Ausgabe 
31.10.1886
 
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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 31. Oktober.

Nr. 44.

zu den

Ouherhessischen Machrichten.

Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert.

Machen Sie das Buch zu und hören Sie mit dem Lesen auf, Gottliebe, Sie verderben sich noch die Augen. Eben schlug es Sieben. Um diese Jahreszeit und an solchem Regentag wie heute ist es schon viel zu dunkel, um derartige Samariterpflichten noch weiter auszudehnen.

Eine kleine, schattenhafte Gestalt am Fenster, mit glatt an⸗ liegendem Haar, weißem Häubchen und nonnenhaft einfacher Kleidung schloß gehorsam bei dieser in energischem Ton gesprochenen Auf forderung das Buch, das sie in Händen hielt und ließ es in den Schooß sinken. Ihre Augen wandten sich dem Sprechenden zu, aber sie sagte nichts.

Nun? fragte dieser ungeduldig.Habe ich nicht Recht? Es ist schon dunkel und Ihre Stimme klingt ermüdet. Ich hasse heisere, nach Athem ringende Töne! Sie wissen das auch recht gut; wes halb hörten Sie nicht von selbst auf?

Der Abschnitt war noch nicht zu Ende. Lektüre interessirte Sie, Herr Professor.

Sie bringen mich faktisch zur Verzweiflung mit Ihrer sanften Selbstaufopferung, Gottliebe! Mein Himmel, seien Sie einmal ungeduldig, einmal empfindlich, einmal wie andre Weiber! Er regen Sie nicht immer das Gefühl in mir, als hätte ich mich vor Ihnen zu schämen, weil ich ein Tyrann wäre, der Sie unmotivirt mit seinen Launen plagt. Ich komme mir so schon gottsjämmerlich elend und verzweifelt vor!

Mit einem tiefen Seufzer strich er über die hohe weiße Stirn und durch das lange, goldblonde Haar, das sich ihm in den Nacken herab ringelte, während er sich ungeduldig in die Sophaecke zurück warf. Sein schönes geniales Gesicht mit dem kräftigen Kinn, der geschweiften Nase und den dunklen, stark gezeichneten Brauen über hellen Augen, trug einen Zug herber Gereiztheit, verzehrender Qual, der es im Ausdruck wohl beeinträchtigte, aber auch zugleich sym⸗ pathischer machte, denn hätte dieser gefehlt, so würden statt seiner unbändige Herrschsucht, krasser Egoismus, Hohn und Weltverachtung ihren Stempel auf dasselbe gedrückt haben.

Immer tiefer wurde die Abenddämmerung, die in das stille Zimmer kroch. Von der dunklen Sophalehne zeichnete sich nur noch das schöne bleiche Männergesicht wie ein weißer Fleck und die kleine Gestalt am Fenster wie eine dunkle Silhouette in dem grauen Licht. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Plötzlich seufzte der Professor fast stöhnend auf und Gottliebe fuhr bei dem Laut zusammen, legte die Hand auf's Herz, beugte den Kopf weit vor in der Dunkelheit und öffnete einen Augenblick die Lippen. Aber sie sprach wieder nicht. Was sie ihm sagen konnte, banale Trostesphrasen, erschien ihr selber so kleinlich, so unwahr, solch' ein Hohn einem wirklichen

Ich glaubte, unsere

Und dann begann er wieder, aber in einem gänzlich veränderten Ton, reuig, schuldbewußt, beinahe demüthig bittend:

Sind Sie noch hier, Gottliebe? Wollen Sie es wirklich bei mir aushalten? Armes Kind, ich quäle Sie so sehr, aber ich kann nicht anders! Kommen Sie her, setzten Sie sich zu mir, geben Sie mir Ihre Hand, damit ich es fühle, daß ein menschliches Wesen wenigstens mir nahe geblieben ist, trotz des Elends, das mich um giebt. Erzählen Sie mir etwas, lassen Sie uns plaudern nur nicht ewig denken und wieder denken müssen! Es führt zum Wahnsinn! Wo sind Sie, Gottliebe?

Er fuhr tastend und suchend mit seiner Hand in die leere Luft, rechts und links, bis er sie berührt und festgehalten fühlte. Weich und warm legten sich schlanke Finger um die seinen und nun griff er zu und zog das Mädchen neben sich auf's Sopha.

Scheu, wie ein furchtsamer kleiner Vogel drückte sie sich ganz in die Ecke, aber ihre Hand entzog sie ihm nicht und langsam tastend glitt er über sie hin, folgte ihrer klassisch schönen Form vom Hand gelenk abwärts bis zu dem schmal zugespitzten Nagelglied, fühlte die sammtartige Weiche der Haut und hielt endlich inne, als er die Stelle traf, wo das Blut pulsirte. Er schien überrascht.

Wie erregt Sie sind, Kind! sagte er ohne Weiteres,gestehen Sie es doch zu, Sie sind innerlich empört über den Despotismus, den ich mir Ihnen gegenüber anmaße, und nur zu gutherzig gegen einen armen Blinden, Ihrer Entrüstung Worte zu leihen.

Nein, Herr Professor, die Stimme der Sprechenden hatte die vorherige Müdigkeit überwunden und vibrirte wieder in ihrer ganzen klangvollen Tonfülle.Sie machen sich schlechter wie Sie sind, von Despotismus habe ich noch nichts bemerkt und eine ge wisse Gereiztheit bedingt Ihr Zustand.

Mein Zustand! wiederholte er gepreßt und legte ihre Hand auf die lichtlosen Augen, denen kein Fremder anzusehen vermochte, daß ihnen die Sehkraft mangelte..

O Gottliebe, der qualvollste, der erbärmlichste Tod wäre solch' einem Dasein tausendmal vorzuziehen!

Sie werden genesen, Herr Professor.

Werde ich das? rief er mit höhnendem Auflachen.Wo steht das geschrieben? Wo? Wer sagt Ihnen, ob die Aerzte, die mir das vorhalten, nicht Ignoranten sind, oder vielleicht diesen Trost aus Barmherzigkeit erfunden haben, um mich abzuhalten, meinem Leben selbst ein Ziel zu setzen und mich mit kargem Hoffnungs⸗ schimmer hinfüttern wollen, bis ich mich an das Entsetzliche gewöhnt habe. Aber ich sage Ihnen, Gottliebe, nie und nimmer ertrage ich das! In ewigem Dunkel dahinleben, ohne Zweck, ohne Ziel, nicht mehr sein wie ein neugeborener Hund, baar alles dessen, was bis⸗ her unser Streben, der Inhalt das Lebens gewesen, ein Gegenstand des Mitleids, der Hilflosigkeit! Mag ein Anderer es auf sich nehmen,

Jammer gegenüber, daß sie sich scheute, sie auszusprechen.