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Mädchengestalt herab, die sorglos über die Gartenbeete sprang, die alle die vielfältigen Abdrücke ihrer schmalen Füße zeigten.
„Aber, Fränzchen, bedenke doch die Blumen.“
„Ach, es blühen ja nur noch so wenige, und in einigen Nächten kommt der Reif und nimmt die letzten mit,“ entschuldigt sich das Mädchen,„und dann geht es auch so viel schneller.“
„Natürlich, Dir geht alles zu langsam, Du möchtest mit den Wolken durch die Lüfte fliegen und vergißt darüber die Erde und die Menschen, die Dich suchen,“ schalt die alte Frau, doch die strenge Miene, die sie annehmen wollte, mißlang und zärtlich strich sie mit der welken Hand über die goldbraunen Zöpfe, die der Enkelin weit über den Rücken hingen.
„Du hast mich gesucht, Großmütterchen?“ forschte diese, ihr in das bekümmerte Gesicht blickend.„Ich saß auf dem alten Baum, von welchem man über die Mauer hinweg weit über das Feld blicken kann. In lauter Gold waren die Bäume und Wiesen getaucht und auf dem See glitzerten und hüpften die Sonnenstrahlen, daß ich an das alte Märchen von der Nixe, die einmal jedes Jahr auf der Ober⸗ fläche tanzen darf, denken mußte. Darüber vergaß ich nun wieder Alles, sogar Dich. Doch Dir ist etwas Schreckliches begegnet,“ unterbrach sie sich, die alte Frau stürmisch umschlingend,„willst Du mir sagen, was es ist?“
„Ach, es ist alles aus,“ rief diese, das Gesicht in den Händen vergrabend.„Nun läßt sich des Albrecht Leben und Treiben nicht länger mehr bemänteln und bedecken. Nun wird der Herr Graf Alles erfahren, uns in Schimpf und Schanden vom Hofe jagen, uns, die wir seit länger als sechszig Jahren die Ehre unseres Lebens darin gesehen haben, ihm in Treue zu dienen. Die ältesten Leute im Dorfe wissen es nicht anders, als daß hier ein Wiese gewirth⸗ schaftet, so ist es von Sohn zu Sohn gegangen, jeder hat mit Stolz seine Pflicht gethan, bis auf den Albrecht, der—“
Sie vollendete nicht; mit zitternder Hand entfaltete sie das Blatt und las mit halberstickter Stimme: a
„Ich benachrichtige Sie hiermit, daß Sie sofort nach Empfang dieses Briefes einen geeigneten Wagen nach der nächsten Eisenbahn⸗ Station, zur Abholung eines Gastes, zu schicken haben. Einem meiner Verwandten, dem Grafen Julian Felsing, ist nach schwerer Nervenkrankheit ein Aufenthalt in kräftiger Waldluft und absolute ländliche Stille verordnet. Beides kann er in Grünau finden, und ich glaube auf die Rücksichten, die man ihm während seines dor⸗ tigen Aufenthaltes zu erweisen hat, wohl nicht besonders hinweisen zu dürfen. Alexander Graf Steinfeldt.“
„Und das ist Alles?“ fragte Fränzchen verwundert.
„Aber Kind, bedenke, der Albrecht ist fort zum Jahrmarkt, spielt und trinkt wohl bis in die Nacht hinein. Alle Knechte haben es ihm nachgethan. Mein Rufen nach ihnen verhallte ungehört. Keiner kehrt vor lichtem Morgen in den Hof zurück. Alle Arbeit liegt un⸗ beendet, das Vieh hungert, das Haus ist Dieben preisgegeben. Das Herz wendet sich um bei diesem Anblick. Und dabei ist Niemand hier, der den fremden Herrn holen könnte. Er wird warten, zornig
werden, schließlich dem Grafen die tolle Wirthschaft berichten. Und
dann ist das längst gefürchtete Ende gekommen. Ach, daß ich heute sterben könnte!“
„Deshalb brauchst Du noch lange nicht zu sterben, tröstete das junge Mädchen liebevoll. In der Nähe sieht das Ganze garnicht so trübe aus. Wenn der Albrecht erst merkt, daß es um Kopf und Hals sich handelt, wird er endlich Vernunft lernen. Wenn der fremde Graf anlangt, ist es bereits dunkel, und bis morgen früh muß Ordnung in Feld und Hof geschaffen werden.“
„Und wie wird er kommen? Wer wird ihn holen? Selbst wenn man sich blos stellen wollte, einen Bauern um die Gefälligkeit zu bitten, so ist der Weg zu weit, Stunden könnten darüber ver— gehen, und die richtige Zeit wäre doch versäumt.“
„Und an mich denkst Du gar nicht?“ fragte Fränzchen hell auflachend.„Ich, die ich einen hochbeladenen Erntewagen durch das Hofthor bringe, ohne mit einem Halm anzustoßen, sollte mit unseren alten, frommen Pferden nicht nach der Station kutschiren können? Gehe Großmütterchen, Du hast wieder einmal umsonst Gespenster— furcht gehabt.“
„Aber es paßt sich nicht, Kind,“ meinte die Greisin überlegend. „Was werden die Leute sagen; sie nennen Dich so wie so die wilde Fränze.“
„Mögen sie sagen, was sie wollen, bei uns auf dem Lande paßt
sich schließlich Alles. Und dann werde ich solcher dummen Gründe wegen doch den alten, kranken Herrn nicht auf dem elenden Bahnhof warten lassen. Vor Zorn und Erkältung kann er den Tod sich holen, und dann trifft uns sicherlich der Zorn des Grafen. Nein, nein, es muß geschehen, wie ich gesagt. Du darfst nicht überlegen, Großmutter, es giebt keinen anderen Ausweg.“
„Aber Du mußt mir versprechen, nicht wild zu sein,“ bat die Greisin, die allmählich aufzuathmen begann,„kein einziges Mal darfst Du mit der Peitsche knallen, das schickt sich nicht, und dann könnte auch der fremde Herr, der kaum genesen ist, darüber erschrecken. Der Sultan bleibt vor allen Dingen hier.“
Fränzchens lachendes Kindergesicht trübte sich etwas.„Warum,“ fragte sie kleinlaut.
„Weil er durch sein wüthendes Gebell die Aufmerksamkeit der ganzen Gegend auf Dich zieht. Weiß Gott, der Albrecht bringt uns schon genug in der Leute Mund, da muß man vorsichtig jedes Unnütze gerade vermeiden.“
Fränzchen war nicht überzeugt, und durch Sultans Abwesenheit schien ihr das bevorstehende Vergnügen sehr viel an Reiz zu ver⸗ lieren, doch kein Wort des Widerspruchs trat auf ihre Lippen, die braunen Augen, klar und unschuldig wie die eines Kindes, trübten sich nicht in Mißmuth, und schmeichelnd lehnte sie ihre blühende Wange gegen das kummervolle Gesicht der alten Frau.
„Noch immer traurig?“ fragte sie zärtlich.
„Ich denke an Albrecht, in welchem Zustande ihn der fremde Graf vorfinden wird. Man könnte vor Scham in den Erdboden sinken.“ N
Doch auch dafür wußte Fränzchen Rath.„Eine Tasse schwarzen, starken Kaffee muß er trinken, und nachher ein Stündchen schlafen,“ schlug sie vor.„Das wird ihm gut thun. Doch nun muß ich Pferd und Wagen herrichten, der Tag neigt sich jetzt schon so früh seinem Ende entgegen, und es heißt scharf zufahren, wenn ich zur rechten Zeit kommen will.“
Eilig flog sie über den Hof, von Sultan, den der wohlbekannte leichte Schritt aus seiner Sonnenecke hervorgelockt, in großen Freudenspringen umtanzt.
„Du darfst nicht mit, Großmutter sperrt Dich ein,“ flüsterte sie dem mächtigen Newfoundländer, der seinen zottigen Kopf zärtlich an ihre Knie drückte, in's Ohr. 5
Die alte Frau war still in's Haus zurückgetreten. Das große, ebenerdige Wohnzimmer, an dessen Fenstern eben der letzte, gluthrothe Sonnenstrahl zitternd vorüberglitt, erschien ihr wie neugeschenkt. Mit rührender Innigkeit umfaßte ihr Blick die braungebeizte Gehäuse— uhr, den ledernen Polsterstuhl in der tiefen Ofennische und das geschnitzte Schlüsselbrett dicht neben der Eingangsthür. Genau so hatte damals vor fünfzig Jahren, als sie an des wackern Gatten Seite als junge Hausfrau eingezogen war, die alte, liebe Stube ausgesehen. Wo war er, dem sie gelobt, Freude und Leid zu theilen, nur geblieben. Sohn, an dessen Tauftage das glückliche Elternpaar jene Kastanien vor der Hausthür gepflanzt. Die jungen Stämmchen waren mit dem schlanken Burschen zugleich in die Höhe geschossen, und ihre kräftigen Aeste hatten später das Nest geschützt, das der Mann sich nach der Vätersitte hier in der alten Heimath erbaut.
Die Greisin war zum Fenster gegangen. Gedachte sie vielleicht jenes trüben Novembertages, an welchem man dort über die Stein⸗ stufen, zwischen den blätterlosen, regentriefenden Bäumen hindurch einen Sarg getragen? Ach, es war unaueslöschlich in ihre Seele gegraben; seit jener Stunde, wo man den Sohn neben den Gatten bettete, hatten Angst und Sorge sich eingeschlichen in das wohl⸗ geborgene Haus, in welchem man bisher nur friedliches Behagen gekannt. Auf einem Vulkan stand sie nun schon seit Jahren, sie und das arme Kind, das dem leichtsinnigen Bruder so wenig galt. Wie der Albrecht doch so ganz anders war, wie alle Uebrigen, die hier vor ihm gehaust; das erste schlechte Reis an dem alten, ehrbaren Stamm.
Sie stöhnte auf, da weckte lustiger Peitschenknall sie aus ihrem qualvollen Sinnen. Fränzchen kutschirte eben den alten Verdeck⸗ wagen mit den beiden trägen Braunen über den Hof und hielt gewandt dicht vor der Hausthür still.
Längst deckte ihn der Rasen, ebenso wie den einzigen
„Nur hier auf dem Hofe habe ich geknallt, draußen auf der
Straße thue ich es gewiß nicht,“ versicherte sie, als sie das miß⸗ billigende Kopfschütteln der Großmutter bemerkte.„Doch warme Decken
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