Ausgabe 
3.7.1887
 
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mit leiserer Stimme. Hause ist ohne Dich.

Wirklich? Wer es glauben dürfte! Ein wenig lächelnd, ein wenig gefallsüchtig und ganz entschieden geschmeichelt sah sie, den Kopf auf die Seite geneigt, zu ihm empor, als er aber, durch ihr Benehmen ermuthigt, sie näher an sich ziehen wollte, entschlüpfte sie ihm mit Gewandtheit wieder.Du einfältiger Jan, sagte sie, vergißt wohl ganz und gar, wo wir sind, und daß ich von Rechts- wegen gar nicht hier stehen und mit Dir schwatzen dürfte.

Und bist doch gekommen, mich zu sehen? fragte er, und wäh rend er die Augen fast ganz zusammenkniff, zog sich sein Mund zu einem behaglichen Lachen in die Breite.

Bilde Dir das nur um Gotteswillen nicht ein. Ich war aus⸗ geschickt, und weil ich gerade hier des Weges kam, bin ich einen Augenblick bei der Mutter gewesen. Als ich da hier vorüber mußte, sah ich Dich so ganz zufällig hier zwischen den Netzen hantiren.

Wirklich ganz zufällig! Ist das auch wahr, Stinchen? Sein Gesicht glänzte ordentlich vor innerer Glückseligkeit bei der Frage, und das liebe frische Gesicht mit den lachenden Augen war ihm zu nahe Jan konnte nicht widerstehen. Bevor das Mädchen sich dessen versah, hielt er es wieder in seinem Arm.Wenn es ein Zu fall war, so konnte es kein glücklicherer sein, begann er von neuem, denn ich habe Dir viel zu sagen, Stinchen, ich muß Dich durch aus in Ruhe sprechen.

Mußt Du? Ei, Jan, was Du sagst, und sie zupfte ihm dabei das von der Sonne dunkelroth gewordene Ohrläppchen.

Für den Fischer war das ohne Zweifel eine sehr wohlthuende Berührung; aber die Zeit drängte.Uebermorgen ist Sonntag, fuhr er daher eilend fort,sage mir, Stinchen, wo ich Dich wäh⸗ rend desselben ungestört treffen kann. Du mußt hören, was alles mir auf dem Herzen liegt.

Und ich habe gar keine Zeit, keinen Augenblick, neckte sie ihn. Die fremden Damen wissen nicht, wie sie sich bedienen lassen wollen, und da unsere Frau fast immer im Laden zu thun hat, fällt die ganze Arbeit auf mich. N

Fan wurde beinahe ungeduldig.Einmal mußt Du doch fort können, und wäre es nur auf eine halbe Stunde, drängte er.Sei nur diesmal vernünftig, Stinchen, ich bitte Dich so sehr darum.

In den ehrlichen, ängstlich flehend auf sie gerichteten Augen lag doch wohl eine Gewalt, die des Mädchens muthwilliges kleines Herz erweichte.

Vielleicht, laß' mich sehen, sagte sie mit anscheinend ernster Miene, der aber die muntern Augen durchaus widersprachen,viel⸗ leicht läßt es sich einrichten, daß ich so um sechs am Sonntag Nach⸗ mittag ein wenig spazieren gehe, den Strand entlang unter der hohen Klippe hinter Elisenbad. Sie blinzelte ihn dabei, wie um die Wirkung ihrer Worte zu prüfen, von der Seite an, gerade aber, als er mit einem dumpfen Freudenlaut sie kräftig umarmen wollte, schrie sie plötzlich leise auf:Himmel, Vater kommt! und rasch, geschmeidig wie eine Eidechse, schlüpfte sie zwischen den Netzen durch und verschwand hinter den Pappeln des Promenadenweges.

Jan war noch ganz verdutzt, als in der That Peter Geerts, einen Korb mit Schollen in der Hand, wie aus dem Boden ge⸗ wachsen vor ihm stand.Was bedeutet das? fragte jener streng. Da liegt das Netz am Boden und ich glaubte, Du müßtest längst mit dem Aufhängen fertig sein. Das Boot muß in Stand gesetzt werden; in einer halben Stunde schon wollen zwei Herren segeln; mach' also geschwind, daß Du aus der Stelle kommst.

Argwöhnisch sah der Mann umher und dann wieder auf Jan, dessen eigenthümliche Verlegenheit ihm unmöglich entgehen konnte. Da aber nirgends etwas Verdächtiges zu erspähen war, der Ge⸗ scholtene auch ohne Widerrede auf's neue an die Arbeit ging, setzte Stinchen's Vater endlich seinen Weg nach dem Häuschen mit den grünen Fensterladen fort, sah sich aber noch einige Male nachdenk⸗ lich um.

Wenn Du wüßtest, wie langweilig es im

I Das Wetter wurde im Laufe des Tages noch rauher, und in der folgenden Nacht stürmte es so heftig, daß die Wellen tosend gegen den Strand schlugen, daß die Badekarren am Morgen nicht in's Wasser gelassen werden durften und überhaupt an Baden nicht zu denken war. Die fremden Gäste glichen einer verschüchterten

Heerde und mit Ausnahme der Muthigeren, die an dem Anblick der tobenden See ihre Freude hatten, zog sich die Mehrzahl in den wärmsten Winkel ihrer Wohnung zurück.

Frau Helmich aus Hamburg, die Mutter des jungen Max, war

unter ihnen allen wahrscheinlich die einzige, die das böse Wetter mit

Genugthuung begrüßte, hatte doch ihr Sohn selbst einräumen müssen, daß dabei an ein Hinausfahren seinerseits mit den Fischern nicht zu denken sei.

Die Dame, die in einem freundlichen und ruhigen Nebenhäuschen des großen und geschmackvollenHötel Hansen Wohnung genommen hatte, hegte für ihre Person selbst einen lebhaft ausgeprägten Wider⸗ willen gegen die See. Sie hätte weit lieber Erholung vom Meere weit entfernt, im Gebirge, suchen mögen; aber ihrem einzigen Kinde, ihrem Liebling Max, brachte sie das Opfer, gegen ihre Neigung in Neudorf sich aufzuhalten. Nach dem Tode ihres Gatten war er Alles, an dem auf der Welt ihr Herz hing, und sie hatte seinet⸗ wegen während des letzten Winters und Frühlings peinigende Sorge ausgestanden. Er war so rasch gewachsen, daß sein Zustand in der That bedenklich erschien, und der Arzt hatte gebieterisch einen Aufent⸗ halt an der See für ihn verlangt. Der Erfolg gab ihm Recht. Von Tage zu Tage erholte sich der Knabe zusehends und aus Freude darüber würde die sorgsame Mutter gern einen ihr noch weniger zusagenden Aufenthalt ertragen haben, hätte nicht Max mit seiner Vorliebe für das trügerische Element sie täglich mehr geängstigt. Schon vor seiner Reise nach Neudorf hatte er sich durch Lektüre von allerlei Seegeschichten für das Leben auf dem Meere begeistert, und seit er dasselbe nun wirklich kennen gelernt, redete er von nichts anderem mehr, als von seinem unwandelbaren Entschlusse, Seemann zu werden. Er trieb sich während des ganzen Tages am Strande umher, knüpfte mit allen Fischern Bekanntschaft an und ging mit Wonne darauf ein, als Peter Geerts, der an dem freundlichen, leb⸗ haften Knaben und seiner Vorliebe für das Wasser Gefallen hatte, ihm anbot, in der Morgenfrühe mit ihm auf den Fang hinaus⸗ zufahren. f

Frau Helmich befand sich nunmehr in einer verzweifelten Lage. Zu schwach gegen den einzigen Sohn, ihm das Vergnügen zu stören, erfüllte doch sein wagehalsiges Thun und Treiben sie mit über⸗ triebener Sorge. Außerdem sah sie mit Entsetzen seine Vorliebe für den Seemannsstand sich befestigen. Sie fürchtete, ihr ganzes Lebensglück an dieser Neigung des Knaben scheitern zu sehen. Der Gedanke, vielleicht den Augenblick erleben zu müssen, indem er sie verlassen würde, um fern von ihr unter rohen Gefährten und tausend Gefahren auf wildem Meere umher zu schwimmen, verfolgte sie wie ein Schreckgespenst. Einen Tag drängte es sie, mit ihm abzureisen und der gefährlichen Nähe zu entfliehen, während am nächsten der Gedanke, daß sie seine heilsame Kur nicht unterbrechen dürfe, wieder ihre Thatkraft lähmte. Vergebens suchten verständige Leute sie durch die Bemerkung zu beruhigen, daß ein augenblicklicher Einfall des verwöhnten Knaben noch lange kein unumstößlicher Entschluß sei, daß bis zu einer ernst gemeinten Berufswahl seinerseits noch mancher Tag vergehen werde. Frau Helmich ließ sich nicht trösten und ver⸗ zehrte sich in schwarzer Furcht vor der Zukunft.

Auch an jenem Sturmtage, der sie selbst in ihr Zimmer bannte, vermochte sie es nicht, den Knaben an ihrer Seite festzuhalten. Das erste Nachlassen des Regens veranlaßte ihn zu der Behauptung, daß jetzt das Wetter wieder schön sei und er hinaus an den Strand müsse. Fort stürmte er ohne Ahnung, in wie erregter Stimmung er seine Mutter zurückließ. Die Wände des wohnlich ausgestatteten Zimmers wurden ihr plötzlich zu eng; das Buch, in welchem sie gelesen, vermochte nicht mehr, sie zu fesseln. Ruhelos wanderte sie umher, und als auch ihr der Sturm etwas nachzulassen schien, hüllte sie sich in ihren Regenmantel und suchte gleichfalls das Freie. Als sie hinaus auf die Promenade kam, machte sich wirklich etwas mehr Ruhe in der Natur bemerkbar, und man vermochte den wunder⸗ vollen Anblick der noch immer gleich heftig erregten See ungestört zu genießen. Für die Mutter Max Helmich's war freilich das groß⸗ artige Schauspiel kein erfreuliches. Sie sah in der wild schäumen⸗ den, brausenden Fluth die Feindin, welche sie ihres Friedens beraubte und wendete mißgestimmt ihre Blicke davon ab. Sie ließ dieselben immer unruhiger suchend umherschweifen, bis sie endlich ihres Max ansichtig wurde. Nahe dem Strande, wo fast das Wasser um seine Füße spritzte, stand er neben Jan, der emsig beschäftigt war, die Sicherheit der Taue, an denen mehrere Böte befestigt waren, zu