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zu den
Oberhessischen Nachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
in die Stadt gelaufen.
Gießen, den 3. April.
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Im Nebel heißt unsere kleine Geschichte, und doch führen wir den Leser mitten in goldenen Herbstsonnenschein durch die deutsche Nordlandsebene, über welche sich wie eine ungeheure Glaskuppel der weite, blaue Himmel wölbt. Schwarzgrüne Föhrenwälder begrenzen überall den Blick, ziehen sich wie eine finstere Wolke den Horizont entlang, selbst auf die üppig grünen Wiesenstreifen einen dunkeln Schatten werfend.
Schon ist es Herbst, St. Aegidientag steht im Kalender. Ueber die kahlen Erntefelder streicht längst der Wind und unter das volle Laub der Obstbäume mischen sich täglich mehr und mehr welke Blätter. Ein träumerischer, wehmuthsvoller Glanz liegt über der Landschaft, aus welcher, trotz allen sonnigen Lichts, doch eine leise Mahnung des Scheidens spricht. An Scheiden erinnert der flüch⸗ tige Zug der gen Süden eilenden Wandervögel und an Abschied⸗ nehmen mahnt die braunrothe Weinranke, die wie mit tausend Fingern das zerbröckelnde Gemäuer der zum Gutshof führenden Thorpforte umklammert hält.
„Sabbathruhe mitten im Werktage?“ fragt man verwundert,
wenn man das von Wirthschaftsgebäuden begrenzte, große Viereck des Hofes betritt, doch die aus den weitgeöffneten Stallthüren überall hervorguckende Unordnung wirkt abstoßend; man wendet den Blick fort, ohne ihn auf Wohlthuenderem weilen lassen zu können. Um⸗ gestürzte Pflüge, durcheinandergeworfenes Ackergeräth versperren oft den Weg, der geradeaus zu dem niedrigen, von prächtigen Kastanien⸗ bäumen freundlich geschützten Wohnhause führt. Die zwischen zwei ungeschlachten bronzenen Löwen sich bis zu der etwas hoch gelegenen Thür hinaufziehenden Steinstufen sind ausgetreten, zwischen den breiten Fugen wuchert Gras und Moos, der eherne Thürklopfer fehlt, ein zerbrochener Ring bezeichnet die Stätte, wo er einst gehangen. Der ritterliche Wappenschild über dem Eingang ist quer durchgebrochen, und das beklemmende Gefühl, daß Alles hier dem Verfall entgegen— eilt, drängt sich unwillkürlich dem Beschauer auf. AUuAber wo ist der Mensch, der fleißige Bebauer dieser kärglichen Scholle?“ ruft man erstaunt. Doch kein menschlicher Laut antwortet. Aus den Ställen klingt es wie hungriges Blöken, und in dem kleinen, grünschlammigen Teich in der Mitte des Hofes macht sich das Enten⸗ volk durch Schreien und Schnattern groß.
Nun öffnet sich langsam und knarrend die Hausthür. Eine alte Frau, der die Last der Jahre wohl den Rücken gebeugt und das Haar in den Schläfen schneeweiß gefärbt, tritt heraus. Sorgenvoll gleitet ihr Blick über den öden Hof, und mit schwerem Seufzer geht sie wie suchend an den leeren Ställen entlang.
„Alles fort,“ murmelt sie, während ihre Finger nervös mit einem
zusammengefalteten Brief spielen,„Alles fort, Alles zum Jahrmarkt Niemand will Pflicht und Arbeit mehr
Im Nebel.
Novelle von H. René.
kennen, Keiner hat Mitleid mit dem hungrigen Vieh! Doch wie kann es wohl anders sein. Wie der Herr, so der Diener.“
Wieder hebt ein Seufzer ihre eingefallene Brust, während die Augen angstvoll, wie hilfesuchend, umherirren.„Warum ich nur noch immer einen Strohhalm zur Rettung suche,“ flüsterte sie weiter. „Für uns giebt es ja doch keine Rettung mehr; unaufhaltsam trei⸗ ben wir Alle dem Untergang entgegen. Ich weiß es ja lange, sage mir es täglich, und doch, wenn das Verderben so nahe herantritt, wenn ich denke, daß ich als Bettlerin es verlassen muß, das alte liebe Haus, dann könnte ich mich wehren mit dem Muth, den die Verzweiflung giebt, dann könnte ich ihn, den Urheber unseres Un⸗ glücks, hassen, ihn, der meines einzigen Kindes Sohn ist.“
Hassen, das Wort ist zu entsetzlich für einer Großmutter stets verzeihendes Herz. Kaum ist es wie ein Hauch ihren Lippen ent⸗ flohen, so möchte sie es zurückerkaufen, wenn auch mit dem Rest ihres Lebens. Zitternd, wie etwas Unsichtbares um Vergebung bittend, hebt sie die Hände, da raschelt das Papier, das sie noch immer umklammert hält. 0
„Ach, der Unglücksbrief,“ wimmert sie.„Was soll ich thun? Giebt es denn keine Seele, die mir helfen kann? Wo nur das Kind ist? Ich suche sie überall, um ihr meine Angst zu klagen. Fränzchen, Fränzchen!“
Die reine Herbstluft trägt den Schall weit, doch keine Antwort kommt zurück.
„Wo sie nur ist?“ Kopfschüttelnd geht die Greisin wieder den Weg, den sie gekommen, da scheint eine halbangelegte Stacketenthür dicht neben dem Haus ihr zu zeigen, wo sie die Gesuchte zu finden hat. Am Eingang des weiten, grasbesäten Baumgartens bleibt sie stehen. Die Georginen auf den spärlichen Blumenrabatten sind halb verblüht, aber der Lawendel duftet zu ihren Füßen und sorg⸗ sam beugt sie sich zu den unscheinbaren Blüthen herab.
„Davon kann man Sträußchen binden und zum Kirchweihfest verkaufen lassen, das giebt doch einen kleinen Erlös,“ meint sie, aber ein trüber Schatten zieht dabei über ihre Züge und sie preßt die Lippen fest zusammen, um den bittern Aufschrei, der sich ihrer Brust entringen will, zurückzuhalten.
„Was nützt alle Sehnsucht nach der glücklichen Vergangenheit,“ flüstert sie.„Niemals kehrt sie wieder, und das Rückwärtsdenken verdoppelt nur das jetzige Elend. Tapfer hinunterschlucken, heißt es vom Morgen bis zum Abend, nicht weiter hinausschauen über die Stunde. Ja, wenn der Brief nicht gekommen wäre! Nun stürzt Alles über uns zusammen. Und das arme Kind weiß noch von nichts. Fränzchen! Fränzchen!“
„Hier, Großmutter,“ antwortete eine helle Stimme, und aus dem gabelförmigen Ast eines riesigen Birnbaums glitt eine schlanke
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