Ausgabe 
2.1.1887
 
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und mehr Materialist geworden, verlor er schließlich gerade dadurch

die Begeisterung für seinen Beruf, und als ihm in seinem 28. Jahr

durch den Tod seiner Mutter ein bedeutendes Vermögen zufiel, trat

er in einen Klub ein, dessen Mitglieder lustig in den Tag hinein⸗

lebten. Was aber für die nervöse Natur des etwas blasirten Alfred Glasow die größte Anziehungskraft übte, waren die festen Spielabende dieses Vereins. Ungeheure Summen wurden da verspielt und er war ein glücklicher Spieler. Trotzdem aber hatte er sich oft Vor⸗ würfe gemacht über diese Art, seine Zeit und sein Leben zu vergeuden, ohne etwas Nützliches zu sein und zu schaffen aber es fehlte ihm an Energie, oder vielleicht nur an einer Gelegenheit, um seinem Nen einen Umschwung zu geben. So lebte er denn weiter als eine

r tausenden Gestalten, die wohl ihren eignen Werth fühlen und nicht die moralische Kraft besitzen, etwas aus sich zu machen.

Eines Abends, es mochte wohl jetzt bald ein Jahr her sein, hatte

uf der Straße ein auffallend hübsches Mädchen gesehen, dessen Zuge ihm bekannt vorkamen.

Die Art und Weise, in welcher sie ihn mit ihren rothen, ver weinten Augen ansah, ließ ihn vermuthen, daß sie ihn auch erkannt hatte, er redete sie an und fand schließlich in dem blühenden, hübschen Mädchen den kleinen, zwölfjährigen Rothkopf wieder, der vor vielen Jahren seiner Mutter aus einem Geschäft in der Mauerstraße Wäsche gebracht hatte. Sie erzählte ihm unter Thränen, daß ihre Mutter im Sterben läge, er hatte großes Mitleid mit ihr gefühlt, begleitete sie in ihr Haus und sprach tröstende Worte zu ihr.

Am selben Abend hatte er im Klub seinen Freunden von dem reizenden Mädchen, das er gefunden, vorgeschwärmt, aber als er vier Wochen später nach demselben Hause in der Mauerstraße ging, war sie da nicht mehr. Man gab ihm eine Adresse in der Kanonierstraße auf; aber auch hier war sein Goldkopf fortgezogen, wohin wußte man nicht. Bequem wie er war, hatte er es allmählich aufgegeben, sie zu finden. Sie wußte ja seine Adresse und in der Hoffnung, daß die Kleine mit der Zeit von sich hören lassen würde, hatte er sich vorläufig nicht um sie gekümmert.

Der Wagen hielt vor einem öffentlichen Gebäude in der Poststraße.

Alfred rief dem Kutscher zu, daß er warten möchte und betrat einen Thorweg, hier stand auf der linken Seite mit großen Buch staben:Berliner Auskunftsbureau. 2 Treppen. Das Gas wurde eben angesteckt, als er die Stufen emporstieg. Nach einigem Suchen fand er unter den elen Thüren endlich die richtige und trat in einen Raum, in dem eine große Zahl Beamte bei dem Schein der Gasflamme arbeiteten, in Haufen von Attesten und Bescheinigungen Art vergraben, beugten sie sich mit eifriger Amtsmiene über tokolle und Listen.

Eine ungemüthliche Stille herrschte im Zimmer; man hörte nur Klritzeln der Federn und dann und wann die kurz abgeschnittenen jen und Antworten am Auskunftsschalter links.

Auf dem offenen Platz im Vordergrunde, der von den Plätzen Zeamten durch ein hohes hölzernes Geländer getrennt war, bildete

Reihe meist ärmlich gekleideter Personen Queue vor dem lter, hinter welchem ein alter mürrischer Beamter saß. Seine aaaufgesetzte Perrücke, der im bureaukratischen Style gehaltene

nartige Schnurrbart, der deutliche Spuren von Schnupftabak zeigte, verlieh in Verbindung mit dem stark zurücktretenden Kinn und den hochgeschobenen Augenbrauen seinem hageren Gesicht so recht den Charakter eines auf knappes Gehalt gesetzten, in der Tretmühle des öffentlichen Dienstes alt gewordenen spießbürgerlichen Beamten.

Alfred beobachtete mit lebhaftem Interesse die eigenthümlich traurige Scene, die sich eben am Schalter abspielte. Eine Mutter erkundigte sich nach ihrem verschollenen Kinde.

Bertha Köhler, blond, achtzehn Jahre, früher Näherin? sprach der Beamte mit eintöniger Stimme und nahm eine Prise aus der neben ihm stehenden Tabaksdose.

Ja, antwortete die kleine Frau, die mit verweinten Augen, das Portemonnaie in der Hand und einen zerfetzten, grauen Shawl über die mageren Schultern geworfen, vor dem Schalter stand.

Unter polizeiliche Kontrole gestellt, lautete die eintönige Antwort.

Die unglückliche Mutter brach in ein heftiges Schluchzen aus und wollte sich entfernen.

Fünfundzwanzig Pfennige her! wenn ich bitten darf, ertönte es mürrisch aus dem Schalter. Mit zitternder Hand zahlte die arme Frau das Geld aus, und ging taumelnd an die Seite.

Jetzt kam ein junger Mann an die Reihe, der nach dem großen

breitkrempigen Hut und der etwas extravaganten Kleidung zu ur⸗ theilen ein Maler oder ein Bildhauer sein mochte. In der einen Hand hielt er eine brennende Cigarette, die er vor den Augen der Beamten zu verbergen sich bemühte; er trat mit einer flotten Miene an den Schalter.

Anna Schönkopf, brünette, 16 Jahr, Modell!

Es wurde in mehreren Büchern nachgesucht.

Anna Schönkopf, sechszig Jahre, das stimmt!

Sechszehn! behauptete der Künstler,die Sechszigjährige kann ich nicht brauchen.

Ja, das thut mir leid, die andere haben wir nicht, fünf⸗ undzwanzig Pfennige, wenn ich bitten darf. Der Künstler zuckte die Schultern, bezahlte und verließ brummend das Zimmer.

Endlich kam Alfred an die Reihe und erhielt auch ganz richtig die Adresse seines kleinen Goldkopfes.

Nachdenklich stieg er die Stufen der breiten Treppe hinab. Als er in die Droschke stieg, rief er dem Kutscher eine Adresse im Alt Berlin zu, zog den Pelz dicht an sich und nahm in dem Wagen Platz. Sein Herz klopfte rascher bei dem Gedanken, daß er das reizende Mädchen wiedersehen sollte, und er verlor sich in Muth maßungen darüber, was für einen Bericht er wohl seinen Freunden nachher abzugeben haben würde.

Die Droschke hielt vor einem niedrigen Haus in der Schmiede Straße. Der offene, schmutzige Flur wurde von der gradeüber stehenden Straßenlaterne beleuchtet. Die alte Wirthin kam eben die Treppe herunter:

Ist Fräulein Marie zu Haus? fragte Alfred.

Gewiß, mein 1 antwortete die Alte, indem sie neugierig den fremden vornehmen Besuch anglotzte.Sie treffen sie oben in ihrem Zimmer. Ich werde sofort die Lampe bringen, wenn ich Petroleum gekauft habe! fügte sie leise kichernd für sich hinzu

Alfred kletterte die steile Treppe hinauf, deren Stufen unter seinen Tritten stöhnten.

Marie war, als es klopfte, zusammengefahren und in dem Ge danken, es sei ihre Wirthin, die um diese Zeit gewöhnlich die Lampe brachte, rief sie getrost: Herein! und blieb ruhig sitzen. Aber wie erschrocken und verwundert zugleich war sie, als eine große männliche Gestalt in's Zimmer trat.

Guten Tag, Fräulein Marie! sprach eine tiefe wohlklingende Stimme der Fremde näherte sich und reichte ihr die Hand. Der Laternenschein fiel jetzt auf sein Gesicht. Mit einem halbunter drückten Freudenschrei sprang Marie von ihrem Sitz auf.

Herr Glasow! Sie hier! rief sie.Eben dachte ich an Sie!

Doch plötzlich blieb sie stehen eine tiefe Röthe bedeckte ihre Wangen, und als Alfred noch einen Schritt näher trat und ihre Hand fassen wollte, wich sie halb unwillig, halb beschämt zurück und sagte zögernd:

Verzeihen Sie, Herr Glasow, ich glaubte, es sei meine Wirthin, deßhalb rief ich: Herein! Ich hatte nicht erwartet, Sie statt ihrer zu sehen. Erlauben Sie, daß ich Licht hole.

Ganz überflüssig! sagte er, indem er ihr den Weg nach der Thür versperrte.Ihre Wirthin, die ich soeben unten traf, sagte, sie würde sofort die Lampe bringen und ich sollte und könnte ohne weiteres zu Ihnen hinaufgehen. Da bin ich nun treffe Sie im Dunklen um so netter!

Ungenirt entledigte er sich seines Paletots, den er über einen Stuhl legte.

Marie war unbeweglich stehen geblieben. Das unerwartete Er⸗ scheinen des jungen Mannes gerade in dem Moment, wo sie sich so lebhaft in Gedanken mit ihm beschäftigte, hatte sie veranlaßt, ihm einen herzlicheren Empfang zu Theil werden zu lassen, als sie es jetzt angesichts seiner ungenirten Familiarität für passend fand. Wie mochte er es wohl aufgefaßt haben, als sie ihm zugerufen, sie hätte eben an ihn gedacht?!

Alfred Glasow ging einige Male im Zimmer auf und ab und rieb sich die kalten Hände.

Ist das eine Ewigkeit, seit ich Sie nicht gesehen! Sie dachten eben an mich, sagten Sie? Sehr schmeichelhaft! und ich danke Ihnen, Marie! Er trat auf sie zu und faßte sie scherzend beim Kinn. Tief erröthend neigte sie den Kopf zurück dabei mußte sie ihm in die Augen sehen in diese schwarzen übermüthigen Augen, deren Blick in entschiedenem Widerspruch stand mit der Vorstellung, die Marie sich von dem uneigennützigen Freund, an den sie sich mit

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