Ausgabe 
31.10.1886
 
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Auch bei der deutschen Kaiserfamilie stand sie in höchster Gunst. Unsre Frieb nannte sie jeder Berliner, undunsre Frieb hieß sie auch im kaiserlichen Palais. Aber auch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurde ihr Name in ehrenvollster Weise ge⸗ nannt und als der feinsinnigste Kunstkenner Englands, der Goethe⸗ biograph Lewes nach Berlin kam, fällte er ein Urtheil über die Leistung der Frieb, als Großherzogin imGeheimen Agenten, welches in Wortlaut mitgetheilt zu werden verdient, da es die er⸗ schöpfendste Würdigung der unvergeßlichen Künstlerin enthält:

Wer sich Mrs. Glower's erinnert und sich ihren seltnen Humor, verbunden mit Madame Plessy's Feinheit denken kann, wird sich eine Vorstellung von Frau Frieb⸗Blumauers Spiel in der Rolle der salbungsreichen und würdevollen Despotin machen können. Ein gelassenes königliches Benehmen, eine gedämpfte, aber höchst be⸗ zeichnende Emphase, ein sanft gebietendes Wesen, das offenbar Widerstand für ganz unmöglich hält, eine zarte Modulation der Stimme und ein wundervolles Mienen- und Geberdenspiel entzückten uns fortwährend, während jeder neue Zug dem vortrefflichen Bilde volleres Leben verlieh. In einer Rolle, die so leicht zur Karrikatur werden kann, wie die einer Frau, welche sich stets hinter ihreer schütterten Nerven zurückzieht, streifte Frau Frieb-Blumauer nie in Blick oder Ton an Uebertreibung und wußte doch jeden kleinsten Zug ohne jede Absichtlichkeit so scharf hervorzuheben, daß kein Blick oder Ton unbemerkt blieb. Ihre Art zu sprechen war musterhaft. Das Senken der Augenlider und das Spiel der Hände machten sehr gewöhnliche Bemerkungen überraschend wirksam. Nicht als ob sie jemals auf Effekt gespielt hätte. Sie that nichts, umdas Haus im Sturm zu nehmen. Ich erinnere mich nicht, daß ein einziges Mal laut gelacht worden wäre. Aber sie war nie auf der Bühne, ohne die volle Aufmerksamkeit jedes Zuschauers in Anspruch zu nehmen, und von Anfang bis Ende durchzitterte uns jenes Entzücken, welches künstlerische Wahrheit in uns hervorruft. Ich habe seitdem erfahren, daß sie ebenso groß in dem niedern wie in dem hier be⸗ sprochenen höheren Lustspiel ist, und daß sie alle Dialekte beherrscht. So sonderbar es scheinen mag, daß diese durch Eleganz und feine Nüancirung so ausgezeichnete Schauspielerin auch im niedern Lust⸗ spiel vorzüglich sein soll, so kann ich es mir doch wohl denken; denn sie zeigt sich als eine Künstlerin, der man die Darstellung aller nicht außerhalb der Grenzen ihrer physischen Organisation liegenden Rollen zutrauen könnte. Unter allen Umständen darf man unbedenklich behaupten, daß die Berliner Bühne in ihr eine Schau⸗ spielerin im Fache des höheren Lustspiels besitzt, der(seit Mrs. Glower) keine Schauspielerin auf unserer Bühne an die Seite ge stellt werden kann.

Dies hohe Lob aus dem Munde eines Aesthetikers, welcher die größten Mimen unseres Jahrhunderts kannte, hat eine große Be⸗ deutung undunsere Frieb verdiente den hervorragenden Platz, welchen Lewes ihr anwies, vollkommen. Sie hat sich zu dem⸗ selben emporgerungen, weil ihr das Schicksal im Anfang der Lauf bahn schwer zu überwindende Hindernisse in den Weg legte. An diesen stählte sich ihre Kraft und bildete sich ihr Charakter. Auf treffliche Eigenschaften, die sie der guten Erziehung ihres Vaters dankte, gründete sich zum Theil ihr künstlerisches Vermögen. Sie war ein Muster in Bezug auf Ordnung und Fleiß. In der Kunst wie im Leben verließ sie sich niemals auf Andere. So oft sie in ihrem Leben eine Reise antrat, packte sie ihre Koffer selber und stets mit peinlichster Sorgfalt. Zum ersten Male erlaubte sie ihrer alten Wirthschafterin Louise den Koffer auszupacken, als sie aus Wiesbaden krank von ihrer letzten Reise zurückkehrte. Und während die Siebzigjährige der treuen Dienerin dabei zuschaute, schüttelte sie so trübe den Kopf, wie jemand, der sich eine unverzeihliche Schwäche zu Schulden kommen läßt. Führte das Schicksal die Künstlerin auf ganz andere Wege als sie in der Jugend erträumt hatte, so errang sie doch Erfolge, welche ihre kühnsten Wünsche überflügelten. Was eine Künstlerin in ihrem Vaterland an Ehren und Belohnungen zu erreichen vermag, das fiel ihr zu. Als sie im Jahre 1878 ihr Schauspieler-Jubiläum beging, wurden ihr Beweise der Verehrung und Liebe zu Theil, welche sie tief rührten. Und der Tod erschien ihr fast wie ein wohlmeinender Freund; er rief sie ab, als die Erschöpfung der physischen Kräfte sie an der Ausübung ihrer Kunst zu hindern anfing. Unsere Frieb aber wäre in tiefe Schwermuth versunken, wenn der Verfall der Kräfte sie gezwungen hätte, der Welt des Scheins zu entsagen. Ein Leben fern vom

Theater würde sie nicht ertragen haben und so ließ ein gütiges Geschick sie entschlafen, bevor sie ihren Ruhm gefährdete. Wer sie aber kannte, wird ihrer gedenken als einer freundlichen, herzgewinnenden Erscheinung, von der die Strahlen der Kunst und des Humors aus gingen und einen warmen goldigen Schein über das nüchterne Alltagsleben breiteten. R. E.

Die Stimmen der Natur.

(Schluß.)

Es schien mir, als ich dies süße Abendkonzert hörte, daß ich um mehrere Millionen Jahre vor der Erschaffung des Menschen in jene ferne primäre Epoche zurückversetzt wäre, wo die Lebenskraft unseres Planeten sich hauptsächlich durch zwei große Systeme von Organisationen repräsentirte: im Wasser die ersten Wirbelthiere, die Fische, auf dem Lande die ersten Pflanzen, die vegetalen Cryptogamen, ohne Blumen, ohne Duft, ohne Früchte.

Die göttliche Absicht der steigenden Vervollkommnung hatte noch keine besser organisirten Geschöpfe hervorgebracht, weder im Thier⸗ noch im Pflanzenreich; aber sie hatte sich bereits herrlich dargethan in den verschiedenen aufsteigenden Graden, welche nacheinander vom Mineralreich zu den Fischen und Insekten einerseits und den Farn kräutern und Sigillarien andrerseits sich verfolgen lassen. Sie fuhr fort zu schaffen und zu erzeugen mit einem Eifer, viel erstaunlicher und wunderbarer als bis dahin, gleichzeitig mit den Vögeln und Säugethieren ließ sie empfindsame und karnivorische Pflanzen ent⸗ stehen, die Mimosen, die Drosera, und schließlich schritt sie fort bis zur Erschaffung des Menschen.

Denken wir uns in die Wälder, in denen einst die Grille zirpte, zurückversetzt. Die Thiere jenes Zeitalters, die primitiven Pflanzen sind armselig, letztere ohne alle Blumen diesen Hochzeitsschmuck und ihr Name Cryptogamen(verborgene Hochzeit) versinnbildlicht treffend diesen Zustand. Es giebt noch keine getrennten Geschlechter. Die betreffenden Organe sind so sehr verborgen, so mikroskopisch winzig, so geheim, daß noch bis vor Kurzem bedeutende Botaniker an ihrer Existenz zweifelten.

Die Art der Erzeugung bleibt noch rudimentär, verschwommen, unbestimmt und hat diese Vervollkommnung der Trennung der Geschlechter, der Nothwendigkeit der Verbindung zweier verschiedener Wesen, die sich dennoch ineinander ergänzen, nicht erreicht, diese Vervollkommnung so überaus beglückend für alle Wesen, diese Ver⸗ vollkommnung, die sich nur mit dem Fortschritt entwickeln konnte, und von der man nicht zu fürchten braucht, daß sie je wieder ver schwinden wird.

Damals also gab es keine Blumen, keine Koketterie, keine Wohlgerüche, keine Begeisterung, keine Sehnsucht, kein Umarmen. Liebe nur der Mollusken, Krustaceen und Fische. Aber die rastlose Natur erhob sich bald zu einem Ideal, wunderbar empfindsam und poetisch. Aus den Kryptogamen gingen die Phanerogamen hervor wie aus den Wirbellosen die Wirbelthiere. Der Blumenstempel entstand, die Staubfäden suchten ihn auf, der befruchtende Staub kam, um durch geheimnißvolle Berührung den jungfräulichen Frucht⸗ knoten zu wecken und die Pflanze umzugestalten. Von den Pilzen erhebt sich das Leben zur Rose, von der feuchten Erde schwingt es sich zu den Engeln empor.

Seit langer Zeit sind die Geschlechter bei den Thieren getrennt, und diese Trennung ist die hauptsächlichste Ursache der Vervoll kommnung und des Fortschritts. Bei den Pflanzen sind sie es noch nicht überall, ja die Trennung ist hier sogar Ausnahme.

Aber zur Zeit, in die uns das Zirpen der Grille zurückversetzt, hatten die Geschlechter kaum erst begonnen. Während Millionen von Jahren entbehrten die lebenden Wesen derselben. Die ersten Organismen, die Protisten, die Moneren, Bakterien, Foraminiferen, Radioleren, Noctiluceren, welche letztere das Meerleuchten verursachen, die Schwämme, Polypen, alle diese haben noch kein Geschlecht, auch sind diese Wesen blind, taub und stumm oder haben überhaupt keinen Kopf. Die Würmer der Erde, die Nais, die Deros haben ebenfalls kein Geschlecht, wenigstens erzeugen sie sich auf zweierlei Art, durch Theilung und durch eine der geschlechtlichen Zeugung ähnliche Weise. Gewiße Nerelden sind aus zwei mit ihren Enden in einandergefügten Individuen zusammengesetzt, von denen das eine

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