.
—
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
zu den
Oberhessischen Uuchrichten.
Nr. 40.
Gießen, den 2. Oktober.
Eine gute Vartie.
Roman von L. Haidheim.
„Horch, Maria, wie der Regen gegen die Scheiben prasselt! Welch schreckliches Oktoberwetter! Welche feuchtkalte Luft in diesen Sälen!“ sagte gedrückten Tones eine blasse, nervös aussehende Dame, die Baronin Valerie von Hooglander, zu ihrer, vor einer Staffelei sitzenden Tochter, indem sie die weiche Schlafdecke fester um sich zog.
Die Tochter erhob sich und trat an den großen Kaminofen.
„Kein Wunder, wenn Dich friert, arme Mama! Das Holz ist feucht und schwelt, ohne Flamme und Wärme zu geben. Daß man auch nicht besser für uns sorgt! Aber es ist eben nirgend hier Ordnung— zwanzig faule Schlingel sieht man herum stehen und Keiner von ihnen thut seine Pflicht. Das ist die Sache des In⸗ spektors, Papa sollte ihn entlassen!“
Sie legte eigenhändig das Feuer zurecht und dieses machte wirklich Miene ein wenig aufzuflackern.—
„Siehst Du, Mama, es brennt jetzt;— in einer Viertelstunde wird es hier ganz gemüthlich. Uns wird es natürlich schwer, uns auf dem alten Gißra einzuleben, aber Papa wollte es ja durchaus, und Du giebst ihm eben immer nach. Dir wäre gerade jetzt die milde Luft von San Remo so gut gewesen! Ach, wie ich mich zurücksehne nach dem sonnigen Italien!“
Dabei trat Maria von Hooglander, nachdem' sie eine Weile auf die triefenden Parkbäume hinabgeblickt, an die andere Fensterseite des Eckzimmers.
Auf dem Hofe, den sie von hier aus übersah, standen große Regenpfützen,— der Weg, der an demselben vorüber führte, schien fast nur unergründlicher Schlamm,— die Fontaine in der Mitte eines großen Rasenrondels war defekt, ihr Bassin bildete nur ein Reservoir für den seit gestern gefallenen Regen. Die Dachrinnen, ganz durchlöchert, bildeten an den Gebäuden entlang ergiebige Traufen, — hier und dort hing eine Fensterluke lose in den Angeln,— auf den Dächern fehlten Ziegel, kurz, der Hof mit seiner Umgebung machte einen ebenso unordentlichen Eindruck, wie der Park— eines der Lieblingssteckenpferde des Barons— der stets wohlgepflegt und ohne Rücksicht auf Kosten erhalten war, obgleich die Familie seit Jahren nicht in Gißra gewesen.
Der Park von Gißra bildete eine Sehenswürdigkeit dieses ent⸗ legenen Grenzdistrikts, und man war dem Baron, der als ein leut⸗ seliger Herr einer großen Beliebtheit genoß, sehr dankbar, daß er dem Publikum jederzeit den Besuch der in der That herrlichen An⸗ lagen gestattete.
„Ich begreife Papa gar nicht,“ sagte die Tochter, indem sie zu der Mutter zurückkam,„daß er unsere Ankunft nicht vorbereiten ließ! Aber so ist er immer! Und Du, liebste Mama, duldest schweigend alle dies Unbehagen, diese Unordnung.“
Ein langer, sprechender Blick war die einzige Antwort der Mutter.
Das junge Mädchen senkte den Kopf voll wirrer rabenschwarzer Locken; die grauen, tiefliegenden Augen verdüsterten sich noch mehr.
„Verzeih Mama, ich vergesse immer, kann es noch gar nicht auf— nehmen in mein Bewußtsein!“ Die Mutter seufzte leise und lehnte sich wieder zurück in die Kissen der Chaiselongue, die am Kamin stand und in denen sie schon seit Stunden unthätig lag und nur in dies schwelende Feuer oder den niederrieselnden Regen zu sehen schien.
Sie war gewiß einst ein sehr schönes Mädchen gewesen,— jetzt waren die Züge des feinen Gesichts scharf, und die große Magerkeit und Abspannung desselben ließen auf ein körperliches Leiden ebenso bestimmt schließen, wie der tief unglückliche Ausdruck der Augen auf einen seelischen Schmerz.
An demselben Fenster, durch welches die Blicke der Mutter in den Regen hinaussahen, stand Maria bei jedem Gange durch den Salon still, sah düster und gedankenvoll hinaus, wandte sich seufzend wieder um und begann ihr ruheloses Auf- und Abgehen von Neuem.
Mutter und Tochter hatten im Aeußeren wenig Aehnlichkeit, dennoch fanden die der Familie Nahestehenden dieselbe sehr groß, und da es unwiderleglich war, daß Maria nicht die regelmäßigen Züge, das weiche braune Haar und die braunen Augen der Mutter geerbt, sondern, daß sie das krause, schwarze Haar ihrer Großmutter, die strahlenden, dunkelgrauen Augen und die unregelmäßigen Züge ihres Vaters hatte, so mußte diese so oft hervorgehobene Aehnlichkeit in dem Wesen und den Bewegungen liegen, wie auch ganz besonders in der Stimme und Ausdrucksweise, so verschieden die Charaktere von Mutter und Tochter auch wiederum zu sein schienen.
„Wenn ich nur etwas thun könnte, Mama, es ist furchtbar, sich dem Schicksal willenlos zu unterwerfen!“ rief das junge Mädchen, plötzlich in seinem Gange innehaltend und mit einer raschen Wendung zu der Mutter tretend. Aus den bisher gesenkten Augen funkelte ein glühender Blick voll verzehrender Sehnsucht! Er traf der Mutter freudlose Augen, und ein Zug tiefen Mitleids überflog nun des Mädchens leidenschaftlich erregtes Gesicht.
„Sieh', Maria, wohin es mich gebracht hat, daß ich durchaus etwas thun wollte!“ sagte die Mutter matt.
„Und Du konntest also gar nichts ändern? Du sahest es also, batest ihn, beschworst ihn, wie Du sagst, und es war Alles vergebens?“
Die Baronin schüttelte den Kopf;— es lag Alles in der einen Geberde,— völlige Verzweiflung, völlige Ermattung; die Tochter warf den ihrigen trotzig empor.„Du hattest ihn gewiß zu lieb, Mama, Du bist so weich, so gütig und nachgiebig!“
„Könntest Du ihm böse sein, Maria?“ fragte die Mutter langsam.
„Böse? Ich habe kein Recht dazu! Aber ich kann mich nicht enthalten, eine Kritik zu üben!“
„Er wird Dich entwaffnen, Maria, wie er mich stets ent⸗ waffnet hat!“


