendige nicht schön; sie sah ihre eigenen, arbeits— harten Hände. O, für sie war ja das alles gut genug gewesen und würde es auch in Zukunft sein, aber für ihre Inge, ihr schönes, feines, vornehmes Kind? Wer bürgte ihr dafür, daß es ihr nicht erging, wie der Mutter, daß nicht das tückische Meer auch ihr den Ernährer verschlingen würde, und was sollte aus Inge werden, wenn sie arm war? Sie verstand sich ja nicht darauf, arm zu sein, es paßte nicht zu ihr.
Und Jule Paulsen hielt den Brief an den Docht der Küchen⸗ lampe und sah zu, wie ihn die flackernde Flamme schnell und gierig auffraß bis auf den letzten Rest. Sie trug die Papierasche fort,
daß Inge sie nicht finden möchte, und als sie sich endlich auch zur Ruhe legte, da war jene Empfindung, als beginge sie ein Unrecht, iin ihr erloschen.„Ich will nur ihr Glück,“ sagte sie sich, betete ihr Vaterunser und schlief sofort ein. 8 5 Und dann verging wieder eine lange Weile, viele Wochen. Jule
Inge Baulsen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.)
Paulsen sah, daß über ihr schönes Kind eine fieberhafte Stimmung kam, daß das feine Gesichtchen schmaler wurde, und daß Inge un— ruhig am Fenster zu warten schien, bis der Postbote auf seinem zweimaligen täglichen Rundgang vorüberkam; wie sie leise in sich hineinseufzte, wenn er auch diesmal vorüber ging, ohne etwas zu bringen; wie sie auf den Flur hinaus ihm entgegen lief, wenn er wirklich durch die Hausthür eintrat, was selten genug geschah, und wie sie dann enttäuscht zurückkehrte, wenn er nur irgend eine gleich—
gültige Nachricht für die Mutter gebracht hatte. Jule Paulsen sah
dies alles; sie sagte nichts, und sie brauchte nicht zu fragen, aber wenn in dieser Zeit wieder ein Brief mit ausländischen Marken eingetroffen wäre, sie hätte es nicht über das Herz gebracht, ihn Inge vorzuenthalten. Aber es kam kein solcher Brief, und nach und nach schien Inge das Warten aufzugeben.
Sie stand nicht mehr zur Postzeit harrend am Fenster, das Roth kehrte in ihre Wangen zurück; sie suchte etwas darin, sich besonders zierlich zu kleiden, nachdem sie eine Weile ihren Anzug beinahe ver⸗ nachlässigt hatte; sie ging sehr viel in die Stadt und sie lachte sehr viel, weit mehr, als sie seit Jahren gethan hatte. Zuerst war's ein hastiges, gezwungenes Lachen gewesen, aber nach und nach kam etwas von dem alten, silbernen, leichtherzigen Ton zurück. Dabei hatte sie sich neuerdings eine Art angewöhnt, den blonden Kopf mit einer kurzen, trotzigen Bewegung in den Nacken zu werfen, die jedem anderen Mädchen schlecht gestanden haben würde. Nur eines wollte nicht gelingen: das helle, sorglose Singen von ehemals. Früher hatte sie gesungen, wo sie ging und stand. Es war, als gehörte es zu ihr, wie der Sonnenschein zum Frühling gehört. Das war nun so allgemach verstummt. Und noch eines hatte sie sich abgewöhnt: sie lief nie mehr, wie sonst wohl, auf dem Deich ent⸗ lang, von wo man so weit über das Meer sehen konnte.
„Nun hat sie es überwunden,“ sagte sich Jule Paulsen mit
Genugthuung. Sie hatte es ja immer gewußt, daß sie eine kluge Frau wäre, und daß es alles so kommen müßte, wie es nun ein⸗ getroffen war, wenn es nur schlau und fein eingefädelt würde. Für ihr Leben gern hätte sie das Kind ein einzigesmal in das reiche Kaufmannshaus begleitet, nur ein einzigesmal, um zu sehen, ob sich ihre geheimen, kühnen Pläne und Wuͤnsche verwirklichen würden. Jule Paulsen war schlau, und sie traute sich zu, die Sach⸗ lage auf einen Blick durchschauen zu können.
Inge direkt zu fragen, wagte sie nicht. Sie hatte einen sonder⸗ baren Respekt vor den hellen, blauen Augen, die sie bei solchen Fragen so kühl und abweisend ansehen konnten, daß es sie verwirrte, und verblümte Anspielungen schien Inge nicht zu verstehen. Dies Mädchen mit dem süßen, offenen Kinderantlitz hatte in ihrer Seele einen Winkel, in den sie Niemanden hineinblicken ließ. In jenem


