Ausgabe 
3.4.1887
 
Einzelbild herunterladen

1 5 * 5 0 12 12 5

3

1 1

N . 1 N

7 . 7

4 0 1

33

3

re

108

in's Gesicht, als sie auf die Straße hinaustrat; er trieb ihr die Haare vom Kopfe auf. Der Korbflechter saß nicht mehr an seinem Klappfenster, dafür nickten ihr seine zwei jüngsten Buben aus dem Hinterhof freundlich zu.

Gehst schon wieder? Der ältere der Knaben schaukelte sich auf dem Stock, der zum Teppichausklopfen quer über dem Hofraum lag, und von diesem erhöhten Posten schrie er Nora seine Abschieds grüße nach, als sie eilig davonging. Sie stellte ihren Korb vor dem Hausthor nieder, um ihr Umschlagetuch über dem Kopfe zu knoten, und dann rannte sie gegen den Wind an. Im Laufen kam ihr der Gedanke, daß es spät sein mochte. Sie drückte sich an einen Seifen. laden an und sah, vom Licht geblendet, suchend in den inneren düsteren Raum. An den Wänden hing keine Uhr. Sie mußte wohl fragen. Eine sauber gekleidete Frau schritt über die Straße.

Ach bitte! Nora vertrat ihr den Weg. Die Frau sah auf das Kind nieder. f

Willst Du etwas? fragte sie freundlich. Nora sah in das breite, gute Gesicht und ein plötzliches Wohlgefühl ließ sie zu ihr auflächeln.

Ich möchte wissen, wie spät es ist!

Zehn, mein Kind! Ei, ei, so eilig? Dasich danke hatte

sie in Hast gerufen und dann stürmte sie, von einer drückenden Angst

erfaßt, weiter. Sie hatte sich wieder verspätet. Und im Dienste der Bäckers frau sollte sie das doch nicht! Man hatte keine Zeit zu vertrödeln

so hieß es und Nora wußte es und kam doch jeden Morgen

wieder in die alte Straße, in das alte Haus. n

Die Bäckersfrau war ungütig zu ihr, unnachsichtig mit den kind lichen Fehlern und herb mit ihren Strafen.

Aus Barmherzigkeit hatte sie die Waise aufgenommen, so sagte sie, und aus Barmherzigkeit müßte sie sie streng erziehen!

Streng erziehen! Es war ein zart besaitetes, kleines Mädchen, das da im Frühjahr allein in der Bodenkammer verblieben war, ein Kind so schmächtig von Ansehen, wie es zart von Innen war, ein Kind, das in Liebe und Sanftmuth geleitet worden und von sor gender, weicher Mutterhand gestreichelt worden war und das an der Seite der bleichen Plätterin, ihrer Mutter, ein bedrängtes, oft von Noth heimgesuchtes, aber unendlich frohes, gedankenlos zufriedenes, kleines Dasein geführt hatte. ihre ersten Buchstaben gelernt, die sie freudestrahlend der Mutter auf der Tafel zeigte, in der Klasse hörte sie die Liedchen, die sie beim Schein der kleinen Oellampe am Abend der Mutter vor sang, und die bleiche Mutter stemmte öfters das Plätteisen auf und sang mit und dann küßten sich die Beiden und lachten sich an!

Streng erziehen! Es hatte sie nie Jemand streng erzogen. Selbst in der kleinen Schule, da man sie einmal strafend in eine Ecke ge stellt, hatte man es, weil sie vor Scham krank wurde, nur mehr mit Milde und mit Liebe bei ihr versucht.

Und wie war das geglückt! Aus Liebe that das Kind Alles, aus Liebe schwand von dem etwas harten Gesichtchen aller Trotz und aller Eigensinn, aus Liebe wurde das Kind dankbar und willen los und jetzt, bei der Bäckerin, erfuhr sie an Liebe gar nichts!

In dem Kinderköpfchen drängten sich, während sie lief, die Ge danken an das Damals und an das Jetzt. Die gute Stimmung, welche minutenlang nach dem Begegnen mit den alten Bekannten und gleich darauf mit der freundlichen, sauberen Frau ihr Herz er füllt, fiel, je näher sie dem Bäckerladen kam, mehr und mehr von ihr ab. Sie mußte, um in dem Winde athmen zu können, ihre magere Hand vor den Mund halten, und so stürmte sie, den Kopf vornübergebeugt, in fliegender Hast voran. Ihre Angst wuchs mit jedem Schritt. Sie begann sich, nach Kindesart, ihre Chancen beim Empfang aufzuzählen. Wenn der Laden besetzt war, wenn Käufer ein- und ausgingen, so entkam sie für's erste.

Wenn das welke Kindchen, das kränkliche, das sie warten mußte, gerade schrie und nach seinem Brei wimmerte, oder wenn gar die Frau nicht im Laden war, auf einen Sprung vielleicht in den Neben- laden, das kam vor, das konnte wieder vorkommen!

In diesem Gedankenwirrsal hatte sie das Haus erreicht. Wenige Schritte noch und sie stand vor der Thür. Einen raschen Blick warf sie durch das Schaufenster. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihrem Munde. Der Laden war leer. Die Bäckersfrau war sicher lich in der Hinterstube und vielleicht, wenn sie leise die Thür öffnete und ganz unhoͤrbar wieder schloß und dann still hinter den Laden

In der städtischen Schule hatte sie

tisch trat, vielleicht merkte die Frau garnicht, wie lan blieben war! a

Arme, kleine Nora! Sie faßte die Thürklinke und drückte sie nieder, dann, als der scharfe Wind ihr beim Oeffnen Widerstand leistete, stemmte sie den Rücken gegen die Thür und schob sie zurück.

War sie gehört worden? Sie wußte es nicht. Sie hob beim Auftreten die Arme, um ein lautes Gehen zu vermeiden, und ihre Augen spähten dabei ängstlich umher. Eben war sie dabei, den großen Korb sorglich in seine Ecke hinter den Tisch zu räumen, als die Frau eintrat. 8 0

Mit der Hoffnung auf ein Entkommen war's nun vorbei. Die Bäckersfrau war an strengste Ordnung gewöhnt. Ohne vielleicht Böses zu wollen, übte sie die Härte, die das Kind so bitter empfand. Ihr eigenes Leben war voll peinlichster Regelmäßigkeit und von rück, sichtslosester Pflichterkenntniß. Selbst nicht mit Nachsicht erzogen, kannte sie den Begriff des Wortes nicht. Ihre Kindheit hatte sie in einem Waisenhause verlebt, ihre späteren Jahre auf Dienststellen. Als sie bald darauf den Bäckergesellen Schollmeyer heirathete, that sie es mehr aus der Spekulation heraus, ihr erworbenes Geld prak tisch nutzbar zu machen, als aus innerer Neigung. Sie hatte den Laden auch gangbar gemacht und als sie nach der Geburt des schwachen, kleinen Weltbürgers die auf kurze Zeit an ihren Mann abgetretene Verwaltung des Geschäftes wieder aufnahm, fand sie in den Büchern wie in der Geschäftsführung gefährliche Mängel. Der Auftritt, der alsdann zwischen ihr und dem leichtlebigen jungen Gatten stattfand, endete in einem vollständigen Bruch der Verhält- nisse. Der Mann ließ sie mit dem Säuglinge allein und zog seiner Wege. Und so blieb die Frau mit dem unfrohen Wesen und dem verbissenen Herzen allein und brachte mit unermüdlichem Eifer und strenger Ueberwachung ihrer Leute das Geschäft wieder in die Reihe.

So fand sie Nora und das weichherzige Kind schreckte vor der

Berührung, vor dem strengen Wesen der Frau zurück. Das Miß trauen, der bittere Argwohn, den sie seit dem Bruch mit ihrem Manne irgendwohin zu tragen für nothwendig hielt, spitzte sich auf das Kind, das, der eigenthümlichen Behandlung ungewohnt, in seiner Verwirrung fortdauernden Anlaß zur Rüge gab.

In dem Herzen des Kindes erstand ein Gefühl von hartnäckiger Abneigung gegen die Frau, bei der sie lebte, und zu dieser Abnei gung gesellte sich ein Widerwille gegen die Engherzigkeit und die herben Anschauungen, die sie von Tag zu Tag mehr erkannte.

So kam's, daß das Gnadenkind die Strafen, welche die Frau verhängte, wie Racheakte aufnahm, daß die Strenge ihr wie Un⸗ gerechtigkeit und Böswille erschien, gegen den sie sich auflehnen oder, wenn ihr dazu der Muth fehlte, den sie mit unterdrücktem Ingrimm im kleinen Herzen aufspeichern mußte. Das Letztere that sie denn auch redlich. 8

Als die Frau in den Laden trat, war sie auf das Kind zu getreten, um ihr mit Nachdruck die Strafe, die ihrer harrte, zu be stimmen. Des Mädchens zögernd gestammelte Erklärungen fielen auf taube Ohren. Frau Schollmeyer war es nicht gewohnt, Zwischen⸗ fälle gelten zu lassen, wo es sich um eine Pflichtversäumniß han⸗ delte. Ebensowenig konnte sie ein verwirrtes, blasses Mädchengesicht besänftigen, wenn sie im Begriff stand zu strafen. Das Urtheil, das ihrer harrte, mußte das Kind kennen, denn sie wandte sich schweigend mit gesenktem Kopf ab und zerrte nur verlegen trotzig an ihrem Umhängetuch. Entziehung des Mitlagbrodes! Das war die Strafe! Und dann schickte sie die Frau in die Hinterstube, um den Brei für das wimmernde, wachsbleiche Kindchen zu bereiten

.

Sie war von Natur weich und empfindsam. Ihr Wesen von jener halb scheuen, halb ängstlichen Art haltlos umhergestoßener Ge⸗ schöpfe, deren jeder Blick zu irren fürchtet und deren jedes Wort zu verletzen zögert. Und dennoch lag in der Tiefe dieses Kindergemüthes eine Leidenschaftlichkeit, die, weil sie erstickt werden mußte, nur um so nachhaltiger glühte. Es gab Augenblicke, in denen es bitterböse aufgrollte in dem kleinen Herzchen, Augenblicke, in denen die sanfte Duldsamkeit in der kleinen Mädchenbrust alle Haltung verlor und aus der kranken Seele zu entschlüpfen drohte. Ein Gefühl tief⸗ innersten Hasses wühlte in dem Kinderherzen, als Nora, in der ein⸗ fach möblirten Hinterstube sitzend, das halbschlummernde Kindchen mechanisch wiegte. Ihre Lippen bewegten sich in leisem Summen

ö 4 ..

ge sie ausge 11