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ihr Gesicht hatte Thränen und Kummer abgestreift und lächelte dem Italiener entgegen.
„Lieber Papa,“ sagte sie in der alten schmeichelnden Weise,„ich habe hier einige Rechnungen aufgesucht, Du würdest mir einen
troffen, hatte sie nicht an sein Herz zurückgeführt.— Er schloß kein Auge in der Nacht und war schon wieder auf, ehe der Tag graute.
So groß auch seine Ungeduld war, Berlin zu verlassen, wollte
1 rechten Dienst leisten, wenn Du mir diese langweiligen Geschichten er doch nicht den Schlummer seines Kindes stören. Heute war er 1 0 ordnen wolltest. Ich habe auch ohnedies noch so viel zu thun, voll Hoffnung für die Zukunft; er war sicher, daß Alles anders 1 7 daß ich den ganzen Nachmittag dazu brauche. Also bis zum Abend, werden müsse, sobald sie nur einmal in Mandsfeldt waren.„Nur 8 . auf Wiedersehen!“ N fort von hier,“ murmelte Lindner und erhob sich bebend. Es war W * Er wäre lieber bei ihr geblieben. Er sollte es wohl um seiner nun nicht die Zeit, ruhig auszuschlafen und es klieb ihm kaum 1 — Ruhe willen nicht erfahren, wie gewissenlos a Hermani bei noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges. Wieder stand ein 5 g Signor Peccatti Schulden gemacht hatte. Die Verlaͤssene war doch Mensch mit einem weißen Papier vor der Thüre und trat mit ihm 4 wieder gefaßt und es freute den Vater aufrichtig, daß sie eine schöne hinein ins Thor. 4 gewählte Toilette gemacht, das bewies ihm am besten, daß sie stark„Zu wem wollen Sie?“ rief der Portier dem Manne zu. 5 und muthig sein wollte. Er sah im Wagen die verschiedenen Rech—„Zu dem Lord oder zur Lady Graham,“ antwortete er.“ 1 nungen durch und runzelte die Stirne; da reichten die zehntausend„Ist Niemand mehr da, ist Alles abgereist,“ sagte der Portier. g „ Mark nicht aus, die er mitgebracht. Modistinnen, Handschuhmacher, Der Mann kehrte mit einem lauten Fluch um und Lindner 9 Parfümerie- und Haarkünstler— diese Leute hatten Summen ver- näherte sich dem Portier.„Sie meinen es gut,“ sagte er und steckte . zeichnet, die unmöglich Lady Graham in so wenigen Monaten ver⸗ ihm ein Geldstück zu.„Ich bitte Sie, alle Rechnungen, die meine 1 ausgabt haben konnte; aber es stand deutlich da:„für Ihre Hoch- Tochter angehen, zu sammeln und sie mir zu schicken, hier lasse ich ö geboren, Lady Graham.“ Das verdroß und kränkte den einfachen[Ihnen meine Karte zurück,“ und damit stieg Lindner die Treppe Mann, daß seine Tochter sich gewissermaßen zur Mitschuldigen des hinauf. 1 ehrlosen Verschwenders gemacht. Nun waren doch jene Leute, die„Wollen Sie noch einmal hinauf gehen?“ fragte der Portier. 5 heute Morgen so ungestüm gewesen, wohl Alle um ihr Geld be-„Die Schlüssel liegen hier, Lady Graham hat sie mir selbst gebracht, ö trogen worden, denn die Güter in England waren doch mit dem ehe sie abreiste.“ 1 Lord verschwunden. Und diese Summe hatte Adelina für ihren„Wir werden in einer halben Stunde abreisen, sorgen Sie da— persönlichen Verbrauch verausgabt! Wohin er kam, da hieß es: für, daß die Koffer hinunter geschafft werden,“ sagte Lindner und das ist die Rechnung bis zum Januar; hier ist die der letzten zwei stieg weiter die Treppe hinauf. 1 Monate, wollen Sie dieselbe gütigst mit berichtigen. Sein Geld„Er hat mich nicht verstanden,“ brummte der Portier.„Hören 5 reichte nicht weit und tief beschämt, die Hände noch voll von un- Sie, mein lieber Herr!“ rief er Lindner nach,„die Koffer sind 5 bezahlten Rechnungen, mußte er Reden anhören, die ihn bis in sein bereits mit der Lady und Signor Peccatti abgefahren. Die Herr⸗— 5 weißes Haar hinein erröthen machten. Er war empört darüber, schaft ist schon gestern Abend um zehn Uhr abgereist; sie hatten es 5 daß er seines Kindes wegen solche Demüthigungen erfahren mußte; sehr eilig, und der Signor lief so oft die Treppen hinauf, bis er 5 und wenn er auch jetzt in ihrer Lage sie schonen wollte, in Mands- dann endlich die Lady am Arme hinunter führte. Sie müssen ja feldt mußte er ein ernstes Wort mit ihr sprechen. Er ging zu allen gestern Abend Signor Peccatti begegnet sein; als sich hinter Ihnen 1 Gläubigern seiner Tochter und gab ihnen das schriftliche Versprechen, die Thüre schloß, schellte der Signor. Die Leute zur Fortschaffung. nuß er sie innerhalb eines Monats bezahlen wolle. Im tiefsten des Gepäcks brachte er schon mit. Aber um Gotteswillen— Frau, 1 Herzen gekränkt und niedergeschlagen kam er Abends in der Wohnung bringe schnell ein Glas Wasser, dem Herrn ist unwohl.“ 1 seiner Tochter an. Um sie her standen gepackte Koffer, sie verschloß Lindner lehnte leichenblaß am Geländer. Der Portier sprang 1 sie sorgfältig und stand mit glühenden Wangen in einem kostbaren hinzu, seinen Fall zu verhindern. Willenlos ließ er sich von dem 5 Reiseanzug vor ihrem Vater. Manne in die enge Stube führen; die Schaar der Kinder gaffte 35
„Du bist fertig, wie ich sehe,“ sagte er,„so wollen wir denn nicht länger hier weilen, sondern in den Gasthof gehen.“
„Ich werde die Koffer nicht ohne Bewachung hier stehen lassen,“ erwiderte sie,„und muß die Nacht hier zubringen.“ Sie war in einer seltenen Aufregung, saß keine Minute stille und ihre Augen glänzten fieberhaft.
Lindner versuchte, durch eine harmlose Unterhaltung über Mands— feldt sie zu beruhigen, aber es war vergebens.
„Du bist sehr erregt, liebe Adeline,“ sagte er;„Du wirst doch wenig in der Nacht schlafen, ich schlage vor, daß wir den Nachtzug nehmen.“
„Unmöglich, Papa! Ich sterbe vor Müdigkeit, ich habe die ver— gangene Nacht kein Auge geschlossen und sehne mich nach Ruhe,“ rief sie hastig.
„So gehe zur Ruhe, ich werde hier bei Dir bleiben, eine Decke wird genügen, ich suche mir ein Sopha,“ sagte Lindner.
„Nein, Papa, die gänzliche Stille um mich, gerade das Be— wußtsein, daß ich ganz allein bin, wird mich am vollständigsten beruhigen. Gute Nacht, ich bin gar zu müde, wir wollen morgen spät fahren, laß mich einmal recht ausschlafen,“ versetzte sie rasch und hielt ihm die glühende Wange zum Kusse hin. Ihre kleine Hand drückte krampfhaft seine Rechte und er verließ wieder das Haus mit dem Gefühl des Unbefriedigtseins, das er immer so nieder— drückend empfunden, wenn er von seiner Tochter kam. Der heutige Tag war einer von denen, die ihren vergifteten Stachel bis ans Ende in der Seele wühlen lassen, das fühlte der unglückliche Mann. Hätte Adeline an seinem Halse gehangen und gesagt:„Vater, ver— laß mich nicht; ich habe nun auf der Welt Niemand mehr wie Dich,“ dann wäre wenigstens seinem Herzen wohl geworden, und er hätte gewußt, daß sein Lebensabend nicht so ganz der Wärme entbehren würde. Aber sein Kind schien den Vater nicht nöthig zu haben. Adeline war der Erinnerung an das Vaterhaus gänz— lich entwachsen, selbst das Unglück, das ihr Leben vernichtend ge—
ihm ins Gesicht; er sah und hörte nichts. Im Innersten gebrochen, saß er da und schwere Thränen kamen aus den starren Augen und flossen die gefurchten, farblosen Wangen hinunter.
Nach einer Weile stand er auf und verließ das Haus.
VIII.
Ein tiefblauer Himmel breitete sich über die grauen Steinmassen von Armünde, die Julihitze war verzehrend, und mit hochrothen Gesichtern kamen die Frauen und Männer mit den Rechen auf den Schultern aus dem Wiesengrund her und traten durch das massive große Thor in den Schloßhof. Das weitläufige massive Gebäude schien gegen die Bezeichnung„Schloß“ zu protestiren, denn es hatte neue hellglänzende Anbauten erhalten. Das geräumige Viereck dieser in der Sonne freundlich blinkenden Bauten war der Stolz des Barons von Manners. Wie oft war er aus der grauen Stein— masse getreten und hatte schweigend die ererbte Stammburg be— trachtet, und es spielte ein Ausdruck auf seinem Gesichte, der sich so übersetzen ließ:„Und siehe, es war Alles gut.“ Ja, dies Alles war sein Werk; er hatte eine Ruine und einige Morgen elenden Landes von seinem Vater geerbt, und durch Einfachheit, richtiges Verständniß und biedere Behandlung seiner Leute ein blühendes Gut geschaffen. Er zählte nun fast neunzig Jahre und sein Ge— dächtniß war getrübt; aber die Freude an seiner Schöpfung schien er noch voll und ganz zu empfinden. Täglich, wenn das Wetter warm und sonnig war, führte ihn der alte Barthel in den Schloß— hof unter die breitstämmigen Linden. Da schob und legte eine zarte sanfte Hand die Kissen im Sessel zurecht und des alten Mannes Blick suchte die milden blauen Augen, die so treu über sein Alter wachten. Ein brauner Lockenkopf war ihm gerade unter den Händen, als er sich niedergelassen, und ein paar muntere braune Augen sahen zu ihm auf. Der alte Mann streckte behaglich die


