Ausgabe 
3.4.1887
 
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müssen hinein in den Wagen gelegt werden; es wird kühl, und ich muß den alten Herrn doch wohlbehalten hierher bringen.

Leichtfüßig, von dem halblangen Kleide in keiner Bewegung gehindert, sprang sie herab und trat in demselben Augenblick vor die Großmutter, eifrig bemüht, dem großen, ziemlich verbogenen Gartenhut eine elegantere Form zu geben.

So, das wird gehen, meinte sie, unter dem groben Geflecht mit ihrem bräunlich angehauchten Gesicht sich ungeduldig vom Spiegel abwendend,ganz gerade wird er doch nicht mehr, und ich mache ja auch in ihm keine Visitenfahrt. Nun noch die Decken und ich bin fertig.

Aber die Handschuhe, Kind, vergißt Du denn immer, was sich für ein erwachsenes Mädchen schickt? Ich habe, Gott sei's geklagt, Dir leider mehr Freiheit lassen müssen, als ich je gewollt; wild wie

eine Haideblume bist Du aufgewachsen, hast Phantasie und Muth⸗ willen niemals zügeln dürfen. Du warst ein Kind, dem man es leicht vergab. Doch nun hört die Wildheit auf, und der Ernst beginnt. Fränzchen, Du weißt, ich bat Dich oft, den Schullehrer nicht durch leichtsinnige Possen zu betrüben. Er kennt Dich lange, hat in der Schule stets gütige Langmuth Dir bewiesen, und außer mir meint es auf der weiten Welt Niemand so gut mit Dir, wie er.

Fränzchen's frische Lippen verzogen sich lachend.Ach, Groß⸗ mutter, er sah gar zu lächerlich aus, als er sich gestern den Hut aufsetzte und ihm die Papierschnitzel, die ich heimlich hineingelegt, über Kopf und Schulter fielen.

Und was that er? fragte die Großwutter ernst.

Fränzchen wurde roth und verlegen.Er bat, daß Du mir nicht zürnen solltest, rief sie, der alten Frau um den Hals fallend.Und nicht wahr, trotz aller meiner Dummheiten hast Du mich doch lieb.

Es war ein unbeschreiblicher Strahl von Liebe, der aus den alten Augen brach und auf dem jungen Gesicht vor ihr haften

blieb.Ich will ja nur Dein Bestes, Du allein von uns Allen sollst glücklich werden, flüsterte sie, und dann, als schäme sie sich der Rührung, machte sie sich aus den Armen der Enkelin frei.

Diese erhaschte noch in aller Eile einen Versöhnungskuß und sprang lachend zur Thür hinaus.

Die alte Frau blieb sinnend am Fenster stehen. Das flammende Abendroth erstarb langsam am Himmel, feuchte Herbstnebel stiegen von den Wiesen auf und breiteten über die Gegend ihren weiß⸗ grauen Schleier, die Pappeln und Weidenstümpfe am Wege ge spenstisch einhüllend.

Eine Empfindung namenloser Angst preßte das Herz der einsamen Frau zusammen; als müsse sie ersticken, war ihr zu Muth. Weit riß sie den Fensterflügel auf und sog, mühsam athmend, die feucht⸗ kalte Abendluft ein. 0

Mir ist es, als drohe uns nun doch eine große Gefahr, murmelte sie,als müßten wir Alle in dem Nebelmeer dort unten ertrinken. Ein eiserner Reifen krampft mir die Brust zusammen, ich möchte sie zurückrufen, die Fränzchen. Vielleicht hätte ich sie nicht sollen gehen lassen. Und doch, wenn ich recht bedenke, erfaßt mich diese Angst doch nur des Albrecht's wegen. Was soll dem Mädchen in der kurzen Zeit denn Schlimmes begegnen? lächelt sie, sich selbst beruhigend.

Ihr unruhiges Auge suchte in der beginnenden Dunkelheit umher, bis es das rothschimmernde Dach des neuen Schulhauses gefunden hatte. Ein zufriedener Zug malte sich auf ihrem eben noch so angstvollen Gesicht.Dort wird sie bald an treuem Herzen wohl geborgen sein, dachte sie, das Fenster schließend.Dort ist sie in Sicherheit vor Sturm und Nebel. 8

(Fortsetzung folgt.)

Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. .

Ihre Mutter war gestorben. Das war im Frühjahr gewesen und jetzt schwand der Herbst. Das trockene, rothbraune Laub fiel, wenn ein Windstoß durch die frierenden Aeste zog, welk flatternd zur Erde nieder und wurde von den Füßen der Vorübergehenden achtlos zertreten und weitergefegt.

Das kleine Mädchen, das mit zurückgebeugtem Nacken zu dem dritten Stockwerk des vor ihr liegenden schmalfenstrigen Hauses auf⸗ sah, zog, vom Winde empfindlich berührt, das dünne, graue Tuch aus leichtem Wollstoff empor um die Schultern und that einen Schritt auf das Hausthor zu. Es stand weit offen und der Korbflechter im Sou⸗ terrain, der zugleich die Portierstelle bekleidete, riß bei ihrem Erschei nen sein Klappfensterchen auf und begrüßte das Kind.

Morgen, Nora! Sie nickte dem Manne zu und näherte sich der Treppe.

Kann ich rauf? Sie fragte es, scheinbar um etwas zu sagen, mehr denn in vollbedeutender Frage, und der Korbflechter warf einen mitleidigen, guten Blick auf das magere, kleine Geschöpf und nickte sanft.

Geh' nur, sagte er, sich seiner Arbeit wieder zuwendend,geh' heute noch einmal, es wird von selbst aufhören, Kleine. Das Zim mer ist vermiethet! Eine Waschfrau wohnt drin mit einem Hunde!

Vermiethet oh! Des Kindes Gesicht sah erst erschreckt auf den Mann, dann mit einem kleinen Seufzer nach oben, dann begann sie leise die Treppe hinaufzugehen.

Im Frühjahr war sie noch in dem Hause gewesen, rechtmäßig als dahin gehörig. Damals hatten noch die Vögel gesungen. An dem Morgen, da man die Todte hinaustrug aus der stillen Kammer, hatten sich zwei kleine gefiederte Sänger auf das Fenstersims gesetzt

und gegen die geschlossene Scheibe angesungen, als ob sie Einlaß

forderten. Sie hatte ihnen auch geöffnet. Aus ihrem einsamen Eckchen hinter dem Eisenbett, aus dem man die schneeweiße Mutter fortgetragen, war sie hervorgekrochen, um den zwitschernden Thierchen zu öffnen, und da ihre Hand hatte wohl ungeschickt angefaßt da waren sie erschreckt davongehuscht. Sie hatte sich dann vom Fenster wieder entfernt, um sich an ihren Platz hinter dem Bett zurückzu⸗ schleichen, und von da aus konnte sie Alles beobachten. Als man sie forttrug, lag auf dem Sargdeckel ein Kranz von weißen Nelken. Nora wußte nicht, wer ihn dorthin gelegt.

Sie war dann ganz allein in dem Zimmerchen geblieben, bis der gute Korbflechter von unten sie zu sich geholt hatte, und das spärliche Mittagbrod, das der ehrliche Mann bisher in sechs Theile getheilt, um seine mutterlosen Kinder zu sättigen, verfiel nun in sieben kleinere Theile, da das Waisenkind bei ihnen haus'te.

Nora mußte heute an all' das denken. Seit die Bäckerfrau sie in ihren Dienst genommen, trieb sie ihr sehnendes Herz an jedem Tage beim Semmelaustragen in die alte Gegend und in die kleine Kammer. Aber jetzt sie sah schüchtern hinauf jetzt war die Kammer vermiethet! Sie war bis zur obersten Stufe gelangt, dicht an die Thür des bekannten kleinen Zimmers. Das eiserne Bett da drin war längst verkauft, aber der Raum war geblieben, der Raum, in den sie seit dem Frühjahr fast täglich hinaufgehen konnte, um ungestört an die liebe, weiße Mutter zu denken.

Jetzt war das vorbei. Die Kammer war vermiethet!

Vor der Thür stehend, hörte sie drinnen leises Scharren und dann begann plötzlich der Hund laut und böswillig zu kläffen, daß das Kind ihre Röcke ängstlich faßte und von der Thür zurückwich. Das Thier schien zu erkennen, daß sie kein Anrecht mehr hatte an diese Stube. Früher hatte ihr keiner das Recht gewehrt, sich stunden lang dort aufzuhalten. Jetzt kläffte sie der Hund an wie eine Fremde!

Und wie tobte er doch von der Innenseite zu ihr heraus! Er merkte wohl, daß sie nicht ging. Mit den Pfoten schlug er gegen die Thür, als wolle er hindurch zu ihr. Und dann schnupperte er an der Ritze zur Erde und fegte die Schnauze aufgeregt hin und her, pausirte auf Sekunden und kläffte dann um so heftiger. Das Kind drückte sich von der Thür fort und lehnte sich an das Treppen⸗ geländer. Der große Korb, den sie trug, fand in dem schmalen Gang keinen Platz und schob sich an dem Geländer hoch. Unter ihr, in dem Flur des Hauses, wurden Stimmen laut ein Händ⸗ ler schrie seine Bürsten und Besen feil die offene Flurthür sandte eine kalte Zugluft durch das Haus. Die Scheuerfrau zu ebener Erde öffnete und keifte den Mann mit heiserer Stimme an. Das Kind beugte sich über das Geländer und sah hinab.

Und der Hund kläffte weiter und im Hinterhof des Hauses er tönten plötzlich die schnarrenden Klänge einer schlecht gestimmten Dreh- orgel. Aus zwei Thüren der unteren Etage schrie man um Ruhe.

Nora faßte ihren Korb und stieg, von einer plötzlichen unheim⸗ lichen Fremdheit ergriffen, zum Hausthor hinab. Wie lärmend war Alles geworden in dem Hause, in dem ihr damals im Frühjahr Alles so friedlich erschienen war! Der Wind wehte ihr scharf

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