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ruhig,
sich demüthig beugen unter der Zuchtruthe eines allmächtigen Gottes, wie die kindlichen Gemüther es in frommem Wahn nennen mögen, ich! ich beuge mich nicht, ich verlache diesen Gott, der mich zu einem unwürdigen Dasein zwingen will. Habe ich nicht die Macht, das Dunkel um mich zu erhellen, so habe ich doch die Macht, meiner Existenz ein Ziel zu setzen, und ich schwöre es Ihnen, das wird ge⸗— schehen!“
Ungestüm war er aufgesprungen, den einen Arm wie beschwörend in die Luft hinausgeworfen, den stolzen Kopf hoch erhoben, stand er da wie ein Titan, der sich vermißt, mit den ewigen Göttern den Kampf aufzunehmen.
Gottliebe sah stumm zu ihm empor, die Dunkelheit verbarg den Ausdruck ihrer Züge, dann erhob sie sich geräuschlos, faßte nach dem ausgestreckten Arm und zog ihn leise, aber unwiderstehlich zu sich herab.
„Sie dürfen sich nicht so aufregen, Herr Professor,“ sagte sie aber in ihrer Stimme zitterte etwas wie verhaltene Thränen. „Mein guter Engel,“ murmelte er und strich mit der Hand über ihr schlichtes Haar. Sein Haupt war jetzt gebeugt, die mächtige Gestalt zusammengesunken, der Titan besiegt. So sank er wieder in die Sophaecke zurück, schweigend, gebrochen, ein blinder Mann! Den Kopf in die Hand gestützt saß er da lautlos und regungslos, als ob er die Nähe seiner Gesellschafterin gänzlich ver— gessen habe.
Aber es mußte doch wohl nicht ganz der Fall sein, denn plötzlich fing er an zu sprechen, ohne sich nur vorher vergewissert zu haben, daß sie noch still neben ihm saß.
„Blind sein! Wer kann es fassen und begreifen, der es nicht selbst erfahren! Tag und Nacht immer dasselbe schaurige Dunkel, nur von Tönen unterbrochen, die an unser Ohr schlagen, ohne daß wir wissen, von woher sie kommen. Die Wärme der Sonne fühlen und ihr Licht nicht sehen, die langen einförmigen Stunden an uns vorüberschleichen lassen, ohne Eindrücke zu empfangen oder auszugeben. Und dabei eine heiße, glühende Phantasie, dabei die Erinnerung an Farbe und Schönheit, in der man geschwelgt, die Kraft und das Können in der Faust, diese Phantasieen auf die Leinwand zu zaubern, die verzehrende Sehnsucht, einmal, nur einmal wieder schaffen zu dürfen— und blind!— blind!—“
Er griff jetzt wieder nach der Hand des Mädchens; heiß und leidenschaftlich drangen die Worte über seine Lippen: l
„Ich habe die Schönheit vergöttert, wo ich sie gefunden! Unter den Lumpen einer Bettlerdirne oder der Seide und dem Sammt einer Herzogin! Formen und Farbe war mir Alles! Was sich dar⸗ unter barg, ich habe es selten der Mühe werth gehalten, solche Schatzgräbereien anzustellen! Mir genügte ein Lächeln um üppige rothe Lippen, der Ausdruck eines schimmernden Auges, ein pikantes Profil. Alle die, die in Fleisch und Blut um meinen Tisch saßen, mir waren sie Idealgeschöpfe meiner Phantasie, und als solche liebte ich sie alle miteinander. Mein„Gastmahl des Dyonisios“ hat mich berühmt gemacht. Wem verdankte ich den Ruhm? Den funkelnden Burgunderperlen, die in dem weißen Rosenkranz einer Schönen zitterten, den schwellenden Armen und Schultern, den feuchten Lippen und Augen meiner Bachantinnen! Und ich habe das Alles gesehen, meine eignen jetzt todten Augen haben sich satt getrunken an der berauschenden Schönheit von Licht und Farbe. Ich habe das alles gesehen! Begreifen Sie es nun, daß ich blind zu Grunde gehen muß?— Man wird Ihnen erzählt haben, daß ich toll und wüst ge— lebt, daß mein Leiden die naturgemäße Folge von Ueberanstrengung und Narrheit ist, aber glauben Sie denen nicht, Gottliebe! Meinen Sie, auch nur einer von all jenen Alltagsseelen begriffe den Flug des Genius? Was sich ihnen nicht in die hergebrachte Form fügen will, das verläumden und begeifern sie, ziehen es in den Koth herab und stehen dann triumphirend dabei, zeigen mit den Fingern her— unter und hohnlachen: Seht, er war weniger wie wir und dünkte sich doch so viel mehr!— Wenn dann aber der Genius seine Flügel unerwartet ausbreitet und mit gewaltigen Schwingungen hoch über ihre Köpfe hinweg in den Aether hinaufsteigt, dann stehen sie mit offnem Munde da und bewundern ihn— haha, sie bewundern ihn!
„Auch mich haben sie bewundern gelernt, obgleich ich ihnen heimlich ein Dorn im Auge geblieben bin, auch mir huldigten sie, hoben mich in den Himmel— und doch bin ich überzeugt, daß sie sich heimlich zuraunen: Eine gerechte Strafe für sein Leben! Aber was frage ich nach den Menschen! Mir selbst genug thun wollte ich und hätte es gekonnt, wenn— ich sehend geblieben wäre.“
Er stöhnte laut auf, und Gottliebe drückte leise seine Hand und
versuchte ihn zu trösten.
„Ja, Sie sind gut,“ erwiderte er ihr mit schwachem Lächeln, „und ich dürfte Ihnen dankbarer sein. Sie haben eine sanfte Stimme und eine so schöne Hand, ich liebe das bei Frauen, ob⸗ gleich es mir zum ersten Mal geschieht, daß ich eine Ihres Geschlechts so beurtheilen lernen muß wie Sie. Früher hielt ich es für die einzige werthvolle Tugend, für die eigentliche Summe ihrer ganzen Existenz, schön zu sein und den Augen des Mannes zu gefallen, nach dem Mehr oder Minder bemaß ich die Berechtigung ihres Seins. Der Kultus, den ich mit der Schönheit des Weibes trieb, mag vielleicht übertrieben sein, aber er entsprang zu sehr der Grund⸗ bedingung meiner eignen Existenz. O, und wie oft habe ich im Staube vor meinen Götzenbildern liegen dürfen!— Ob sich meine Ideale auch mit dem Herzen zu mir herabneigten, wenn sie mich emporhoben, das weiß ich nicht, ich vergaß es stets, darüber nach⸗ zudenken und kam deshalb in den bösen Ruf eines Frauenverächters; erst Ihnen gegenüber, Gottliebe, ist mir eine Ahnung dessen gekommen, was das Herz einer Frau unter Umständen bergen kann: Verhüllte Aufopferung, stumme Tugenden, liebevolle Zärtlichkeit.“
Eine helle Gluth war in die Wangen des Mädchens geschossen, jetzt zum ersten Mal entzog sie ihm fast heftig ihre Hand.
„Sie irren, Herr Professor, ich thue nichts weiter als meine Pflicht, das fordert die Anstalt von jeder ihrer Pflegerinnen.“
„Ihre Pflicht, so, so!“ meinte er, den Kopf in die Hand stützend und die schönen Augen ihr zuwendend, während ein ironisches Lächeln um seine Lippen zuckte.„Dann muß ich gestehn, daß Ihre Anstalt sehr viel von Ihnen verlangt! Ihre Pflicht ist es also, meine end⸗ losen Jeremiaden geduldig anzuhören, meine Launen und wechseln⸗ den Stimmungen sanftmüthig zu ertragen, Ihre Pflicht, mich zu zerstreuen und zu erfreuen, wo Sie nur können.— Ach, gehen Sie,“ fuhr er ungeduldig fort,„mir machen Sie das nicht weiß, ich fühle Ihre Theilnahme an dem Ton Ihrer Stimme, dem Druck Ihrer Hand und— ich danke sie Ihnen.“
Gottliebe seufzte tief auf.
„Wenn Sie sehen könnten, Herr Professor, so würde sich das unscheinbare Mädchen nicht im Geringsten Ihrer Beachtung rühmen dürfen, Sie würden mir keinerlei Existenzberechtigung zugestehn, denn ich bin häßlich.“
„Sind Sie das wirklich?“ fragte er mit leisem Auflachen. „Nun, Ihre Stimme und Hand genügen meinen Ansprüchen voll⸗ kommen, Ihr Fuß wird sich dasselbe nachrühmen dürfen.“
„Das, was Sie hervorheben, ist gerade das Wenigste,“ meinte sie etwas gereizt,„es würde Ihnen unmöglich alles Andere ersetzen, sobald Sie prüften.“
„Sie sind allerdings klein und zart und schmächtig, wie eine Elfe,“ gab er zu.„Ich könnte Sie bequem auf meinen Armen forttragen.“
„Und mein Gesicht ist lang und blaß, Nase und Mund zu groß, Augen zu klein—“
„Welche Farbe?“ examinirte er weiter.
„Grau.“
„Und das Haar?“
„Braun, aber ihm mangelt jede Ueppigkeit. verdeckt es nur. Sie sehen also——“
„Gottliebe,“ unterbrach er sie und legte den Arm um ihre Taille, „ich schenke Ihnen den Rest; wie Sie aussehen, weiß ich am Ende besser, als Sie glauben. Eine Charitas sind Sie, ein engelhaftes, engelgleiches Geschöpf, wenn auch keineswegs eine Schönheit; ich würde Sie, wenn ich Sie malte, neben einen todtwunden Krieger stellen, aber ich habe keine Lust, Sie zu malen, selbst wenn ich es könnte, ich hätte Lust, Sie an meine Seite zu fesseln, für immer und ewig; an die Seite eines blinden, egoistischen Mannes, der gewöhnt ist, jeder Laune den Zügel schießen zu lassen, ob zu seinem oder Anderer Nachtheil. Gottliebe, würden Sie vor dieser Aufgabe nicht zurückschrecken?“
Sie hatte sich jäh erhoben und war ihm entflohen, ihr Herz klopfte so stürmisch, ihre Wangen brannten. Die Erregung, die sie befallen, mußte sie ihm verbergen um jeden Preis. Eine Weile blieb es still nach seiner Frage, sein aufmerksam lauschendes Ohr vernahm keinen Laut.
„Gottliebe!“ rief er endlich leise und dann, beide Arme in die
Das Häubchen
Leere streckend, setzte er schmerzlich hinzu:„O bleiben Sie bei mir,
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