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0 hörte man Schluchzen.
Oberhessischen
zu den
Uuchrichten.
8 Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werben.
Gießen, den
1887.
2. Jauuar.
Sylvesterglocken.
Erzählung von H.
Es war am letzten Dezembertag. Die Sonne stand niedrig über dem alten, verschneiten Mansardendach da drüben auf der andern Seite der Straße. Ihre schwachen Strahlen fielen durch die Fenster⸗ scheiben auf Fußboden und Wand der niedrigen Dachstube und zeichneten hier einen Schattenriß des ganzen Fensters mit den vielen Sprossen und den in demselben stehenden Blumentöpfen. In dem kleinen, wackligen eisernen Ofen, dessen Rohr in den weißgekalkten Schornstein verlief, welcher in das Zimmer hineingebaut war, brannte ein lustiges Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme. Die Wände des Zimmers waren mit naiven bunten Lithographieen, sowie einer wahren Unzahl von kleinen Photographieen in billigen Rahmen behängt. Unter einem Spiegel von trübem Glas stand ein altes Sopha, dessen verschossener, gestopfter und geflickter Bezug noch immer tapfer dem Zahn der Zeit zu trotzen versuchte, und vor diesem ein Tisch, auf welchem ein großes Packet, in eine weiße Serviette gehüllt, lag. Eine am Fenster stehende Nähmaschine deutete darauf hin, daß die Bewohnerin des Stübchens eine Näherin sein mochte. Mit dem etwas säuerlichen Geruch des neuerdings geputzten Ofens mischte sich der Duft einiger blühenden Hyacinthen, die mit einigen anderen Topfgewächsen dem Zimmer einen gemüthlich anheimelnden Charakter verliehen.
Im Stübchen war Niemand. Nur ein kleiner Kanarienvogel, der sich unter der niedrigen Decke in einem kleinen Käfig befand, widmete mit einer unglaublichen Ausdauer den in das Zimmer ein— dringenden Sonnenstrahlen seine Lieder und Triller. Im Dezember ist die Sonne ein seltener Gast; deshalb meinte auch wohl der kleine Sänger, man könne ihr nicht genug Ehre anthun, denn er trillerte und sang mit solcher Kraft und Energie, daß sein kleiner wohl— behäbiger Körper vor Anstrengung zitterte und seine Aeuglein sich in musikalischer Selbstvergessenheit schlossen. Plötzlich schwieg er und neigte das Köpfchen bedächtig auf die Seite.— Von dem unteren Geschoß drang eine rohe Weiberstimme herauf. Bald be— schwichtigend, bald bittend antwortete eine andere, die einem jungen Mädchen zu gehören schien. Die Stimmen näherten sich immer mehr, während auf der Treppe Fußtritte hörbar wurden.
„Ich bekomme morgen mein Geld bis auf den letzten Heller— oder ich lasse Sie pfänden!“ rief die Alte laut. Nach diesen Worten Plötzlich wurde die Stimme der Alten freundlich und zutraulich. Sie sprach schnell und eindringlich, aber jetzt schien die Andere sich ablehnend zu verhalten— minutenlang hörte man nur ein leises Zischeln, dann sagte die Alte laut und ärgerlich:
„Seien Sie nur kein Narr— folgen Sie meinem Rathe— ich sage Ihnen——“ ihr Reden ging wieder in Flüsterton über, dann und wann von einem widrigen Gelächter begleitet....
„Hehehe! ich sehe es schon kommen, mein Mäuschen, daß Sie
Fries⸗Schwenzen.
der alten Krüger danken werden, weil sie es so gut mit Ihnen ge— meint hat!—“
„Niemals!“ erklang die Antwort so klar wie ein Glockenton— leichte Schritte näherten sich wieder, aber von der Treppe erscholl noch einmal die Stimme der Alten:
„Wie Sie wollen, mein tugendsames Fräulein, aber morgen um 12 Uhr habe ich mein Geld bis auf den letzten Heller, oder... und merken Sie sich das, Fräulein Naseweis,“ fügte sie bitter hinzu, „Sie wohnen hier in einem anständigen Hause, wo Pünktlichkeit die erste Tugend ist!“ Das Klappern von Holzschuhen verlor sich auf der Treppe,— unten wurde eine Thür heftig zugeschlagen— dann verstummte alles.— i
Die Thür des Dachstübchens wurde nun geöffnet und ein junges Mädchen mit großen kindlich blickenden Augen trat ein. Eine Thräne schlich sich langsam über die jugendliche Rundung ihrer bleichen Wange. Ihre Lippen murmelten einige Worte und das Köpfchen nickle bekräftigend dazu, als wollte es ihren Gedanken Bestätigung geben. Der kleine Kanarienvogel hatte beim Eintritt seiner Herrin nach einigen fragenden Tönen und prüfenden Trillern den verlorenen Faden wiedergefunden und sang und trillerte jetzt wenn möglich noch ausgelassener als vorhin.
Ganz in Gedanken versunken, war das junge Mädchen an der Thür stehen geblieben; jetzt fiel ihr Blick auf den kleinen eifrigen Sänger und ein schwaches Lächeln glitt über ihre Lippen.
„Du bist ja heute so lustig, Hänschen,“ sagte sie,„willst Du ein Stück Zucker?“ und indem sie an ihre Kommode ging, auf welcher eine leere Tasse nebst einer kleinen Zuckerschale stand, plauderte sie weiter:„Ich habe dir dies eine Stück hier aufgehoben, obgleich ich zu gern meinen Kaffee süß trinke!“
Sie trat an den Käfig, hob sich auf die Fußspitzen und befestigte den Zucker zwischen den weißbemalten eisernen Stäbchen. In dieser Stellung kam ihr anmuthiger Wuchs, der von dem eng anliegenden schwarzen Kleid hervorgehoben wurde, vortheilhaft zur Geltung. Der feingerundete Hals hob sich blendend weiß von der schwarzen Rüsche ab, über der das goldige, in's Röthliche schimmernde Haar in einem einfachen großen Knoten im Nacken befestigt war.„Jetzt aber an die Arbeit,“ sagte sie, ging rasch an den Tisch, auf welchem das große Packet lag, und zog aus der verhüllenden Serviette ein seidenes Ballkleid hervor, das ihr zum Umändern anvertraut worden war. Sie breitete das Kleid auf das Bett aus und begann eine Naht nach der andern aufzutrennen. Während dieser Arbeit rechnete sie im Kopf zusammen, wieviel Geld sie wohl im günstigsten Falle am nächsten Tage ihrer Wirthin bringen könnte; doch, nach der krausen Stirn und den tiefen Seufzern zu urtheilen, die sich in kurzen Pausen ihrer Brust entrangen, konnte das Resultat dieser Berechnung kein befriedigendes sein. 5


