Ausgabe 
31.10.1886
 
Einzelbild herunterladen

33 f . ö 0 ö 5 f ö

....?!!n..

. *

*

2

.

8

2348..

schülerinnen ihre tödtliche Verlegenheit bemerkten, brachen sie zuerst in ein höhnisches Kichern aus; das Kichern wurde zum Lachen, und dies Lachen steckte die große Masse der erwachsenen Zuschauer an. Mit bangen Befürchtungen in der Seele hatten unterdessen die Eltern hinter der ersten Koulisse gestanden. Als jetzt das Hohn gelächter der Strelitzer heraufschallte, machte Vater Blumauer der peinlichen Scene dadurch ein Ende, daß er auf die Bühne trat, die sprachlose Minona am Arme faßte und sie hinter die Koulissen zog. Hier warf er sie der Mutter in die Arme und rief in zornigem Tone:Diese Blamage hätten wir vermeiden können. Ich wußte es längst, daß kein Funke von Talent in diesem Mädel steckt.

Die Folgen dieses Fiasko's waren sehr üble, denn als die jugendliche Debütantin am nächsten Tage die Schule wieder besuchte, wurde sie von den schadenfrohen Mitschülerinnen derart verhöhnt, daß sie aus der Klasse lief und nicht wieder zu bewegen war, dahin zurückzukehren. In der Familie Blumauer verwischten sich jedoch die Erinnerungen an dies Fiasko allmählich wieder und als sich später eine frische und ziemlich kräftige Singstimme bei Minona herausbildete, wußte die Mutter wieder ihren Gatten zu bestimmen, daß er den glühenden Wünschen der Tochter, Sängerin zu werden, nach gab und sie das Konservatorium in Prag besuchen ließ. Als man ihre gesangliche Ausbildung als vollendet betrachtete, trat sie in Darmstadt, Aachen und anderen Orten als Opern soubrette auf, ohne jedoch wesentliche Erfolge zu erzielen. Dies bewog sie, zum Schauspiel überzugehen. Im Theater zu Düsseldorf, welches der zeit unter Immermanns Leitung stand, debütirte sie als muntere Lieb haberin und mit einer Empfehlung von Immermann kam sie in Beglei tung ihres Vaters nach Berlin, wo man ihr ein Probegastspiel am nigstädtischen Theater gewährte. Die Kritik behandelte den Gast sehr übel und die meisten Referenten waren der Ansicht, daß ihre Begabung für die Bühne in der Residenz nicht aus reiche. Ein Kritiker übte auch seinen Witz an der jungen Debütantin und begann seine Rezension mit den Wor ten:Was soll uns diese unschein bare Blume unterm rothen Dach. Diese Anspielung auf ihr rothes Haar schmerzte sie wie sie nach mals einer Freundin vertraute mehr als die vernichtendste Be urtheilung ihrer Kunstleistung. Ihr Vater, welcher derzeit schon kränklich und mißgestimmt war, fand in der Beurtheilung seitens der Berliner Presse nur eine Bestätigung seiner eigenen Meinung und er rieth seiner Tochter ernstlich, die Bühne zu verlassen, und sich eine andere Beschäftigung zu suchen, da sie gar keine Befähigung für die Bühne besitze.

Die arme Schauspielerin war der Verzweiflung nahe, und als ihr Vater sie nach jener Unterredung einige Stunden allein ließ, warf sie sich auf die Erde und brach in ein so herzzerreißendes Schluchzen aus, daß eine Nachbarin auf ihren Jammer aufmerksam wurde und, von Mitleid bewegt, in ihr Zimmer trat. Es war eine bucklige Schneiderin, welche sich über die Weinende beugte, sie liebevoll ansprach und ihr ein so warmes Mitgefühl zeigte, daß Minona sich getröstet fühlte und aus ihrer Gebrochenheit wieder aufrichtete. Die mitleidige Schneiderin aber that noch mehr für die Nachbarin; sie half derselben ihre dürftige Garderobe besser aus statten und erwies ihr manche andere Gefälligkeit, so lange das berliner Gastspiel währte.

Von Berlin ging Minona dann nach Brünn, wo sie den In genieur Frieb kennen lernte, der ihr seine Hand anbot. Als Friebs Gattin verließ sie die Bühne wie sie glaubte für immer.

Die Ehe war keine glückliche. Nach vier Jahren trennten sich

Minona Frieb Blumauer.

die Gatten und Frau Frieb-Blumauer ging im Jahre 1841 mit ihren Kindern nach Wien, wo sie bei dem bekannten Theater⸗ direktor Karl Engagement als Liebhaberin und jugendliche Salon dame fand. Hier erschloß sich ihr durch einen Zufall jene Berufs- sphäre, in welcher ihr Talent sich entfalten und mächtig entwickeln konnte. Im Leopoldstädtischen Theater stand die kleine Blüette: Dreiunddreißig Minuten Aufenthalt in Grüneberg auf dem Zettel und am Morgen der Vorstellung erkrankte die komische Alte. Direktor Karl sah sich außer Stande, das Stück abzusetzen und so bat er Frau Frieb flehentlich, die Rolle der Rosaura zu übernehmen. Jene ging recht wider Willen an ihre Aufgabe, allein sie wagte die Bitte des Direktors nicht abzuschlagen. Sie spielte die Rolle zu ihrer eigenen Ueberraschung mit so glänzender humoristischer Wirkung, daß das Publikum völlig enthusiasmirt war und der Direktor sie nach der Vorstellung in's Büreau rief. Hier stellte ihr Karl eine bedeutende Gehaltserhöhung in Aussicht, falls sie sich entschließen könne, in das Fach der Mütter und komischen Alten überzugehen. Sie sein's ja noch ein gar sauberes Frautscherl, sagte Karl,und i be greif, daß es ihna net leicht wird, ihr junges Gesichterl alt zu schminken, aber glauben's einem alten Praktikus, liebe Frieb, heint erst seins in ihr rechtes Fahrwasser kommen.

Minona Frieb-Blumauer hatte im Alter von 25 Jahren ihr Talent entdeckt, allein die Entdeckung machte ihr keine Freude. Als sie sich um ihrer Kinder willen entschloß, die Vorschläge Karls anzunehmen, brach sie in heiße Thränen aus. Es war ihr zu Muthe, als müsse sie von der Jugend für immer Abschied nehmen, als seien alle Hoffnungen ihres Lebens in Nichts zerronnen. Als sie aber später von der Höhe ihres Lebens auf diese Wendung zurückschaute, mußte sie sich gestehen, daß ihre Ent sagung sie zur künstlerischen Berühmt heit geführt habe. Grade der Um stand, daß sie als junge Frau in's ältere Fach überging, verschaffte ihr eine große Ueberlegenheit jenen Kolle ginnen gegenüber, welche erst den Ver fall ihrer körperlichen und geistigen Kräfte abwarteten, bevor sie in's ältere Fach übergingen. Die Frieb Blumauer trat mit voller Jugend frische in den neuen Wirkungskreis ein und konnte sich nunmehr künst lerisch entwicktln. Von jenem Wiener Erfolge ab ging sie vollständig in ihrer Kunst auf. Es gab für sie fortan kaum eine Freude, kaum einen hohen Genuß, der außerhalb ihrer Berufssphäre lag. Am 6. April 1853 begann sie im königlichen Schauspielhause in Berlin ein auf Engagement abzielendes Gastspiel und errang einen glänzenden Er folg. Was ihr die Freude an demselben herabminderte, war der Gedanke, daß ihr Vater nicht mehr Zeuge desselben sein konnte. Wie gern hätte sie demselben bewiesen, daß doch etwas von seiner Begabung auf sie übergegangen sei, wie gern hätte sie ein Lob aus seinem Munde gehört! Leider hatte der Tod Karl Blumauer von der großen Schaubühne des Lebens abgerufen. Minona gedachte dieses hochgebildeten trefflichen Mannes stets mit großer Dankbarkeit, und wenn man später ihre seltene Selbstständigkeit oder ihre an muthigen und geistvollen Briefe bewunderte, so sagte sie mit einem dankbaren Aufblick: das sind die Erziehungsresultate meines guten Vaters.

Einem andern Zeugen ihrer tiefen Niederlage bei dem ersten Gastspiel in Berlin konnte sie jetzt wenigstens ihr Talent und ihre Dankbarkeit beweisen, nämlich jener buckligen Schneiderin. Kaum war ihr Engagement an der Hofbühne perfekt geworden, so suchte sie jene Nachbarin auf und fand sie noch in demselben Stübchen, in welchem jene ihr einst Trost und Hilfe gespendet hatte und sie fand sie krank und in bedrängter Lage an. Es gewährte der neuen

a eee