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lassen Sie mich nicht allein! Mein guter Engel geht mit Ihnen. Oder ist es zu viel verlangt, daß ein Blinder ein treues, opfer— williges Herz an sich zu ketten sucht, damit es ihm den dunklen Weg ein wenig erhelle? Nun ja, es liegt vielleicht eine ungeheure Selbstsucht in diesem Begehren nach Glück, aber wer kann darüber hinaus!— Wo sind Sie, Gottliebe? Warum antworten Sie nicht? Ist meine Werbung nicht einmal das werth?“
Der Ton seiner Stimme klang allmählich gereizt, der herbe, verächtliche Zug um seine Lippen trat schärfer hervor. Sie kam langsam näher, die Hände auf die Brust gedrückt.
„Ich bleibe bei Ihnen, auch ohne das, so lange Sie meiner bedürfen,“ sagte sie endlich zitternd.
Ihre Antwort hatte ihm die Richtung angegeben, wo sie stand;
wie ein Sehender griff er plötzlich energisch nach ihrem Arm und
hielt sie fest.
„Nein, das genügt mir nicht. Ich will, daß Sie mir an— gehören für Zeit und Ewigkeit, daß Sie mein sind für den Rest des Lebens. Ich muß etwas haben, das unlöslich mit mir ver— bunden ist, wie auch die Zukunft sein mag. Sie— Sie dürfen nicht gehen und mich allein lassen, selbst wenn ich Sie manchmal quäle, oder die bodenloseste Verzweiflung bräche wieder auf's Neue über mich herein.— Was geben Sie denn auch auf, daß Sie so lange schwanken können? Eine Schaar ungeduldiger Patienten ver— tauschen Sie gegen Einen, eine schmucklose Pflegerinnenwohnung mit dem eleganten Hause des Professors Roland Hartenstein, Armuth oder zum Mindesten Einschränkungen mit dem Komfort und Luxus—“
„Nicht weiter, Herr Professor! Gerade diese Erwägungen sind es, die meine Antwort diktiren. Ich bin ein einfaches, bescheidenes Mädchen, unscheinbar und unbeachtet von Jugend auf; ich passe nur zu meinem selbstgewählten Beruf.“
Er zog sie unwiderstehlich an sich und schloß sie in seine Arme.
„Als ob ich das Herzklopfen nicht hörte, das den Ten Ihrer Stimme dämpft, Gottliebe, die Gluth der Wangen nicht spürte, die das rebellische Blut hervorruft! Warum sind Sie so thöricht, Kind! Glauben Sie wirklich, ich wüßte nicht, daß Sie mich schon lange lieben? Glauben Sie wirklich, der Ton Ihrer süßen Stimme klänge so lind und sanft, wenn ich Ihnen nur der erste beste Patient in Doktor Armstrongs Klinik wäre? Alle die kleinen liebevollen Auf— merksamkeiten, an denen Ihr weibliches Empfinden so reich ist, wären dem Pflichtgefühl allein entsprungen? Das hätten Sie für Jeden gehabt, was Sie mir entgegenbrachten, war mehr,— war Liebe!“
Gottliebe hatte den Kopf tief gesenkt, heiße Thränen rannen über ihr blasses Gesicht. Er hatte ja Recht mit jedem Wort, das er sagte, und doch,— daß er es empfunden, so lange schon,— daß es ihm kein Geheimniß war, was sie sich selber doch kaum zugestehen wollte, erfüllte sie mit brennender Scham. Wie ein namenloses Glück war es ihr erschienen, daß sie für ihn sorgen durfte, seine Launen ertragen, sein bittres Loos erleichtern. Sie hatte an kein Aufhören denken mögen, denn was hinter dieser Zeit lag, war für
sie nur noch Erinnerung, aber auch an keinen Wechsel, wie er ihr
jetzt geboten wurde. Eine namenlose Angst erfaßte sie, eine Angst, die sie betäubte und nichts neben sich aufkommen ließ.
Eine Minute vielleicht gab er ihrer Erregung nach, dann strich er mit der Hand über ihre feuchten Wangen.
„Wozu Thränen? Sie rufen in mir immer die Vorstellung an verschwollene rothe Augen und Nasen hervor. Sie sind häßlich und entstellen. Frauen sollten niemals etwas thun, was sie auf alle Fälle unschön macht.“ 5 a
„Aber ich bin ja häßlich!“ rief sie außer sich und schlug die Hände zusammen. i i
Er lachte.„Die alte fixe Idee! Kind, habe ich Dich noch nicht überzeugt, daß in diesem Punkt unser Geschmack auseinandergeht? So wie Du bist, will ich Dich, genügt Dir das nicht? Freilich, das häßliche Häubchen werde ich verbannen und Dich hübsch frisiren lassen, auch die Nonnentracht muß fallen. In sechs Wochen, Gott⸗ liebe, wird mein Urtheil gesprochen werden! Entweder Leben,— oder Verdammung, und Du wirst mich nicht verlassen, nicht wahr? Nie mehr! Meine Kunst wird Dir keine Nebenbuhlerin, sie wird Dir eine Freundin werden, nicht wahr, Kind? Du bist so ruhig und vernünftig, Eifersucht auf meine Ideale habe ich nicht zu fürchten. Dann will ich schaffen!— Mit Stolz sollst Du auf Deinen Gatten blicken, Gold, Ruhm und Ehre sollen Dir zufließen— meiner barm⸗ herzigen Samariterin. Ach!“— er schlug sich plötzlich mit der
Hand vor die Stirn—„ich Thor! Ewiges Dunkel ist vielleicht mein Loos, und in diesem Dunkel nur ein Stern, ein einziger, Du, Gottliebe! Küsse mich, damit ich fühle, daß Du zu mir gehörst!“
Gab es auf der ganzen Welt eine Stimme, die bittender und be— fehlender zu gleicher Zeit klang? Mochte die ausgeprägteste Charakter— eigenschaft Roland Hartenstein's Tyrannei sein, er unterjochte eben All und Jeden, der in seine Nähe kam. Gottliebe schlang die Arme um seinen Hals, ihre zitternden Lippen berührten die seinen.
„Sage mir, daß Du mich liebst!“
„Ich liebe Dich, Roland! Mehr wie mein Leben, mehr wie meine Seligkeit! Schon alle die Jahre hindurch, seit ich Dich das erste Mal in der Kunst-Ausstellung gesehn. Ich bin Dein Geschöpf, mache aus mir, was Du willst!“
„Gottliebe!“ rief er und riß sie ungestüm an sein Herz. Er, der seine Augen bis zu Fürstenhöfen emporzuheben gewagt hatte, er fühlte in diesem Moment eine triumphirende Seligkeit, das un— beachtete Mädchen an sich zu fesseln, das er sonst vielleicht garnicht beachtet, und das allein ihm treu geblieben war in dem Jammer seiner lichtlosen Existenz.
(Fortsetzung folgt.)
Minona Irieb-Blumauer.
Schicksal und Phantasie wandeln in der Regel verschiedene Wege. Der Mensch, welcher sich einen gewissen Glücksstand errungen hat, muß sich stets bei der Rückschau auf seinen Lebenslauf sagen, daß seine Illusionen alle zerronnen sind, und daß seine Wünsche sich ganz anders erfüllten, als seine Jugendträume ihm vorspiegelten. Diese Erfahrung machte ganz besonders jene hochverehrte Künstlerin, welche uns der Tod am ersten August dieses Jahres entrissen hat. Die Verewigte war im Jahre 1816 als der Sproß einer alten Künstlerfamilie geboren. Ihr Vater, Karl Blumauer, hatte sich als Schauspieler und Verfasser mehrerer Erziehungsschriften einen guten Namen erworben und übernahm dann in späteren Lebens— jahren als Theaterdirektor mehrere Provinzbühnen. Zur Hauptstütze seiner Unternehmungen wurde seine älteste Tochter, welche er zur Koloratursängerin hatte ausbilden lassen. Die kleine Minona blickte während ihrer Schulzeit schon mit Bewunderung und stets wachsender Eifersucht auf diese ältere Schwester, welche als Primadonna an jedem Abend ihres Auftretens eine reiche Beifallsernte einheimste. Der Drang, die weltbedeutenden Bretter zu beschreiten, wurde in ihr übermächtig, als sie ihr letztes Schuljahr in Mecklenburg-Strelitz zu absolviren hatte und ihre Schwester dort als Sängerin hoch ge⸗— feiert wurde. Lange hatte sie vergeblich den Vater gebeten, er möge ihr doch endlich eine kleine Gesangsrolle anvertrauen. Dieser hatte die feste Ueberzeugung, daß Minona keine Spur von Talent besitze. Nun belagerte sie das Ohr der Mutter mit Bitten, und diese wußte es durchzusetzen, daß der Vater ihrem Liebling die erste Kranzjungfer im„Freischütz“ anvertraute. Das große Ereigniß, daß Minona in den 1 0 einer Rolle gelangt war, brachte eine ungeheure Sensation im Kreise ihrer Mitschülerinnen hervor, und der kleine, rothhaarige Backfisch sonnte sich bis zum Tage der Vorstellung in der Bewunderung der Mitschülerinnen. Als sie nun am Abend durch die Mutter in ein weißes, von blauen Seiden bändern umflattertes Kleidchen gesteckt wurde, und ihr Haar in zierlichen Löckchen sich um Stirn und Hals ringelte, lebte sie der freudigen Zuversicht, daß ihr erstes Debüt zu einem großen Triumph werden müsse. Leider sollte sie bitter enttäuscht werden. Kaum hatte der Inspizient sie im Verein mit den andern Kranzjungfern auf die Bühne geschoben, kaum hatte sie im Parterre eine ganze Korona von Mitschülerinnen, und um diese herum die Honoratioren von Strelitz erblickt, so fiel ihr das Herz in die Schuhe und es überkam sie ein solches Koulissenfieber, daß sie vollständig gelähmt wurde. Ihre Schwester, welche ihr als Agathe gegenüberstand, suchte sie vergeblich zur Uebergabe des Kranzes zu ermuthigen, die kleine Minona war weder im Stande die Füße, noch die Zunge zu regen. Wie eine Bildsäule stand sie der Schwester gegenüber, und langsam entsank der Kranz ihren zitternden Händen. Vergeblich schlug der Kapellmeister mit dem Taktstock auf, vergeblich sang ihr die Schwester leise die ersten Takte vor, das„Wir winden dir den Jungfernkranz“ blieb ihr in der Kehle stecken. Als die Mit⸗


