Als sie endlich mit dem Auftrennen fertig war, sammelte sie die einzelnen Stücke zusammen, holte ihren Nähkorb und setzte sich an die Maschine. Hänschen, der inzwischen eine große Konzertpause gemacht hatte, wurde beim Lärmen der Nähmaschine wieder munter und sang seine schönsten Lieder zu der eintönigen Begleitung.—
Indessen kletterten die Sonnenstrahlen langsam an der Stuhl⸗ lehne empor, breiteten sich lachend über Schultern und Hals des jungen, eifrig arbeitenden Mädchens und begannen ein lustiges Spiel mit den goldigen Löckchen, die sich in ihrem zarten Nacken anmuthig ringelten. Ihr feines Profil war tief im Schatten und hob sich dunkel ab von der sonnenbeschienenen Fensterbank.
Schon längst war die Sonne hinter den verschneiten Dächern verschwunden und das kleine Zimmer in ein unsicheres Halbdunkel gehüllt, und immer noch lärmte die Nähmaschine. Die Nähende neigte den Kopf tiefer und tiefer, um besser sehen zu können, allein ihre Mühe war vergebens. Mit verdrießlicher Miene legte sie die Arbeit beiseite.
„Ich kann nichts mehr sehen,“ sagte sie,—„wie sind doch die Tage kurz, und Petroleum ist theuer,“ fügte sie nachdenklich hinzu. Seufzend ging sie an einen kleinen Schrank, der ihr als Speisekammer diente, nahm daraus einen Apfel und ein Stück Brod und verzehrte beides, nachdem sie im Sopha Platz genommen hatte.
„Nur ein Bischen ausruhen,“ sagte sie wie entschuldigend zu sich selbst. Sie stützte den Kopf auf ihre Hand,— immer dunkler wurde es im Zimmer und so recht geeignet war die Stunde, um sich trüben Gedanken hinzugeben. Und mit Gewalt drangen diese auf ihr junges Gemüth ein. Das vergangene Jahr war für sie voller trauriger Begebenheiten gewesen. Bei dem Tode ihrer Mutter und dem gleich darauf folgenden Verkauf des kleinen Wäschegeschäftes, von dessen Ertrag sie beide gelebt hatten— bei all den Gegen⸗ ständen, die sie von Kindheit an lieb gewonnen hatte, verweilte sie mit jenem schmerzlichen Gefühl, welches wir stets empfinden, wenn wir an etwas Liebes denken, das uns für immer verloren gegangen. Dann gedachte sie der entsetzlichen Zeit, in der sie wochenlang resultat⸗ los nach Arbeit gesucht und statt dessen nichts als Versuchungen jeder Art gefunden hatte. Und wie tapfer hatte sie allem wider⸗ standen! Mit welcher Energie sich gesträubt, dem Beispiel vieler ihrer Alters- und Standesgenossinnen zu folgen! Und was war der Lohn dafür! War sie jetzt nicht im furchtbarsten Elend? Harrte ihrer nicht ein entsetzlicher Moment? Morgen war der erste Januar, und für ihre Miethe hatte sie noch nicht den ersten Pfennig in der Tasche! Und hatte ihre Wirthin nicht mit Exmission gedroht? was würde sie anfangen, wenn dieses hartherzige Weib sie auf die Straße setzte, wo ein Unterkommen finden für die Nacht?
„Habe ich denn auf der ganzen Welt keinen einzigen Freund, der mir helfen könnte?“ sagte sie mit bebenden Lippen halblaut vor sich hin und ließ, bei dem Gedanken an ihr Verlassensein, ihren Thränen freien Lauf.
Ein heller Schein verbreitete sich plötzlich über die niedrige Decke des Stübchens. Er kam von den Gasflammen, die auf der anderen Seite der Straße soeben angezündet wurden. Marie schrak zusammen — das unstäte Licht erinnerte sie an jenen Abend, wo sie am Sterbe⸗ bett der Mutter gesessen;— damals spielte auch wie heute der Laternen⸗ schein an der Decke— und wie heute hatte sie sich unglücklich gefühlt— oh, so unglücklich! Aber hatte in jener Stunde nicht eine Stimme neben ihr geflüstert:
„Wenn Sie jemals eines Freundes bedürfen, Marie, so gedenken Sie meiner!“ Ja, sie hatte einen Freund! Daß ihr der Gedanke nicht früher gekommen war! Wie weich war der Klang seiner Stimme gewesen, als er damals die Worte gesprochen—! oh, gewiß, er würde ihr helfen— er war ja reich— sobald die Wirthin ihre Lampe gebracht hatte, wollte sie ihm schreiben, um ihn um ein kleines Dar⸗ lehn zu bitten.
Jetzt fiel es ihr auch ein, wie unklug und zugleich undankbar es von ihr gewesen, daß sie ihn nicht benachrichtigt hatte, wo sie nachher hingezogen war. Sicherlich würde sie schon längst von ihm gehört haben, wenn er ihre Adresse gekannt hätte.
Wo er wohnte, wußte sie ja von der Zeit, wo sie als kleines Mädchen im Auftrage ihrer Mutter geschäͤftliche Gänge nach dem herrschaftlichen Hause in der Thiergartenstraße besorgte. Sie sah noch deutlich die vornehme Villa mit dem Garten und den großen Bäumen vor sich. Das eiserne Gitter, welches den Garten umzäunte, die kleine
Gitterthür, welche laut kreischte, wenn sie geöffnet wurde— alles stand lebhaft vor ihrem Gedächtniß.
Marie lehnte den Kopf zurück auf die Sophalehne, während ihre Gedanken bei diesen Erinnerungen verweilten, und sie war grade im Begriff einzuschlafen— als es klopfte.
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In einem Privathotel Unter den Linden ging es lustig zu.
Der Knall der Champagnerpfropfen, das Rascheln der Austern⸗ schalen, die sich allmählich zu einem wahren Berg anhäuften— das Klingen der Gläser und die ausgelassenen Scherze der lustigen Zecher harmonirten vorzüglich mit der Inschrift auf der kleinen Mar tafel, die an der Thür angebracht war. Hier stand nämlich schwarzer Schrift: Zum fidelen Pfropfen. 5
Der kleine Verein reicher blasirter Lebemänner, die eine 9 von drei aneinanderstoßenden Zimmern fest gemiethet hatten und
meistens ihre Abende hier verlebten, hatte heute Generalversammlung,
um für eine größere Schlittenpartie, die am Neujahrstag unternommen werden sollte, das Nähere zu verabreden. Der lebhafte Discours drehte sich jetzt nur darum, daß eins der Mitglieder noch keine Dame engagirt habe.
„Warum ladest Du denn nicht den kleinen Goldkopf ein, von dem Du uns soviel vorgeschwärmt hast, Alfred?“ rief ein noch junger Mann, dessen fettbleiches Gesicht sich wie ein Vollmond hinter dem Berg von Austernschalen emporhob.„Oder magst Du lieber die Kleine vom Friedrich ⸗Wilhelmstädtischen?“
„Um Gotteswillen, bleibt mir mit Euren Choristinnen vom Leibe!“ rief der Angeredete, ein sehr distinguirt aussehender Herr, verdrießlich.
„Oho! Erlauben Sie, erlauben Sie!“ ertönte plötzlich eine tiefe Baßstimme,„die meisten von uns sind morgen mit Choristinnen oder Statistinnen vermählt— Sie beleidigen die ganze Gesellschaft! Als Vorsitzender des Vereins verurtheile ich Sie dazu, auf der Stelle drei Gläser Sect zu leeren, auf das Wohl der Schönen, die wir uns für morgen erkoren haben!“ Der also Sprechende war ein großer, starker, nicht mehr ganz junger Mann; er näherte sich Alfred, füllte ihm das Glas und dieser that gehorsam Buße.
„Ich trinke auf meiue süße Schlangenkönigin!“ rief ein junger Mensch, dessen glühendes Gesicht und gläserner Blick vern daß er schon tief in's Glas geguckt hatte. 0 2
„Und ich auf meine kleine Chans onettensängerin!“ rief ein Anderer.
„Von allen den Mädchen so blink und so blank—“ fing ein Dritter an.
„Bravo, meine Herren! so mag ich's leiden!“ rief der Vorsitzende. „Ehret die Damen! Und Sie, Herr Glasow,“ wandte er sich an Alfred,„Sie müssen jetzt fort, sonst wird's zu spät!“
„Zu Befehl, Herr Präsident!“ erwiderte dieser und erhob sich lächelnd.„Wenn es nicht anders ist, muß ich wohl sehen, wie ich meine Kleine festkriege. Offen gesagt hätte ich sie schon aufgefordert, wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo sie steckt. Es bleibt mir wobl nichts anderes übrig als erst nach dem Auskunftsbureau zu um mich dort nach ihrer Adresse zu erkundigen.“
„Ist sie hübsch? sie ist ja rothhaarig, hat man mir ge rief der Fettbleiche.
Alfred Glasow lächelte überlegen, indem er seinen Pelzmantel zuknöpfte.„Na— Ihr werdet ja sehen!“ sagte er.
„Donnerwetter, Kinder! wird das aber ein Aufsehen machen. Zehn Schlitten und in jedem einer von uns mit einem hübschen Frauenzimmer!“
„Von allen den Mädchen so blink und so blank,“ tonte es noch an Alfreds Ohr, als er auf die Straße trat.
Es hatte wieder tüchtig geschneit.
Er zog den Pelzkragen in die Höhe und rief eine Droschke herbei.
Der alte Droschkenkutscher neigte sich fragend vom Bock herab, als Alfred in den offenen Wagen stieg.
„Auskunftsbureau!“ rief der Letztere—„in der Poststraße!“ „Ja, ich weiß schon!“ nickt der Kutscher. Der Wagen rollte davon. Alfred Glasow war Schriftsteller. Seit seinem 25. Jahr hatte er mit großem Eifer Philosophie studirt. Doch nicht lange dauerte es, so spottete er über seine früheren literarischen Produkte, die alle einen so fröhlichen, unverdorbenen Natursinn verriethen. Er ergab sich, mit einem außerordentlich scharfen Verstande begabt, der alles analysirenden und secirenden Richtung und war schließlich zu Er⸗ kenntnissen gelangt, die jedes Ideale leugneten und umstießen. Mehr
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