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„Ich will nichts von Euch! Ich will nicht wie ein gebundenes Schaf zur Schlachtbank geführt werden! Laßt mich meine Sachen allein machen, ich habe Euch nicht gerufen! Das sollte mir fehlen! Schöne Hilfe, schöne Helfer! Das sollte mir einfallen, mein Ehren⸗ wort zu geben! Als wenn das eine Kleinigkeit wäre! Meinst Du
denn, mein sogenannter, von Dir so brüderlich an's Licht gestellter
Leichtsinn ginge so weit, daß ich meinen Kopf mir nichts, dir nichts in die feine, dauerhafte Schlinge des Ehrenworts steckte!“ tobte Baron Franz.
„Wir können Dich nicht zwingen; aber vielleicht erinnerst Du Dich, daß dies Schriftstück hier, welches man mir präsentirte, und welches mich veranlaßte, ohne jede Rücksicht auf andere Pflichten hierher zu eilen, doch eine genügende Berechtigung zu meinem Ver⸗ fahren giebt!“ rief jetzt, auch seinerseits ausbrechend, Graf Bolko.
Ein neugieriger Blick des Bankiers heftete sich auf das zusammengefaltete Blatt Papier, welches in Graf Bolko's Händen zitterte und raschelte.
Eine fahle Blässe überflog das Gesicht des Barons, seine Augen fuhren scheu hin und her; sichtlich ging ein großer, wenn auch kurzer Kampf in ihm vor.
„Wenn ich unterschreibe, giebst Du mir dann das verfluchte Ding da zurück?“
„Ja
Der Baron zögerte.
„Du wärest doch der Letzte, der davon gegen den eigenen Bruder Gebrauch machen würde,“ er⸗ widerte er mit scheuem, wü⸗ thenden Blick, halb fragend.
„Ich würde, giebst Du nicht Dein Ehrenwort, Gißra nicht zu verlassen, mit tiefstem Kum⸗ mer dies Papier dem König vorlegen, und dieser wird die Ehre meines Namens zu schützen wissen,“ sagte Graf Bolko dro⸗ hend, fest.
„Gut, so hol' der Teufel diese Quälerei! Gebt mir die Feder.— Hier! Nur her mit dem satanischen Ding!“ rief wüthend der Baron und schrieb hastig seinen Namen unter das schon bereit gehaltene Dokument.
„Und nun Dein Ehrenwort!“
„Ich gebe es! Ja, ja!— Hat die Geschichte jetzt ein Ende?“
„Ja, hier ist das Papier!“ sagte Graf Bolko mit ernstem Blick, „verstreue ähnliche nicht wieder!“
„Werde mich hüten. Ohne dieses vermaledeite Ding hättet Ihr mich lange bitten können!“ lachte wüthend der Baron und wollte das Blatt in die Tasche stecken.
Graf Bolko wurde ganz blaß.„Du bist und bleibst unver⸗ besserlich!“ sagte er leise in bitterem Aerger zu seinem Bruder, in- dem er, rasch an ihn herantretend, ihn zum Kamin führte.„Hast Du denn gar kein Verständniß für—? Wirf es da hinein und danke Gott, wenn es zu Asche gebrannt ist. Und— um des All— mächtigen Willen, Franz, es ist doch kein zweites vorhanden, nichts Aehnliches?“
Der Baron schien von dem, was der Graf sagte, überzeugt; er machte ein bedrücktes Gesicht, warf das Papier auf die glühende Asche und sah befriedigt, wie es hell brannte; dann sagte er ebenso leise:„Sei doch nur still, es ist ja das Einzige, ich werde mich hüten, mir je wieder die Finger zu verbrennen. Und nun sage mir doch noch eins:„Bin ich denn nun Gefangener auf Lebenszeit, ohne Pardon?“
„Dein Wort bindet Dich für immer, bis an den Tod, es sei denn, daß ich und Hooglander Dich davon lösen,“ sagte Graf Bolke
langsam und hart.
Westfälische Dorfbraut. Nach dem Gemälde von Johanna v. Pritzelwitz.
„Und wenn ich es breche?“ sagte, bebend vor Wuth, der Baron. Der Graf sah seinen Bruder an, als schlüge ein Blitz vor ihm nieder, aus blauem Himmel kommend. Er wurde so bleich, wie ein Sterbender. Der Andere schaute trotzig in das entsetzte Gesicht und auf den wortlosen Schrecken Graf Bolko's.„Nun, thu' nur nicht, als wüßtest Du allein, was ein Ehrenwort ist!“ sagte er dann brüsk und drehte sich kurz um.
Unterdessen hatten die beiden Herren Hooglander ebenfalls mit einander leise gesprochen; der jüngere mit einem unsäglich verächt⸗ lichen Blick auf den Baron Franz und dem Vater bittere Worte über denselben sagend. Dieser schien sehr angegriffen. Das feine, kränkliche Gesicht trug den Ausdruck tiefen Kummers.
„Sage das doch nicht, Martin,“ bat er,„er ist nicht so schlimm, wie es scheint. Sein Herz ist gut, und Valerie versichert ja, er trage sie auf den Händen, er sei sehr gütig und liebevoll gegen sie und Maria.“
Der Sohn zuckte die Achseln. „Ich wünschte, der selige Onkel sähe, was er angerichtet, als er durchaus für Valerie einen adligen Gemahl wollte!“ sagte er bitter.
Der Advokat hatte seine Akten⸗ stücke zusammengepackt und sich bis zum Diner, welches die Herren dann wieder zusammen⸗ führen sollte, empfohlen. Die beiden Hooglander und Graf Bolko von Isenreut hatten noch eine kurze Weile mit einander von der Baronin Valerie geredet, und der Letztere es übernommen, dieselbe, deren Zustimmung er sich unter der Hand vorher ver⸗ sichert hatte, von dem gewonne⸗ nen Resultate in Kenntniß zu setzen. Sie sahen alle Drei ganz erleichtert aus, denn wenn⸗ gleich aus den Augen des jünge⸗ ren Hooglander etwas wie Feindseligkeit gegen den Baron sprach, so hatte doch auch er sich zu gratuliren, daß die Wieder⸗ holung so schwerer Opfer, wie der Leichtsinn des Barons sie sei⸗ nem Vater auferlegt, jetzt ein für allemal unmöglich gemacht war.
Unerquicklich, wie derartige Familienhandlungen immer sind, war die heutige jedenfalls eine der schlimmsten gewesen, und schon, daß man endlich klar sah, das Uebel an den Wurzeln fassen konnte, war ein Gewinn für Alle. Baron Hooglander nahm von der weiteren Anwesenheit der Herren keine Notiz; er ging gedankenvoll im Zimmer auf und ab, und während sein Gesicht nach und nach wieder den gewohnten Ausdruck der behaglichsten Selbstzufriedenheit erhielt, hörten die Herren ihn Anfangs leise, dann lauter ein Liedchen pfeifen.
Mit einem Blick der souveränsten Verachtung sah Graf Bolko auf den Bruder, und doch lag daneben etwas wie unruhige Sorge, ja Furcht in seinen Augen. Da ging derselbe, die Hände in den Taschen seines eleganten Morgenjaquets, das Bild des heitersten Friedens, auf und ab; ihn nur ansehen, war zum Rasendwerden! Gott sei Dank, daß man ihn jetzt fest hatte!
Kaum waren die Herren fort, so blieb der Baron stehen, streckte und dehnte sich wie ein Mensch nach schwerer Arbeit, ua. man sah ihm an, wie lieb es ihm war, endlich allein zu sein. Fr holte seine Cigarren, wählte mit Bedacht eine besonders f.ee und zündete sie an, dann klingelte er und befahl dem eint etenden Kammerdiener, ihn zu frisiren.
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