Ausgabe 
1.8.1886
 
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242.

Mann, lachte Weber,wenn der berühmteste Mann dieser guten Stadt mir sein Vertrauen schenkt. Es sei, ich bleibe hier.

Du bist schnell von Entschluß!

Rasche Entschlüsse haben mich nie gereut. Was soll das viele Prüfen und Ueberlegen, die Zufälle, die das Leben gestalten, kann Niemand vorhersehen, wir sind doch nur ein Spielball in der Hand des Schicksals, wenn wir auch die Miene annehmen, als ob wir dasselbe machten. Wir haben bisher auf die alte Freundschaft getrunken, nun lasse uns noch ein Glas auf die neue leeren, die mit dem heutigen Tage beginnt.

Der schäumende Bierpokal stand bald wieder vor ihnen und die Erlebnisse von zwölf Jahren, in denen aus den Jünglingen Männer geworden waren, boten so reichlichen Stoff der Mittheilung, daß das Gespräch keinen Augenblick stockte.

Sage aber, mein Sohn, wie kommt es, daß Du noch unbeweibt bist? fragte plötzlich Weber.Es scheint mir kaum begreiflich.

Seltsame Frage von einem Manne, der um zwei Jahre älter ist als ich, lautete die Antwort.

Weber fuhr sich mit der Hand durch seine gewaltige rothe Mähne. Mein Kind, das ist ein riesiger Unterschied; ich bin bis dato noch ein ziemlich ruheloses Subjekt gewesen, ohne Haus und Hof, ich habe mich in der Welt umhergetrieben und bin nebenbei von der Mutter Natur arg vernachlässigt, so etwas von einem Scheusal; Du bist schön wie ein Adonis Konrad lachtewie ein Adonis und bist ferner ein steinreicher Mann, der seiner Gattin ein höchst

komfortables und angenehmes Haus zu bieten hat, der demzufolge

die Pflicht gegen die Gesellschaft hat, schleunigst eine Familie zu gründen.

Wozu ich aber bis jetzt noch nicht die geringste Lust verspüre, entgegnete Konrad,mein Junggesellenleben behagt mir außer⸗ ordentlich gut.

Das sind die bösen Beispiele, rief Weber,Du willst in die Fußtapfen Deines Onkels treten. Den alten Herrn in Ehren, aber solch ein alter Junggeselle ist ein schauderhaftes Individuum, entweder ein Geck oder ein Stockfisch.

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Die Ausnahmen, zu denen natürlich Dein Oheim gehört, be weisen die Regel, wer weiß aber, ob Du zu diesen Ausnahmen ge hören würdest. Noch freilich bist Du ein blutjunger Mensch, allein je eher man das Gute und Nothwendige thut, um so besser. Also schnell an's Werk.

Wenn Du mir mit gutem Beispiel vorangehst, meinte Konrad scherzend.

Lalala, Du siehst doch ein, unsere Lage ist eine durchaus ver⸗ schiedene; ich habe überdies keine Spur von Anlage zum Philister, während mir das bei Dir zweifelhaft erscheint.

Danke verbindlichst.

Freundschaft fordert Offenheit; heirathe, heirathe, mein Sohn.

Laß uns ernsthaft reden, Hans. Ich befinde mich in einer eigenthümlichen Lage, die mich selbst, wenn ich Neigung zur Ehe verspürte, zwingen würde, noch lange, vielleicht immer unvermählt zu bleiben.

Potztausend, laß doch hören.

Wenige Wochen vor seinem Tode theilte mir mein Onkel mit, wovon ich bis dahin keine Ahnung hatte, daß er eine kurze Zeit verheirathet gewesen, jedenfalls unter eigenthümlichen Umständen, mit einer Frau, die seiner nicht würdig war, ihn betrog und ihn mit einem andern Manne heimlich verließ. Ein, der Ehe mit meinem Onkel entsprossenes Kind eine Tochter nahm sie auf der Flucht mit sich. Es scheint, daß meinen Onkel der Gedanke an dieses Kind durch Jahre nicht weiter beschäftigt hat und erst in den letzten Monaten vor seinem Tode in ihm auftauchte. Als er zu mir davon sprach, schlug ich ihm natürlich vor, Nachforschungen nach dem Mädchen anzustellen, da sie doch seine allein rechtmäßige Erbin war. Er wies dies entschieden zurück, ich mußte ja auch zugeben, daß es große Schwierigkeiten haben würde, die aufzufinden, von der man seit beinahe zwanzig Jahren nichts wußte und daß dann möglicher Weise auch die Mutter mit Ansprüchen auftreten könnte, denen Folge zu geben mein Onkel weder wünschte, noch sich verpflichtet glaubte. Er bestand darauf, mich unbeschränkt und ohne irgend welche Be dingung zum Erben einzusetzen. Du traust mir zu, daß, trotzdem er mich vollständig adoptirt, ich doch das Gefühl behalten habe, einer Berechtigteren vorgezogen zu sein und daß ich wiederholt auf diesen

Punkt zurückgekommen bin. Doch mein Onkel blieb fest und legte es mir nur an's Herz, für das Mädchen zu sorgen, falls sie einmal unerwartet auftauchen und Ansprüche geltend machen sollte. Ich habe mich nun nach des Onkels Tode vielfach mit dem Gedanken be schäftigt, durch einen öffentlichen Aufruf in verschiedenen Zeitungen diese verschollene Tochter aufzufinden. Immer aber widerstrebte es mir, dadurch diese verjährte, hier völlig unbekannte Ehegeschichte sie spielte in London in die Welt zu bringen, den reinen und hochgeachteten Namen des Verstorbenen dadurch schon gewissermaßen an den Pranger zu stellen, und mehr noch durch die Möglichkeit, daß statt Jener ihre Mutter dem Aufruf antwortete und ein viel⸗ leicht gänzlich verworfenes und verlorenes Wesen hier als Gattin meines Onkels erschiene. Die Scheu vor solchem Skandal, vor möglicher Blosstellung des hochgeschätzten Namens Heddenheim, hielt

mich zurück und ich handelte nach dem Willen meines Onkels, d. h.

schweige und warte. 5

Nun und? fragte Weber, als Konrad hier abbrach.

Dieser zuckte die Achseln.Ich bin nominell der Erbe meines Onkels und unbeschränkter Besitzer der Firma Heddenheim; that sächlich kann und darf ich mich doch nur als der Verwalter eines mir nicht zugehörenden Vermögens betrachten: sobald Jeanne Heddenheim auf dem Schauplatz erscheint und das kann natürlich jeden Tag geschehen so erhebt sie ihre berechtigten Ansprüche, und ich werde es darauf nicht einmal ankommen lassen, sondern sie sofort in den Besitz ihres Eigenthums setzen. 0

Allerdings eine unangenehme Situation, die nach allen Seiten zu erwägen ist, versetzte Weber,wenn ich auch meine, daß Du zu weit gehst; sollte sich diese junge Dame hier einmal einstellen, was ziemlich unwahrscheinlich ist, da sie so lange nichts von sich hören gelassen, so würdest Du natürlich ihre Zukunft sicher stellen müssen; Du aber bist und bleibst, laut Testament, der Erbe, das kann Dir kein Recht und Gesetz bestreiten.

Mag sein, doch ich selbst stehe anders dazu.

Nun, wir wollen uns über diesen unwahrscheinlichen Fall, der voraussichtlich niemals eintritt, nicht die Köpfe zerbrechen, meinte Weber,ich verstehe nur nicht, in welchem Zusammenhange die Ge⸗ schichte mit dem wichtigen Punkt, von dem wir ausgingen, steht: mit Deiner Verheirathung. 5

In dem allerengsten, lieber Freund, erklärte Heddenheim,das Mädchen, welches mir seine Hand reicht, glaubt einen reichen Mann zu wählen und zu großen Ansprüchen berechtigt zu sein, ich kann sie nicht in die Lage versetzen, aus einer reichen, verwöhnten, in Comfort lebenden Frau plötzlich zu einer nichts Besitzenden zu werden. Heute bin ich der reichste Kaufmann der Stadt, morgen bin ich vielleicht genöthigt, eine Stellung in einer andern Handlung zu suchen; solchen Wechselfällen darf ich meine Frau nicht aussetzen. So muß ich unvermählt bleiben, wenn nicht einmal zufällig die Kunde von dem Tode dieser Jeanne zu mir gelangt.

Den Du ohnedies als sicher annehmen kannst, erwiderte Weber, ich bin überzeugt, daß Mutter und Tochter längst nicht mehr unter den Lebenden weilen, denn man verzichtet nicht so leicht auf den Besitz einer Million.

Konrad zuckte die Achseln.Möglich, vielleicht sogar wahr⸗ scheinlich, allein man muß auch auf das Unwahrscheinliche gefaßt sein.

Nun ich hoffe, sagte Weber, lustig zu ihm hinüberblinzelnd, daß vor dem Feuer von einem Paar schöner Augen alle diese thörichten Ideen hinwegschmelzen werden, wie das Eis in der Sonne.

Heddenheim stützte den Kopf an die Lehne des Stuhls und blies eine Dampfwolke in die Luft. Ein spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen.Ich glaube nicht, daß dieser göttliche Wahnsinn, Liebe ge nannt, mich je überfällt, meinte er,seit wir damals als Primaner gemeinschaftlich für die hübsche blonde Bürgermeisterstochter schwärmten und uns die Gedichte, in denen wir sie ansangen, vorlasen, ohne daß jemals einer dieser poetischen Ergüsse vor ihre Augen gekommen wäre, habe ich nie mehr Aehnliches empfunden.

Ein keuscher Joseph, lachte Weber.

Man hat hier und da einmal ein schönes Weib schön gefunden mehr nicht.

Warte nur, mein Sohn, der Moment wird auch für Dich kommen, wenn Du eben der Rechten gegenüber stehst.

Konrad schüttelte den Kopf.Offen gestanden habe ich eine herzlich schlechte Meinung von den Frauen. Mütter und Töchter

haben so deutlich ihren Wunsch, den reichen Mann einzufangen, an

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