Ausgabe 
3.7.1887
 
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Der alte Mann, der lange unverwandt auf einen fernen Punkt, an welchem grau in grau Wasser und Horizont sich zu vermischen schienen, hinausgeblickt hatte, sagte ruhig:Eine kleine halbe Stunde wohl. Peters Boot ist immer das Erste, und dort ganz hinten kann ich sein Segel schon unterscheiden. g

Die Dame, einen leisen Freudenruf ausstoßend, bemühte sich ebenfalls, in der angedeuteten Richtung hinaus zu spähen, aber:Ich sehe nichts, gar nichts, gestand sie nach längerem Bemühen sehr enttäuscht.

Das glaube ich wohl, bemerkte der Alte, mit seinem lustigen Augenzwinkern sie abermals von oben bis unten betrachtend, und dann meinte er wohlwollend:Wenn Madame denn doch selbst das Boot erwarten wollen, sollten Sie so lange nach unserem Hause gehen. Er deutete dabei auf ein kleines, schmuckes Häuschen mit grünen Fensterläden, das an jener Seite des Promenadenweges am Deich gelegen war.Es ist ein wenig naß hier, fügte er, auf ihre Schuhe zeigend, nicht ohne gutmüthigen Spott hinzu.

Ich danke Ihnen, erwiderte die Dame ablehnend,Sie sind sehr freundlich; aber ich werde mich so lange hier in die Hütte setzen, wo ich gegen die Nässe vollkommen geschützt bin.

Sie nickte dabei dem Alten zu und begab sich wirklich in eine der kleinen Strohhütten, wie sie mit drei geschlossenen Wänden und nur an der Wasserseite offen längs des ganzen Strandes errichtet waren, um den Badegästen auch bei unruhigem Wetter einen Aufent⸗ halt nahe der See zu ermöglichen. Mit geduldigem Ergeben in's Unvermeidliche starrte sie unverwandt auf die mit jeder Minute un⸗ ruhiger wogende Fläche hinaus; aber der alte Fischer hatte Recht, es dauerte nicht gar lange, bis auch ihren ungeübten Blicken das erste Boot der herannahenden kleinen Fischerflotte sichtbar wurde. Zur Beruhigung diente ihr freilich auch der Anblick noch nicht. Durch das vom Winde straff gefüllte Segel tief nach der einen Seite nieder⸗ gedrückt, schoß das kleine Fahrzeug so rasch durch die aufschäumen⸗ den Wellen, daß das zagende Mutterherz in jedem Augenblick zitternd wähnte, es darin verschwinden zu sehen. Die Dame stand, von Unruhe getrieben, schon längst wieder an der Seite des alten Fischers, der, ganz im Gegensatz zu ihr, mit sichtbarem Behagen seine Blicke auf das heranschießende Boot heftete.

Ganz vorn in demselben stand ein beinahe erwachsener Knabe. Das blühende, vom Winde frisch geröthete Antlitz, umflattert von blondem Haar, schaute er mit seinen in Freude und Lebenslust funkelnden Augen lustig und kühn in die Welt hinaus; übrigens gewährte seine Figur einen Anblick komisch genug für den Zuschauer, denn, während den feinen Kopf ein kleines, schwarzes Filzhütchen bedeckte, steckte sein übriger Körper in einer ungeheueren dunklen Friesjacke, welche die gutmüthigen Fischer ihm sorgfältig um die Schultern gelegt hatten.

Sowie das Fahrzeug an den weit in's Wasser hinausragenden Steg anlegte, sprang der Knabe, die unförmliche Hülle von dem schlanken Körper abstreifend, auf den Steg. Er hatte seine Mutter erblickt und mit einem erstaunten:Aber Mama, warum stehst Du hier im Regen? eilte er auf diese zu.

Sie ergriff seine Hand, sie blickte ihm in das blühende Antlitz und ein heller Freudenschimmer flog auch über ihr blasses Gesicht. Gott sei Dank, Max, ich habe Dich wieder, gesund und unver⸗ letzt! Aus tiefstem Herzen kam ihr der Ausruf, und dann fügte sie leise hinzu:Ich habe mich bei dem Wetter furchtbar um Dich geängstigt.

Der Knabe sah sie mit aufrichtigem Erstaunen an.Geängstigt? wiederholte er,aber Mama, es war himmlisch! Morgen fahre ich wieder mit.

Nein, Max; sie suchte ihn mit sich fortzuziehen,nein, das thust Du nicht. Ich bin nicht im Stande, diese Aufregung wieder zu ertragen.

Max lachte.O, Mama, wie soll das werden, sagte er, wenn ich erst Seemann und weit fort auf dem Meere bin! Du mußt Dich wirklich mit dem Gedanken mehr vertraut machen. Aber bitte, einen Augenblick warte noch.

Er sprang wieder nach dem Boote zurück.Hier, Jan, laß' Dir einen Seidel geben und trinke auf mein Wohl und darauf, daß ich ein tüchtiger Seemann werde. Mit diesen Worten drückte er dem Manne, der noch mit Befestigung des Fahrzeuges beschäftigt war, einige Münzen in die Hand und dann, indem er seinen Hut um den Kopf schwenkte, rief er auch dem Eigenthümer des Fahr⸗

zeuges einen Abschiedsgruß zu.

früh zur rechten Zeit bin ich wieder da; und fort eilte er, seiner

Mutter nach, die schon mit einiger Ungeduld auf ihn wartete. Peter Geerts, der des Knaben Gruß mit gleicher Vertraulichkeit

erwidert hatte, wurde, allgemach mit dem Einreffen der Segel fertig,

ebenfalls auf dem Stege sichtbar. Er war ein Mann in den besten Jahren noch, sehr groß, und Dank seines schönen, dunkeln Bartes und seiner klugblickenden Augen, auch sehr stattlich. Unter den Badegästen war er eine bekannte und sehr beliebte Persönlichkeit. Bei allen Segelpartien, die zur Abwechselung und zum Vergnügen unternommen wurden, wollte jedermann mit Peter Geerts fahren. Sein Ruf, daß man mit ihm am schnellsten und sichersten segele, war, mochte es denn mit Recht oder Unrecht sein, fest begründet. Sein Fahrzeug erschien als das sauberste und als das am besten gedichtete, und erst wenn Peter Geerts nicht mehr zu haben war, sahen die Leute sich nach anderen Bootsinhabern um.

Als der Mann den Strand betrat, hatte sich die Scene an dem⸗ selben merklich geändert. Frauen mit Körben, Männer mit kleinen Handwagen, die auf den Fang warteten, neugierige Kinder und ebenso neugierige, dem stärkeren Geschlechte angehörende Mitglieder der Badegesellschaft hatten sich eingefunden. Ein Fischerboot nach dem andern schoß heran und bald war der Handel um die zappeln⸗ den, ihrer kühlen Tiefe so unbarmherzig entrissenen Thierchen in vollem Gange.

Während Peter Geerts noch die gefangenen Fische verkaufte, schleppte sein Maat, Jan, bereits die schweren Netze den Deich hinan, um sie auf starken Pfählen zum Trocknen sorgfältig auszubreiten. Ganz im Gegensatz zu seinem Herrn war der etwa fünfundzwanzig⸗ jährige Bursche von mittler Größe, breit und untersetzt gebaut, hatte auch ein fast bartloses, kugelrundes Gesicht. Daß letzteres von Wind und Wetter dunkelroth gefärbt, seine Brauen und Wimpern dagegen schneeweiß abgebleicht waren, möchte ihm leicht ein etwas komisches Ansehen gegeben haben, hätten nicht seine zwei hellblauen, unendlich gutmüthig in die Welt schauenden Augen alles wieder gut gemacht. Jan sein eigentlicher Name lautete Johann Bartels, aber bekannt war er nur als Jan war bei den Fremden fast ebenso beliebt als sein Herr, und niemand unter ihnen konnte sich den Einen vorstellen ohne des Andern Hülfe.

Jan hing also seine Netze auf und zwar so eifrig, daß er sich um die ganze übrige Welt nicht kümmerte, so ganz und gar nicht, daß es selbst seinen scharfen Seemannsohren entging, wie leise Schritte schleichend herannahten; erst als plötzlich von hinten ein Paar kleine, derbe Hände sich vor seine Augen legten, fuhr er zusammen, daß die Netze seiner Hand entglitten. Vor seinen kraftvollen Bemühungen, sich zu befreien, mußten freilich die ihn fesselnden Hände nieder⸗ sinken, und als Jan sich umdrehte, stand er einer jungen Dame im schmucklosen, dunklen Wollenkleide, wie die Fischermädchen in Neu- dorf sie trugen, gegenüber.

Die Hände in ihre Seite stemmend, lachte sie so herzlich, mit einem so frischen Klang in der Stimme, daß ihre Heiterkeit un widerstehlich ansteckend wirkte. Auch Jan lachte; aber der Ton kam in eigenthümlich dumpfen Lauten aus der Tiefe seiner Brust her⸗ vor, so daß man hinsichtlich ihrer Bedeutung hätte Zweifel hegen dürfen, wäre nicht zu gleicher Zeit über sein ehrliches Gesicht ein wahrer Sonnenglanz aufgegangen, und hätten nicht seine sich öffnen den Lippen zwei Reihen starker gesunder Zähne sehen lassen.

Stinchen! rief er, schritt auf die Dirne zu und versuchte mit seiner breiten Hand die ihrige zu erfassen.Stinchen, das freut' mich aber.

Halt, Freund Jan! Sie sprang noch immer lachend zurück, hielt sich aber dabei so geschickt zwischen den Netzen verborgen, daß man sie weder von dem Promenadenwege, noch vom Strande aus bemerkte.Bleibe nur hübsch bei Deiner Arbeit, fügte sie dann gedämpften Tones und mit drohend erhobenem Finger hinzu,und wenn Du es ändern kannst, schrei nicht so laut, daß die Leute stehen bleiben und sich nach uns umsehen.

Sie blickte ihn dabei mit vor Vergnügen und Lebenslust blitzen⸗ den Augen neckend und herausfordernd an, so daß dem armen Jan ganz wunderlich um's Herz wurde. Er ließ tretz ihrer Mahnung seine Netze, wo sie eben waren, und es gelang ihm nun doch, das Mädchen zu erfassen und mit seinem starken Arm ihre schlanke Gestalt zu umfangen.Ich habe Dich zu lange nicht gesehen,

Stinchen, begann er wieder und diesmal nach ihrem Wunsch wirklich l

Auf Wiedersehen! Geerts; morgen 0