Ausgabe 
30.5.1886
 
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[Conte Peccatti sie begleitete.

zu den

Oberhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 30. Mai.

16866.

Adeline hatte nichts davon erfahren; den Grafen Hermani hatte sie seit dem Vorfall nicht gesehen. Dies war nichts Auffallendes, es kam öfters vor, daß er Tage lang nicht zu Hause erschien. Es kamen auch einige Besuche, Nachmittags fuhr sie aus und machte bei dem frischen, hellen Wetter eine längere Spazierfahrt, auf der Abends im Theater allerdings, als sie in ihrer Loge saß, erschien ihr hier und da eine Dame ihrer Bekanntschaft etwas sonderbar, indem jene ihren Gruß kaum mit sichtbarer Verlegenheit erwiderten.Was mag das sein? fragte sie sich befremdet;sollten wirklich einige Damen meines Kreises so eng und kleinbürgerlich denken und in ihrer Prüderie so weit gehen, daß sie mir den Signor Peccatti übel nehmen wollen?

Einige Stunden darnach erschien sie im vollen Glanze, lächelnd und überaus reizend, in der Sbirée der Gräfin Rochen. Die Dame des Hauses erblaßte und barg ihr Gesicht hinter dem Fächer, als sie Lady Graham erblickte. Adelines Kopf hob sich stolz und empört, als sie bemerken mußte, wie ihr die Bekannten auswichen, wie die Herren sie verlegen grüßten und die Damen hinter ihren Fächern zischelten. Da sah sie den jungen Conte Peccatti bleich und erregt auf sich zukommen, sie sah in sein Gesicht und begriff, daß etwas geschehen sein müsse, das ihre Gegenwart hier unmöglich mache. Sie nahm seinen Arm und streifte mit einem verächtlichen Blick im Vorübergehen die Gesellschaft. 5

Der Graf führte sie zu einem Wagen und begleitete sie nach Hause. Auf dem Wege dahin theilte er ihr Alles mit, was auch er erst eben in der Soiree vernommen hatte.

Morgens in der Frühe schon wurde Haussuchung gehalten und Adeline einem kurzen Verhör unterworfen. Darauf entließ sie die Dienstboten, die sie mit dem Letzten, was ihr geblieben, bezahlte und dann riegelte sie ihre Thür fest zu.Wenn nur schon der elende Mensch weit, weit geflohen wäre!

Der Vater war noch immer bei ihr, er bat sie, sich anzukleiden, ihre Sachen ein wenig zu ordnen und mit ihm die Wohnung zu verlassen. 5

Das kann nicht so im Augenblick geschehen, antwortete sie. Laß mir wenigstens Zeit, daß ich mich so weit fasse, an so Unter geordnetes denken zu können.

Ich meine, es wird Dir besser und wohler sein, wenn Du diese Räume verlassen hast, sagte er.Fasse Dich, mein armes Kind, und suche in dem Gedanken ein wenig Trost zu finden, wie glücklich Du nun mein Alter machen wirst.

O wie soll ich jetzt an Dich denken, wo mich jeder Augenblick mit der Gegenwart des Menschen bedroht, der mich so erniedrigt hat? erwiderte sie mit Bitterkeit.

Deshalb fort, nur fort aus diesem Hause! rief er ungeduldig,

Die Stiefmutter.

Roman von M. Elton. (Fortsetzung.)

was Du noch zu ordnen hast, werde ich besorgen; ich dachte, Du möchtest vielleicht etwas nöthig haben und bin mit Geld versehen.

Wenn Du einige tausend Mark bei Dir hast, so gieb sie mir; Du kannst mir nichts besorgen; so schwer es mir auch wird, ich muß es selbst thun und meine Angelegenheiten wenigstens ordnen, antwortete sie düster.

Und sollen wir unsere Abreise nach der Heimath auf morgen frühe festsetzen, kannst Du bis dahin mit Allem fertig sein? Siehst Du, Kind, ich muß es Dir sagen, ich fürchte für Dich die Ein mischungen der Polizei und dergleichen Unannehmlichkeiten.

Was kann sie mir anhaben? Ich brauche nichts zu fürchten, rief sie außer sich.

Gewiß nicht, mein stolzes, muthiges Kind; aber reisen wir morgen früh mit dem ersten Zuge nach Mandsfeldt ab? Ja? Er sah sie zärtlich bittend an.

Ja, wenn Du es so willst, antwortete sie.

Ein leises Klopfen wurde an der Thüre des Zimmers gehört, Lindner erblaßte.

Ich hatte die äußere Thür wohl verschlossen, flüsterte er; das kann nur der Lord sein, der mit einem Hauptschlüssel ein⸗ getreten ist.

Es ist Signor Peccatti! rief Adeline und eilte nach der Thüre. In welch einem erschreckenden Neglige bin ich doch. Hier, Papa, nimm diese Schlüssel, führe ihn in den mittleren Salon und unter⸗ halte ihn so gut Du kannst, ich werde nur ein wenig Toilette machen und dann kommen.

Während ihr Vater zur Thüre hinausging, rief sie dem Italiner, hinter ihrem Vater versteckt, zu:»Vengo subito, caro mio(ich komme sogleich, mein Lieber.)

»Bene, benissimo!«(Wohl, sehr wohl) antwortete er und ging mit Lindner nach dem Salon!

Lindner war überzeugt, daß er einem Hauptgläubiger seines Schwiegersohnes gegenüber stehe, sonst würde ihn seine Tochter jetzt nicht vorgelassen haben, es mußte wohl Alles von diesem Menschen zu fürchten sein; denn er hatte sogar einen Hauptschlüssel und hielt ihn ganz ungenirt in den Händen. Das war nun nicht leicht, ihn zu unterhalten, der Signor sprach wohl, aber Lindner verstand nichts daraus, wie das öfters mit tragischem Ausdruck wiederholte Wort: »la poverinas.Er bedauert wenigstens mein armes Kind und sieht auch sonst nicht gerade unerbittlich aus, dachte er bei sich. Ob es wohl Adelinens Absicht war, dennoch nicht zu erscheinen? Sie blieb eine volle Stunde aus und kam dann endlich in großer Hast. Lindner stand und staunte das Wunder an: sie war wie

umgewandelt; blühend, jugendlich schön trat sie in den Salon ein,

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