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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Ur. 27.
Gießen, den 3. Juli.
1897.
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Gogleich im Kalender der fünfundzwanzigste Juli verzeichnet stand, war das Wetter nichts weniger als angenehm, und hatte die Sonne gleich, in der Morgenfrühe scheinend, einen guten Tag versprochen, so sollte sich doch die Hoffnung auf einen solchen gegen neun Uhr schon als trügerisch erweisen. Ihrer seit Wochen beliebten Gewohn— heit, nach flüchtigem Hervorschauen sich hinter dicke grauschwarze Wolken gänzlich wieder zu verstecken, blieb die Sonne auch diesmal getreu, und das war eine sehr betrübende Thatsache für die vielen Badegäste, die in dem kleinen Seebade Neudorf an der Ostsee zeit⸗ weilig ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Eigentlich war Neudorf ein am Strande der sich in's holsteinische Land tief hinein erstrecken⸗ den Bucht gelegenes Fischerdorf. Als in dem eine Stunde entfernten größeren Badeorte aber das Leben mit jedem Jahre städtischer und theuerer geworden war, hatten einige wirklich nur nach Erholung und frischer Luft seufzende Stadtbewohner zuerst den guten Einfall gehabt, sich aus dem Gewühl hinaus in die Einsamkeit des, wenn auch wenig Bequemlichkeiten darbietenden, doch reinlichen Fischer⸗ dorfes zu flüchten. Dem Beispiele waren immer mehr verständige Leute nachgefolgt, und jetzt nach vielleicht dreißig Jahren hatte das ehemals so einfache Dorf bereits mehrere große Hotels aufzuweisen; jeder irgend wohlhabende Einwohner hielt für die Sommergäste seine besten Zimmer in Bereitschaft, und Neudorf erfreute sich als Seebad eines ausgezeichneten Rufes. Daß es bis auf den letzten Platz, bis an das bescheidenste Dachkämmerchen hinauf auch jetzt von Fremden angefüllt war, davon ließ sich an dem vorerwähnten Julimorgen freilich nicht allzu viel bemerken. Der Strand zeigte sich fast verödet, welche Thatsache in Anbetracht des rauhen, einen feinen dichten Regen mit sich führenden Windes nicht zu verwundern war. Das den Wolken gleiche eintönige Grau der Wasserfläche wurde nur durch hin- und wieder auftauchende weiße Schaumkämme der Wellen unterbrochen, und mit dumpfem Brausen warf die See ihre Wogen gegen den eine lang ausgedehnte weiße Sandfläche bildenden Strand. Außer den in Regenmäntel eingehüllten Gestalten, die, um der täglichen Pflicht zu genügen, nach den Badekarren hinunter⸗ eilten, außer Männern und Knaben, die uneingeschüchtert durch das Wetter auf der zwischen dem Ort und dem Strande endlos fort— laufenden einzigen Promenade sich umhertrieben, sah man weiter gegen das Wasser hin keine Spaziergänger außer einer Dame.
Sie ebenfalls hatte sich in ihren Regenmantel dicht eingehüllt, und ihr feines wohlwollendes, auf die mittleren Lebensjahre hin⸗ deutendes Antlitz war unter dem es dicht überschattenden Regen⸗ schirm fast ganz verborgen. Gezwungen, das festere, jeden Augen⸗ blick von den Wellen überfluthete Ufer zu meiden, arbeitete sie sich mit unverdrossener Beharrlichkeit durch den lockeren Sand, in welchen ihre mit zierlichen Lederstiefeln bekleideten Füße nicht selten bis über
Jan, der Jischer.
Erzählung von Emilie Tegtmeyer.
die Knöchel versanken. Mitunter hielt sie die Schritte an und spähte, ihre Augen mit der Hand gegen den Wind schützend, ängstlich suchend über die bewegte Fläche der See hinaus.
„Noch immer nichts!“ Der Gedanke, verbunden mit einem lebhaften Ausdruck von Enttäuschung, prägte sich deutlich sichtbar in ihren angenehmen Zügen aus, und weiter strebte sie dann auf ihrem mühsamen Gange, bis sie, ziemlich weit schon von dem eleganteren Theile des Ortes entfernt, den Platz erreichte, auf dem die Fischerböte vom Fang zurückkehrend anlegten.
Einen alten Mann fand sie hier, in dem sein Anzug und sein wetterhartes Gesicht ohne Mühe einen wahrscheinlich in den Ruhe— stand getretenen Fischer erkennen ließ. Er faßte grüßend an den Hut, als die Dame herantrat. Sein Blick überflog verwundert die zarte Gestalt und blieb zuletzt mit einer Art von geringschätzendem Mitleid an ihrer für Wetter und Ort viel zu leichten Fußbedeckung haften. Eine Bemerkung in Worten gestattete er sich indessen nicht und schaute alsbald schweigend wieder auf die See, die ihn ersicht— lich weit mehr interessirte, hinaus.
Die Dame zögerte einen Augenblick, dann näherte sie sich dem Alten und fragte:„Was glauben Sie? Sollten wohl die Fischer bald zurückkehren?“.
Er sah sie groß an und nach einer Weile nickte er bejahend, ohne sonst etwas zu erwidern.
„Ich meine besonders den Fischer Peter Geerts; kennen Sie ihn?“ fragte die Dame wieder, und diesmal machte der Alte ein ungeheuer erstauntes Gesicht. Der Zweifel an seiner Bekanntschaft mit dem Fischer Geerts schien ihm belustigend. Er lachte, daß er den Pfeifenstummel, den er rauchte, aus dem Munde nehmen mußte und daß sein ganzer Körper davon in Erschütterung gerieth, dann erst, nachdem er sich einigermaßen wieder gefaßt, antwortete er in gutem ehrlichem Plattdeutsch:„Das ist mein Schwiegersohn!“
Ein„Ah“ entschlüpfte den Lippen der Dame, und als habe sich mit der Erklärung des alten Fischers zwischen ihm und ihr eine Art von Zusammengehörigkeit herausgestellt, trat sie noch näher an dessen Seite.„Mein Sohn ist mit Geerts hinausgefahren,“ be— gann sie wieder,„und ich ängstige mich entsetzlich, daß ihm bei dem schlechten Wetter ein Unglück zustoßen könne.“
Unter den grauen, buschigen Augenbrauen des Alten hervor blitzte ein lustiges Augenzwinkern.„Machen Madame sich darum nur keine Sorge,“ sagte er,„das Wetter ist sehr schön, gerade wie es sein muß.“ Und er schien sich in der That in dem ungestümen Winde, der rücksichtslos sein langes graues Haar zerzauste, über die Maßen behaglich zu fühlen.„Madame können ruhig nach Hause gehen, der junge Herr wird schon wohlbehalten wiederkommen!“
„Ich möchte doch lieber warten,“ entgegnete die besorgte Mutter. „Wie lange glauben Sie, daß er noch ausbleiben wird?“
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