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„Du solltest nicht sagen:„entwaffnet“, Mama,“ rief die Tochter, die Mutter leidenschaftlich umarmend.„Hast Du denn je Waffen gehabt gegen ihn? Wehrlos bist Du gewesen von Anfang an, wehrlos bin ich, sein Kind, ebenso wie Du! Was sollten wohl Deine Bitten, Deine schwachen Versuche, ihn zu zügeln, genützt haben? Und was sollen sie, denkst Du, jetzt über ihn vermögen? Er lacht, er macht Scherz aus dem tiefsten Ernst, er ist völlig unzugänglich für zornige Vorwürfe wie für Vorstellungen, er sagt zu Allem und Allem ja und—“
„Ist die Herzensgüte selbst, das Wohlwollen, die vollständigste Liebenswürdigkeit; ist das Alles zu jeder Stunde, zu jeder Zeit; kannst Du es leugnen, Maria?“
„Nein, aber ich meine doch, es giebt Fälle, wo das Alles ein rasches Ende nimmt.“—
„Und wann? Wie so?“ fragte die Baronin.
„Wenn sein eigenes Wohlbefinden dabei in Frage kommt!“ sagte hart die Tochter.
„Maria!“ 5
„O, laß mich, Mutter, laß mich einmal aussprechen, was in mir tobt. Es ist keine Kleinigkeit, mit einem Schlage von der harten Faust Onkel Bolkos aufgerüttelt, zu sehen, daß der Traum von Licht und Glanz und Sonnenschein eitel Chimäre war! Und Papa sollte das Alles nicht geahnt haben? Er sollte nicht gewußt haben, was der Onkel so hart betonte, daß er schon seit vielen Jahren mehr verbrauchte, als er hatte? Und dann dazu das Be⸗ wußtsein, daß Onkel Bolko ein solches„leichtsinniges“ Schulden- machen einfach„ehrlos“ nennt.
„Es ist schrecklich, sich unter dem kalten, funkelnden Strahl seiner Augen zu fühlen und von ihm mitleidslos an den Abgrund gestellt zu werden, an dem man bisher ahnungslos hintaumelte, und dann seine harte Stimme sagen zu hören:„Sieh her, er ist hundert⸗ tausend Fuß tief, und wenn ich nicht wäre, so läget Ihr Alle dort unten!“
„Wenn ich noch antworten könnte:„Nun wohl, lieber dort, als von Deiner Gnade hier oben gehalten!“— Ich sagte es so gern, rief es ihm so gern trotzig und stolz zu; aber ich kann es nicht, Mama, ich habe ja keine Wahl, denn mir würde der Muth fehlen, mich hinabzustürzen. Gerade jetzt fühle ich, daß das Leben doch so schön ist, und ich bin noch so jung;— ich sehne mich so nach Glück und Freude! Und dann wieder— ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß unsere ganze Zukunft von Almosen abhängig sein soll! Wir, die so reich waren! O, ich erinnere mich noch so gut an den Großpapa, wie er mir oft sagte:„Du bist ein kleines Goldherz, und ein Goldfischlein bist Du dazu!“ Mir gefiel das so
gut, ein Goldfisch zu sein— wie sie draußen im Fontainenbassin.
so lustig spielten! Was würde Großpapa wohl jetzt sagen? Er, der so viel Sorge hatte, seinen neuen Adel und sein vieles Geld auf einen alten Stammbaum zu pfropfen! Nun bin ich eine Baronesse Hooglander-Isenreut— nun sage mir, wo soll ich betteln gehen, als beim Onkel Bolko, der doch„um der Familie und des Namens willen“, wie er sagt,— um Gotteswillen nicht„aus weichherziger Schwäche“— der Stich galt Dir, Mama! uns am Leben er⸗ halten wird?“
Die bittere, leidenschaftliche Rede der Tochter war der Mutter offenbar sehr peinlich;— sie bedeckte die Augen mit der feinen, mageren Hand und stöhnte leise.— Kaum aber erreichte der qual— volle, zitternde Ton das Ohr Marias, als sie inne hielt und, neben der Mutter niederkniend, ebenso leidenschaftlich zu weinen anfing.
Sie war noch jung, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt; bis vor wenigen Monden hatte sie den Kummer garnicht gekannt, und obgleich sie seine Spuren täglich auf dem Antlitz der Mutter sah— ja, vielleicht gerade deshalb— nie darüber nachgedacht, warum die Mutter immer so bedrückt sei, warum sie so sorgenvoll seufzte? Die Tochter ahnte bis dahin garnicht, welch ernster Grund zu Sorge und Kummer vorlag;— sie hielt diese Leiden für rein körperliche und flog unter dem Schutze des ewig heiteren, liebens⸗ würdigen, eleganten Vaters von einer Freude, einem Amüsement zum andern.
Baron Hooglander-Isenreut war ein großer Herr und lebte wie ein solcher.— Im Sommer war Schloß Gißra früher zu—⸗ weilen für einige Wochen der Aufenthalt der Familie,— die übrige Zeit brachte sie auf Reisen zu oder in Bädern; den Winter in
ciner fremden Hauptstadt, die, zugleich Residenz des Fürstenhauses,
Feste und Zerstreuungen in Menge bot. Dies war der erste Herbst, den Maria auf Schloß Gißra sah. Eine Katastrophe war urplötzlich hereingebrochen, und das Ergebniß
derselben wurde jetzt eben unter den Männern der Familie im
Bibliothekzimmer berathen.—— Zum ersten Male trat der Ernst in seiner vollen Gewalt in des Mädchens Leben.. Maria begriff sehr genau die ganze Sachlage, und der grelle Widerspruch zwischen den durch ihres Vaters Leichtsinn herbeigeführten Zuständen und seinem früheren und jetzigen Benehmen machte auf seine Tochter die Wirkung eines verheerenden Blitzes.———
Im Bibliotheksaal, einem Raume, der neben dem vornehmsten Geschmack eine außerordentliche Behaglichkeit der Einrichtung bot, herrschte womöglich eine noch gedrüͤcktere Stimmung als im Salon. An dem großen runden Mitteltisch saßen drei Herren; ein vierter, der Baron Hooglander-Isenreut, hatte offenbar eben in zorniger Er⸗ regung seinen Platz verlassen und stand, mit dem Rücken nach dem Zimmer gewandt, am Fenster. Sein Stuhl, ein schwerer Stuhl von geschnitztem Eichenholz, lag umgeworfen auf der Erde, ein sehr fein gearbeitetes Lineal von Elfenbein in Stücken daneben, es war ohne Zweifel im Zorn mitten durchgebrochen worden.— Neben dem einen der sitzenden Herren, Sr. Excellenz dem Staatsminister Bolko von Isenreut, war noch ein anderer, ganz mit Papieren bedeckter Tisch, an welchem ein fünfter Herr, der Rechtsanwalt Meinrad, eifrig Zahlen addirend, saß. Eben legte er die Feder nieder und überreichte dem Grafen das ganz mit Zahlen bedeckte Papier.
Die sehr finstere Stirn desselben furchte sich bei dem Anblick der Schlußsumme noch tiefer; er fuhr mit der Hand durch sein dichtes, weißes Haar, und es schien fast, als versteinerten sich seine scharfen Züge, so eisig starr und kalt wurde der Ausdruck derselben, während die großen graublauen Augen Funken sprühten.
„Es ist, wie Sie die Güte hatten mir zu sagen, Herr Geheimer Kommerzrath, die Summe übersteigt meine schlimmsten Erwartungen,“ sagte Se. Excellenz zu dem neben ihm sitzenden Herrn. Dieser, ein alter Mann mit feinen, geistvollen Zügen, zuckte bekümmert die Achseln und warf einen halb bittenden, halb fragenden Blick auf seinen Sohn, den derzeitigen Inhaber des berühmten Bankhauses Hooglander. 8
Derselbe erhob sich, machte mit einem unangenehmen Lächeln die Geberde des Taschenzuknöpfens und sagte gemessen:
„Es war mir völlig zweifellos, was das Resultat dieser Revision sein würde, Excellenz, und ich sehe ein, wie schwer Sie dieses treffen muß; daß ich meinerseits jede Einmischung in die Verhältnisse des Herrn Barons“— er machte eine flüchtige Verbeugung nach diesem, der sich indeß nicht umwandte—„ablehnen muß, habe ich von vornherein erklärt, und wenn ich mich Ihrem Wunsche fügte, Excellenz, so kam ich nur, um Ihnen meinen Rath und meine geschäftliche Hilfe zur Disposition zu stellen!“
„Martin!“ bat der alte Herr.
„Ich bitte Dich, Papa, erspare uns Beiden hier weitere Er · örterungen; mein Entschluß ist unerschütterlich; ich habe dem Herrn Baron zwei Mal—“ a
„Ich weiß, ich weiß; mein Bruder hat zwei Mal sehr bedeutende Summen von Ihnen erhalten, Herr Hooglander, Sie werden nicht glauben, daß ich die Absicht hatte—“
„Nicht Sie, Excellenz, gewiß nicht; aber der Papa dort kann es gar nicht begreifen, daß ich nicht für die Ehre des Namens mir selbst zu nahe treten will!“ sagte mit demselben überlegenen Lächeln Herr Martin Hooglander.
Man sah es dem Grafen Isenreut an, des reichen Geldmannes verdroß. g
Er richtete sich noch straffer in die Hohe und sagte mit einem Tone, der gelassen sein sollte und der ohne sein Wissen scharf und hochmüthig klang, zu dem alten Herrn gewandt:
„Sie verpflichten mich, Herr Geheimer Kommerzrath, wenn Sie diesen Wunsch fallen lassen; die Summe, um die es sich handelt, übersteigt weitaus diejenige, welche wir Beide zu opfern bereit sind, um die Verhältnisse meines Bruders von Neuem zu regeln. bleibt uns nichts übrig, als ein Arrangement mit den Gläubigern; sie werden sich billig finden, wenn sie sehen, daß man ihnen
wie ihn das Benehmen


