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giebt, was man geben kann. Wenn Sie, Herr Hooglander, uns zur Erreichung dieses Zweckes Ihre werthvolle Hilfe leihen wollten, so werde ich Ihnen sehr dankbar sein. Mein Anwalt, Herr Doktor Meinrad, würde alles Weitere übernehmen“— der bezeichnete Advokat 5 5 sich zustimmend—„und ich könnte beruhigt wieder ab⸗ reisen.
„Mit Vergnügen, oder vielmehr, reisen Sie immerhin ab, Herr Graf, der Herr Baron wird meines Erachtens sehr zufrieden sein mit dieser Art, ihm das Leben leicht zu machen!“ meinte Herr Martin Hooglander.
„Um so mehr, als ich Ihrem Rathe zufolge und mit Zustimmung Ihres Herrn Vaters entschlossen bin, meinen Bruder vor einer aber— maligen Wiederholung dieser—— Seenen zu schützen,“ sagte Graf Bolko, die Malicen des Bankiers überhörend.
Der am Fenster stehende Baron Hooglander wandte sich um. Nicht eine Spur von Heftigkeit und Zorn lag mehr in dem frischen, leicht gerötheten Antlitz desselben. Die nicht unschönen, aber etwas aufgedunsenen Züge verriethen keinerlei Gemüthsaufregung, sondern nur eine fast naive Neugierde. Offenbar hatte ihn das Wort des älteren Bruders, er werde ihn vor einer ferneren Wiederholung dieser Scenen zu schützen suchen, ganz angenehm überrascht. Baron Hooglander haßte Scenen, wenigstens unangenehme; ihm konnte nichts lieber sein, als wenn man ihn damit verschonen wollte; ihn sollte nur wundern, wie man das anzufangen dachte.
„Und wie meinen Sie, Excellenz?“ hatte der alte Herr gefragt, während sein Sohn, als errathe oder wisse er, was folgen werde, mit seinem fatalen Lächeln den Baron fixirte, um zu beobachten, wie dieser sich jetzt benehmen werde.
„Ich will mir gestatten, meine Vorschläge zu machen, mein Herr Geheimer Kommerzrath,“ erwiderte dieser, und trotz der äußeren Ruhe bebte seine Stimme doch.„Ehe ich dieses aber thue,“ fuhr er dann nach einer kleinen Pause, in welcher er seine Erregung zu unterdrücken suchte, etwas gefaßter fort,„lassen Sie mich als Haupt meiner Familie Ihnen danken für die Großmuth, mit welcher Sie wiederum meinem Bruder Ihre Hilfe leihen.“
„Valerie ist meines einzigen Bruders einziges Kind, wir waren so stolz auf die Ehren, die er sich durch seine Tüchtigkeit errungen hatte!“ sagte leise, wie entschuldigend, der alte Herr, denn seines Sohnes Blick drückte keineswegs Zustimmung zu des Vaters Ver⸗ fahren aus.
„Eben um meiner verehrten Schwägerin willen muß Alles geschehen! Ihre Zukunft und die ihrer Tochter muß gesichert werden und damit auch die meines Bruders,“ sprach Graf Bolko würde⸗ voll weiter.
Des Barons Hooglander Gesicht überflog ein Lächeln; er trat mit einer hocherfreuten Miene wieder zurück an den Tisch, den er so ungestüm verlassen, und rief, ohne sich um die peinliche Ueber- raschung und das verdutzte Aussehen Graf Bolko's zu kümmern, oder vielmehr, ohne sie nur zu sehen:
„Das ist wahrhaft brüderlich, das ist edel gesprochen, Bolko!
1 Glaubt nur, ich verkenne Eure Güte keinen Augenblick und bin Euch
dankbarer, als ich sagen kann, denn ich versichere Euch, ich habe nicht im Traum gedacht, daß ich so tief im Pech säße! Ich begreife gar nicht, wo alle diese Schulden herkommen; das wächst immer gleich wie eine Lawine, und Ihr dürft es mir nicht übel nehmen, daß ich vorhin grob wurde. Alle Teufel, es ist kein Spaß, so in der Patsche zu sitzen! Und dann sich noch zu allem Unglück aus⸗ schelten zu lassen, das geht doch über die Puppen! Wenn Ihr nun noch einmal mich herausreißt, so verspreche ich Dir, Bolko, es soll anders werden. Ich will Valerie gewähren lassen, sie soll das Regiment haben, und sie ist so sparsam, daß sie es möglich macht, Euch wenigstens die Zinsen zu zahlen. Ich selbst will mich in aller Weise einschränken; ich werde die Pferde abschaffen— auf der Rennbahn habe ich die beiden letzten Jahre doch nichts als Verlust gehabt; dagegen werde ich mich der Wirthschaft annehmen, den Ober⸗ inspektor entlassen und selbst arbeiten.“ a „Möchtest Du Dich nicht erinnern, lieber Franz, daß Du eine ganz ähnliche Ansprache an uns hieltest, als wir zu ganz ähnlichem Zwecke vor drei Jahren hier versammelt waren?“ fragte sehr ruhig und gemessen Graf Bolko, aber es war, als ob jedes Wort eine Messerklinge wäre. Ein tiefes Roth der Verlegenheit überflog das Gesicht des Barons.„Wirklich? Habe ich?“ stotterte er jetzt sichtlich gedemüthigt.
Dann aber fuhr er, trotzig werdend, fort:„Es mag sein, daß ich es that, ich hatte es vergessen! Man läßt mich tief genug fühlen, sollt' ich denken, daß ich des Wohlwollens der Meinen bedarf; es wäre vielleicht größer und edelmüthiger, wenn man mir dieses Wohl⸗ wollen in einer gütigeren Form erwiese! Was ich damals versprach, hoffte ich sicherlich zu halten, jedoch es ist nicht allen Menschen gegeben, als Muster zu glänzen, wie Du eins bist, das gebe ich ja gern zu.— Aber was kann ich dafür, daß ich kein Glück habe, daß ich— ich meine nur— Valerie—“
Das Haupt der Familie Isenreut starrte förmlich von Eis, und unter diesem erkältenden Eindruck stockte der Erguß des Barons Franz mehr und mehr; er senkte den Kopf wie ein Schuljun ge, der es klar einsieht, daß das Maaß seiner Schuld nun übervoll ist.
„Du würdest mich sehr verpflichten, wenn Du mich meine wohl— erwogenen Vorschläge machen lassen wolltest,“ sagte Graf Bolko feierlich, und da der Baron mit verlegenem Gesichte schwieg, so fuhr er fort:„Sie werden die schmerzlichen Erfahrungen, meine Herren, die wir betreffs der— sagen wir: mangelnden finanziellen Begabung meines Bruders zu machen hatten, wiederholt zu machen hatten, als eine Berechtigung ansehen, ja als eine strenge und schmerzliche Mahnung, die Ehre und den Besitz unserer beiderseitigen Familien vor weiterer Gefährdung durch ihn zu schützen.“
„Du gehst zu weit, es ist schonungslos, so zu reden!“ grollte Baron Franz.
„Du wirst mir gestatten müssen, zur Motivirung meiner Pläne der Wahrheit die Ehre zu geben!“ erwiderte unbeirrt Graf Bolko. „Es ist eine Thatsache, daß Deine Schulden nicht etwa die Ergebnisse Deiner an sich doch immer noch berechtigten Standesanforderungen, sondern Schulden der allerschlimmsten Art sind; ich muß dieses Faktum, wenn auch mit schmerzlichsten Gefühlen, konstatiren, um den Herrn Geheimen Kommerzrath, den Bruder Deines verstorbenen Schwieger⸗ vaters, zu einer mir unvermeidlich erscheinenden Zustimmung zu meinem Vorschlage zu bringen. Außerdem auch scheinst Du völlig vergessen zu haben, daß Dein Sohn ein Anrecht auf dies mütterliche Vermögen hatte—“
„Für Onno sorgt seine Großtante Lätitia!“ rief der Baron.
„Sie ist außer Stande, für mehr zu sorgen, als für realen Besitz!“ erwiderte Graf Bolko scharf.
„Was kannst Du denn wollen?“ murmelte sichtlich betroffen der Baron.
„Nach dem, was wir bisher erfahren, muß es der Familie Deiner Frau, wie mir, geboten erscheinen, Deinem unverbesserlichen Leicht— sinn geeignete Schranken zu setzen. Wir können, um der Ehre unserer Häuser willen, nicht wünschen, zu sehen, daß dieser Angelegen⸗ heit eine uns Alle tief verletzende Oeffentlichkeit gegeben werde. Eine Einmischung der Gerichte wäre also meines Erachtens streng zu vermeiden, dagegen sind Vorkehrungen erforderlich, welche es Dir, meinem Bruder, unmöglich machen, auf dem bisherigen Wege fort⸗ zufahren.— Sie werden begreifen, Herr Geheimer Kommerzrath, daß ich von einer Familienkuratel rede, von einer Kuratel, welcher, so streng sie auch sein mag, mein Bruder sich unterwerfen muß, wenn wir ihm und den Seinen fernerhin ein, wenn auch enger beschränktes, doch standesgemäßes Leben ermöglichen sollen.“
„Das werde ich nie! Niemals! Was fällt Dir ein? Glaubst Du, ich werde mir selbst die Kravatte um den Hals legen?“ brauste der Baron wüthend auf. Der alte Herr schwieg und sah düster vor sich hin.
„Es ist der einzige Weg, meine Kousine und ihre Tochter vor wirklichem Elend zu schützen!“ sagte mit seiner blechernen Stimme Martin Hooglander.
„Der einzige!“ stimmte Graf Bolko zu, ohne im Mindesten auf seines Bruders zorniges Auf- und Abrennen zu achten.„Baron Franz von Hooglander⸗Isenreut wird uns sein Ehrenwort geben, Park und Schloß Gißra und das Jagdrevier Ebersbach, welches sich an den Park schließt, ohne besondere Ermächtigung der Kuratoren nie zu verlassen. Wir werden Sorge tragen, daß er und Baronin Valerie ihre gewohnte häusliche Lebensweise fortführen können. Herr Doktor Meinrad wird monatliche Haushaltsgelder an Baronin Valerie und ein angemessenes Taschengeld an meinen Bruder zahlen. Die Verwaltung des Guts werden wir tüchtigen Händen übergeben. Was sich noch retten läßt von dem Vermögen der gnädigen Frau, das muß ihr und ihrer Tochter verbleiben!“
„Es wird wenig genug sein!“ murmelte Herr Hooglander.
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