Ausgabe 
31.10.1886
 
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nicht auch ferner eine Kühnheit, den vollkommneren Pflanzen

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ohne, das Andere mit Geschlecht. Es scheint, daß die Natur alle Mittel versucht hat, bevor sie sich für das Beste entschied.

Die Schaffung und Trennung der Geschlechter war übrigens eine kühne Idee, denn die Geschöpfe konnten vorläufig noch nicht denken. Wenn die entgegengesetzten Geschlechter sich nicht getroffen und vereint hätten, wäre das Leben bald verschwunden. War es

trotzdem sie ständig mit ihren Wurzeln im Boden hafteten ge trennte Geschlechter zu geben? Viele einsam stehende Pflanzen haben sich in Folge dessen niemals befruchtet. Man kennt die Geschichte von dem weiblichen Dattelbaum in Otranto, welcher unfruchtbar blieb bis zur Zeit, wo endlich ein männlicher Dattelbaum in Brindisi so hoch über seine Nachbarbäume emporgewachsen war, daß er dem Winde seinen kostbaren befruchtenden Staub zur Weiterbeförderung anvertrauen konnte. Ohne den Wind und die Insekten würden

viele Blumen verlassen und unbefruchtet vergehen.

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So also ließ das Zirpen des Heimchens, der Dämmersang dieses

alten Zeugen entschwundener Zeitalter, die ganze Schöpfungsgeschichte

an meinen Augen vorübergleiten. Das Insekt, der Vogel, das Reptil, der Vierfüßler, das Säugethier erschienen mir jedes mit den Instinkten seines Ursprungs, die sich wieder aus dem Ursprung selbst erklären.

Die Termiten zernagen die Hölzer seit Millionen von Jahren, um davon die Sägespäne zu essen, sie kümmern sich nicht um die modernen Nahrungsmittel, weil sie in den alten Hölzern, die im Grunde der jungfräulichen Wälder des primären Zeitalters aufgehäuft lagen, geboren wurden. Als die Wälder immer mehr abnahmen, machten sie sich an Gegenstände der menschlichen Industrie, aber immer bleiben sie dieselben Holzfresser. Die sogenannten Wasserjungfern suchen auch heute noch ihre lebende Beute unter den Wasserinsekten, weil es zur Zeit ihrer Erschaffung noch keine Blumen gab. Der Schmetterling dagegen, der nach Entstehung der Blumen geboren wurde, senkt sich in ihre Kelche und hüllt sich in den Duft des Blüthenstaubes. Die verschiedenen Metamorphosen des Insektes bieten in aller Kürze die Geschichte der lebenden Natur. Die un beholfene Raupe, kriechend und fressend, ist das Bild der primären Zeit, während der Schmetterling, dieser Luftsegler, diese lebende Blume, aus der tertiären Periode stammt. Die Schwalben, welche ihre ersten Nester auf einer Insel der Erde machten, fahren fort, sie aus Erde herzustellen wie ehedem. Das Wegziehen der Zug⸗ vögel erklärt sich aus der Verbindung von Europa und Afrika zu der Zeit des miocenen Meeres. Das Mittelländische Meer hat seitdem beide Erdtheile getrennt, aber die Vögel wissen es noch, daß sie jenseits desselben die alte gastfreundliche Erde finden. Die Wolle wurde dem Schaf und dem Mammuth zu gleicher Zeit während der Eisperiode gegeben, dann lebten Elephant und Rhinoceros zu⸗ sammen, und man findet öfter ihre Knochen in quaternären Höhlen. Heute noch bleiben sie durch den Instinkt ihrer weitzurückdatirenden Freundschaft in den Oschungeln Afrikas und Asiens vereinigt. Wenn dagegen Hund und Katze eine sprichwörtlich gewordene Abneigung

gegen einander hegen, rührt dies daher, daß ehemals ihre prähistorischen

Voreltern sich gegenseitig verschlangen. Der Affe mit seinen langen Armen gehört in die Welt der undurchdringlichen Wälder, wo er bald hängend, bald sich schaukelnd, geschmeidig über Zweige und Schlingpflanzen glitt. So scheint jedes Wesen in seiner Form, in seinen Instinkten, in seiner Stimme, den Stempel der Epoche,

welche es gebar, zur Schau zu tragen.

Während derartige Gedanken durch mein Hirn kreuzten, war der Mond langsam am Himmel emporgestiegen, ein großer, goldener Schild, welcher sich aufhob, die schlafende Erde zu schirmen, der milde Glanz seiner Strahlen durchwob die Luft, die Dörfer ver⸗ schwanden in der Dämmerung, und die Grille zirpte weiter rastlos, unermüdlich ihren Sang von den ersten Zeitaltern der Welt. Alles ringsumher schwieg wie auf dem Kirchhof, sie allein in ihrer Manier erzählte von dem Alter und dem Entstehen des Lebens.

Aber plötzlich, jedenfalls von einem Lichtstrahl, der sich durch das Laubwerk stahl, getroffen, begann mit einer Stimme so klar, so hell und rein die Nachtigall ihren Sang, den sie für einige

Augenblicke unterbrochen hatte; bald schien sie die Sterne zu preisen,

bald sich in melancholischen Modulationen zu ergehen, die in tausend fachen Nüancen sprühten.

O! sagte sie,alle Stimmen der Natur verstummen vor der meinigen, vergeßt die Vergangenheit, ich bin das Leben, ich bin die Liebe, ich singe den göttlichen Fortschritt, ich bin dein Vorläufer, du wundersame Menschenstimme. Wenn die Natur schön ist, ist sie es, weil der Mensch es begreift. Wir Alle, Vögel, Insekten, Thiere der Wälder sowohl als der Felder, wir sind nur deshalb vor euch auf die Welt gekommen, um eure Herrschaft vorzubereiten, und wir höher organisirten Vögel wissen das so gut, daß wir die Boskets eurer Gärten entlegeneren Orten vorziehen, und daß wir oft in unseren Mußestunden für euch unsere Lieder erschallen lassen. Bisweilen selbst werden wir durch eure Konzerte zum Singen veranlaßt. Seid daher nicht undankbar, vergeßt nicht völlig eure beste Freundin, die Natur, diese junge, ewig reizende Mutter, ver⸗ bringt euer Leben nicht zwischen Mauern von Stein, athmet nicht fortwährend den Staub eurer Gewerbthätigkeit, verkümmert nicht in dem albernen Lärm der Städte, kommt bisweilen zu uns und wohnt mit uns in der reinen, duftigen Atmosphäre der Wälder und Wiesen. All' die Stimmen der Natur laden euch ein, aus der Schönheit des Weltalls, welches uns umgiebt, Erquickung zu trinken, es hat eine interessante Geschichte, begreift sie wohl und lebt auch ein wenig mit uns in dem stillen Glück der Einfachheit.

Derartig sang die Nachtigall. Mir schien es, daß ihre Rede die des Heimchens vervollständigte, und lange Zeit noch saß ich und lauschte beiden abwechselnd, glücklicher als die Menschen, deren Ehr⸗ geiz sie antreibt, dem ungewissen Ruhm des Forums oder des Throns nachzujagen.

Lose Blätter.

Frühreife Trauben!(Siehe Illustration.) Der Genremaler Fritz Gareis stellt auf unserm Bilde eine Scene aus der Zeit der Weinberg⸗ sperre dar. In allen Stromthälern, wo die Rebe gedeiht, werden die Reben⸗ hügel abgeschlossen, sobald die Trauben zu reifen beginnen. Selbst den Weinbergsbesitzern wird es verwehrt, ohne besondere Erlaubniß des Ge⸗ meindevorstands in jenen Tagen vor der Weinlese die Rebenspaliere zu be⸗ treten und reife Trauben zu pflücken. Zur Zeit der Weinbergsperre haben die Feldhüter einen schwierigen Stand, denn es gehört viel Erfahrung, Schlauheit und Geduld dazu, um naschhafte Buben und Mädchen von den frühreifen Trauben 1 Der Maler zeigt uns zwei botanisirende Kinder, welche vom Feldhüter bei der Traubenlese überrascht wurden. In 11 Entrüstung packt der Hüter des Weinbergs denfrühreifen Buben

eim Wams und eine tüchtige Tracht Prügel würde demselben gewiß sein,

wenn nicht das kleine Mädchen reuevoll die Hände erhöbe und mit Thränen in den Augen um Gnade für sich und den Bruder flehte. Den Bitten und Thränen eines kleinen Mädchens mit großen glänzenden Kinderaugen kann selten ein Mann widerstehen und so wird auch der Hüter des Gesetzes Gnade für Recht ergehen lassen und den Kindern den Raub der frühreifen Trauben noch einmal nachsehen. R. E.

Ein treuherziger Kapellmeister. Während der berühmte Geiger Joachim als königlicher Musikdirektor in Hannover wirkte, genoß er in hohem Grade die Gunst und das Vertrauen des blinden Königs Georg. Dieser machte ihn eines Tages auf die Leistungen einer Militärkapelle auf merksam, deren Leiter ein naiver Sachse sei, welcher vordem einer kleinen Stadtkapelle vorgestanden, der jedoch eine ganz besondere Befähigung besitze, junge Musiker auszubilden und ein gutes leistungsfähiges Orchester zu or⸗ ganisiren. Joachim wohnte bald nach diesem Hinweis einer Probe jener Militärkapelle, dann einem Konzert bei, und da ihm die Leistungen der selben als sebr bedeutend erschienen, sprach er dem Kollegen seine Anerkennung in warmen Worten aus. Der Kapellmeister stand wie betäubt da und fand auf Joachims Lobsprüche kein Wort der Entgegnung. a i

Wenige Tage später nahm König Georg die Parade jenes Regimentes ab, dessen Milikärkapelle der belobte Sachse anführte. Der König redete den Kapellmeister nach der Parade freundlich an und fragte, ob Joachim bei ihm gewesen sei. i

Ja wohl, antwortete Jener und setzte dann in vertraulichem Tone hinzu:Hären se, Majestät, Sie gennten mer in großen Gefallen duhn. Sähen se Majestät, der Joachim hat mir da Lobsprüche gespendet dicke sag' ich Sie Majestät. Nu is Sie der Joachim'n leitseliger, höflicher Mensch, der jeden lieber streichelt als kränkt und da möcht' ich Eure Ma⸗ jestät ergebenst gebeten haben, bei ihm einmal hintenrum zu fragen, ob's ihm wirklicher Ernst war, mit dem, was er mir sagte, oder ob er mir nur so Honig auf die Backe schmieren wollte. Sähen Sie Majestät, was'in Günstler wie Joachim sagt, gann unser Eenem doch nich gleichgiltig sein Sie begreifen das, Majestät?

Der König hatte Mühe, dem treuherzigen Sachsen nicht in's Gesicht zu lachen. Er versprach, den Joachim zu sondiren und als er wieder dem Kapellmeister begegnete, rief er diesem zu:Es war ihm heiliger Ernst mit dem Lob. R. E.

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