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0 Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den J. August.

Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. ortsetzung.)

VI.

In dem elegantesten Restaurant der Stadt saßen in einem der nischenartig eingebauten Kabinets, welche in dem großen Hauptsaal für diejenigen, die ein vertraulicheres Gespräch zu führen wünschten, einen angenehmen Rückzug bildeten, zwei junge Männer. Der Aeltere von Beiden, der wohl auch noch nicht viel über dreißig Jahre zählen mochte, war eine kräftig gebaute, kleine aber breit⸗ schultrige Gestalt, die wohl um mehr als Haupteslänge von seinem großen, schlanken Gefährten überragt wurde. Eine Fülle roth blonden Haares umstand ziemlich wild den großen Kopf, ein eben solcher Bart bedeckte den ganzen unteren Theil des Gesichts und seine kleinen hellen Augen sahen sehr klug und sehr froh in die Welt.

Er leerte auf einen Zug den vor ihm stehenden halbgefüllten Bierhumpen und sagte dann:Ja, ja, ein seltsames Spiel des Schicksals, damals, als wir zusammen im braven Pommerlande die Schulbänke drückten, war ich der Reiche, der auf eine gesicherte Zu kunft rechnen durfte, der halbwegs von Dir Beneidete er kniff die Augen zu und schnippte mit den Fingern, als der Andere eine abwehrende Bewegung machtelasse es gut sein, der Neid bei solchen Gelegenheiten ist sehr menschlich; ich hatte einen kräftigen Rückhalt an meinem wohlhabenden Vater, Du warst der Sohn einer Wittwe, die möglichst bald von Dir versorgt sein wollte das war auch menschlich, Gott habe sie selig, sie ist ja todt, aber sie hat Dir die Jugend nicht leicht gemacht! Und nun bin ich ein fimpler Doktor, ein Herr von Habenichts, der seine paar tausend Thaler bis auf einen knappen Rest ausgegeben hat, während Du, so zu sagen, ein Millionär bist. Man kann keinen halben Tag in dieser, bei alle ihrer Wohlhabenheit und alle ihrem Selbstgefühl doch ziemlich kleinstädtischen Stadt sein, ohne den Namen Hedden⸗ heim zu hören und zu wissen, daß er den Reichthum, die Würde und den Stolz dieser alten Handelsstadt repräsentirt.

Du übertreibst, lächelte der Andere.

Keineswegs. Ich hatte also bereits ein Dutzend Mal diesen imposanten Namen gehört, ohne eine Ahnung zu haben, wer der Träger desselben sei, bevor ich Dir heute begegnete, meinen guten Freund Konrad Held zu sehen glaubte und dann erfuhr, daß er sich in den Vertreter der berühmten Firma S. u. R. Heddenheim metamorphosirt hat. g

Was hoffentlich Deine Freude an dem unvermutheten Begegnen nicht beeinträchtigt hat? sagte Conrad herzlich.

Bewahre, im Gegentheil, schmunzelte der Andere,es ist immer angenehm, hochgestellte und reiche Freunde zu haben; wenn Dir also die alte Freundschaft mit dem unbedeutenden Doktor Hans Weber nicht unbequem ist

Spötter! lachte Konrad.Doch genug jetzt von mir, meine

im Ganzen nicht sehr interessante Geschichte kennst Du bereits, nun erzähle mir von Dir, wie es Dir in den zwölf Jahren ergangen ist und wie Du hierher gekommen bist. Seit ich Dich mit Neid die Universität beziehen sah und selbst noch auf der Schule bleiben mußte, weiß ich nichts mehr von Dir.

Das ist Alles kurz gesagt, meinte Weber.Ich absolvirte meine Studien in Berlin und Leipzig, ging auf einige Zeit nach Wien, trieb mich in einer Menge Kliniken umher, wurde hier und dort Assistent bei berühmten Leuten und lernte von ihnen, so viel Auge, Hand und Kopf nur irgend begreifen konnten. Es war viel leicht ein wenig zu viel für meinen schwächlichen Hirnkasten ge worden, genug ein abscheulicher, mich jeden dritten oder vierten Tag hinterlistig überfallender Kopfschmerz trieb mich in's Seebad. Die üble Laune, die mein Leiden begleitete, machte mich menschen scheu, so wählte ich nicht ein von andern Leuten besuchtes Bad, sondern ging nach der kleinen Seestadt P. Die Bäder thaten mir gut, ich war den Kopfschmerz bald los; das reinliche Städtchen mit dem regen Leben im Hafen gefiel mir und da es unterdeß gerade dem einzigen Arzt dort einfiel, zu sterben, schlug ich ein großes Porzellanschild an meine Thür, auf dem ich mich dem ver ehrlichen Publikum als praktischer Arzt proklamirte. Daß ich's dort nicht allzu lange aushalten würde, wußte ich genau und gerade als mir die Geschichte langweilig wurde und ich nach einer passenden Gelegenheit suchte, der Kleinstädterei zu entweichen, wurde ich mit einem Schiffskapitän bekannt, der eben zu einer Reise nach Indien rüstete. Er machte mir den Vorschlag, ihn als Schiffsarzt zu be gleiten; ich willigte ein und habe mich nun länger als zwei Jahre theils auf dem Wasser, theils in Indien, Japan und wer weiß wo sonst noch, herumgetrieben.

Das ist ein buntes, wechselvolles Leben, das Du geführt hast, sagte Konrad,und denkst Du nun endlich seßhaft zu werden, hier zu bleiben?

Vielleicht; zunächst hat mich der Zufall hier an's Land ge worfen. Unser Schiff ging im hiesigen Hafen vor Anker, da war's selbstverständlich, daß ich die Stadt aufsuchte. Ihre alterthümliche Würde imponirt mir, es steckt mehr Charakter darin, als in dem Buntwerk unserer heutigen Neubauten. Daß ich Dich nun hier gefunden, will mir wie eine Art guten Omens scheinen, und so könnte es wohl sein, daß ich mich hier als Retter für die kranke Menschheit niederließe. 5

In welchem Falle ich Dich zu meinem Leibmedikus ernennen würde, versetzte Konrad,denn Dein guter Humor kurirt, glaube ich, besser als Arzenei.

Dann kann es mir hier nicht fehlen, ich bin ein gemachter